"Wege aus der Gewalt" - Runder Tisch "Häusliche Gewalt" seit 15 Jahren 

Gewalt: "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich"?

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"Gemeinsam gegen Gewalt": Vertreter der Behörden, der Polizei und der Ämter am Montag im Rosenheimer Rathaus anlässlich 15 Jahre Runder Tisch "Häusliche Gewalt"
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Rosenheim - Opfern von häuslicher Gewalt fällt eines meistens schwer: Den Bann der Aggressionen zu durchbrechen. Seit 15 Jahren organisieren sich die Helfer in Stadt und Landkreis. Eine Bilanz:

"Rund 1.400 Anzeigen nur wegen häuslicher Gewalt verzeichnet das Polizeipräsidium Oberbayern Süd jährlich", erklärt Katharina Spöttl, Kriminalhauptkommissarin und Opferschutzbeauftragte im Rahmen der Veranstaltung zum 15-jährigen Bestehen des runden Tisches. 85 Prozent der Opfer sind weiblich, nur 15 Prozent männlich, so die Polizeibeamtin weiter. Im Stadtgebiet Rosenheim verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr rund 220 Fälle, mit eingerechnet auch solche Vorkommnisse oder Einsätze, bei denen keine Anzeige bei den Beamtinnen und Beamten erstattet wurde. Im Landkreis waren es im selben Zeitraum sogar 294 Meldungen, auf die hin ihre Kollegen ausrückten. "Bei Straftaten im privaten Bereich gehen wir zudem von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Es ist schwierig, hier genaue Aussagen zu treffen", ergänzt die Beamtin. Mit einer neuen Initiative wollen die Beteiligten des runden Tisches rund um das Themenfeld "Häusliche Gewalt" nun noch mehr Licht ins Dunkel bringen:

Beispiellose Vernetzung in Stadt und Landkreis

Besonders stolz zeigte sich Bettina Sewald von der Vernetzung der einzelnen Einrichtung, wenn es um das Thema "Gewalt im privaten Tabu-Bereich" gehe. So waren beim Jubiläum anlässlich des runden Tisches nicht nur Vertreter der Polizei, der Diakonie, des Weißen Rings, des Frauenhauses und des Mädchen- und Frauennotrufs vor Ort; zu allen Beteiligten hätten sich über die Jahre hervorragende Kontakte, ein unbürokratisches Zusammenarbeiten und "kurze Wege" entwickelt, so Bettina Sewald.

Seit Mai 2000 übernimmt die Gleichstellungsstelle der Stadt Rosenheim die Organisation der Treffen, angeregt wurde die Vernetzung vorher von der Staatsanwaltschaft, der Polizei und den Hilfseinrichtungen. "Noch vor 15 Jahren war die Haltung zu diesem Problem nicht so offen. Da liefen Vorfälle eher unter dem Motto "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", erinnert sich die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Dank geänderter oder überarbeiteter Gesetze und der übergreifenden Zusammenarbeit sei man heute jedoch in der Lage, auf "Straftatbestände von Bedrohung bis hin zum versuchten Mord, passgenau und vor Ort zu reagieren", so Bettina Sewald weiter. 

Auch beispielsweise im Bereich der Männerberatung, die durch die Diakonie betrieben werde, gehe man immer wieder neue Wege. Im Rahmen von speziellen Therapiesitzungen, die aus zertifizierten, staatlich vorgegebenen Modulen bestehen, sollen Männer lernen, mit Aggressionen umzugehen und diese nicht in der Beziehung auszuleben, erklärte Christof Furtwängler von der Diakonie Rosenheim.

"Gewalt hat viele Gesichter"

Die anwesenden Vertreter aus der Politik, Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer und Landrat Wolfgang Berthaler, zeigten sich beeindruckt von den Leistungen des runden Tisches "Häusliche Gewalt". "Man kann sich nicht vorstellen, dass dieses Thema immer noch präsent ist", zeigte sich Gabriele Bauer fassungslos, nicht nur in Hinblick auf den heutigen Bildungsstand. Sie gab dabei zu bedenken, dass sich Gewalt vielfältig zeige, angefangen von psychischem Druck, bis hin zum Schlag ins Gesicht. Genauso vielfältig wie die Erscheinungsbilder seien schließlich auch die Ursachen, so die Oberbürgermeisterin. "Eines muss aber klar sein: Gewalt ist etwas, was nicht zuzulassen ist."

Auch Landrat Wolfgang Berthaler würdigte den Einsatz der zumeist ehrenamtlichen Helfer in den beteiligten Organisationen. Er richtete sein Augenmerk neben den betroffenen Frauen besonders auf die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft: "Wer schlägt, dem gehen die Argumente aus! Eine wirklich hinterhältige Geschichte", verurteilte Berthaler Gewalt in den heimischen vier Wänden. Besondere Arbeit sei zudem im Zuge der aktuellen Flüchtlingswelle nötig. "Wir müssen die Menschen an ein gemeinsames Miteinander heranführen. Und das ist nur mit einer guten Vernetzung möglich", so der Landrat.  

Die Herausforderungen der Zukunft

Der Umgang mit dem Thema vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik fordere von den Helfern einiges ab: Neben der Sprachbarriere und den kulturellen Unterschieden erschwere besonders das Selbstverständnis mancher Frauen die Hilfe. "Dazu müssen wir ein Bewusstsein für Gewalt schaffen. Wo fängt Gewalt an?" stellte Brigitte Steiner, die Leiterin des Rosenheimer Frauenhauses die Frage in die Runde. Die Antwort soll verstärkt die proaktive Beratung von Frauen und Mädchen dienen, die die unterschiedlichen Organisationen auch weiterhin ausbauen möchten.  

Mit dem neuen Informationsflyer, der ab sofort an vielen Stellen in Rosenheim erhältlich ist, will der runde Tisch das Bewusstsein in der Öffentlichkeit dazu weiter schärfen und den Opfern zusätzlich einen Leitfaden an die Hand geben. So finden Betroffene oder Ratsuchende bei häuslicher Gewalt alle Ansprechpartner gebündelt mit den jeweiligen Erreichbarkeiten, die in solchen Fällen dann nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat zur Seite stehen.

Quelle: rosenheim24.de

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