Vortrag mit Josef Kraus auf Einladung des AKS

Wird die Muttersprache "stiefmütterlich" behandelt?

+
Landtagsabgeordneter Otto Lederer neben Referent Josef Kraus. In der Mitte AKS-Vorsitzender Peter Peltzer, daneben Kerstin Haferkorn (Vorsitzende BRLV-Bezirk Obb/Ost), rechts daneben Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner.
  • schließen

Rosenheim - Echt, tiefgründig und manchmal wohl etwas zu ehrlich. Das ist der Referent Josef Kraus durchaus. Man könne nicht alles abnicken, was einem im Schulwesen so aufgetischt werde, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes in seinem äußerst lebendigen Vortrag im Gasthaus Höhensteiger. Der Arbeitskreis Schule, Bildung und Sport hatte dazu geladen.

Er ist kein Satiriker, dafür kennt er den Ernst der Lage viel zu gut. Er ist ein Praktiker, der um den Schulwahnsinn weiß und die Politik manchmal leicht „abwatscht“, wenn er nicht ganz einverstanden ist mit den Empfehlungen, Entscheidungen und Ausführungen, die im Bereich der Schulbildung von politischer Seite kommen. Die Rede ist von Josef Kraus: Ein Mann mit Vergangenheit als Lehrer, Buchautor, Psychologe und Redner. Und auch Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Referent und Buchautor Josef Kraus

Seine Vorträge sind beliebt, er kommt viel herum. Auch in manche Talkshow hat er es geschafft, von einigen möchte er sich aber rückwirkend lieber distanzieren. Er hat Ecken und Kanten, und will auch gar nicht von jedem gemocht werden. „Anecken gehört manchmal dazu“, lächelt Kraus. Josef Kraus folgte gerne der Einladung des Arbeitskreises Schule, Bildung und Sport des CSU Kreisverband Rosenheim. Beim Vortrag zum Thema "Trojanische Pferde der Deutschen Schulpolitik und Schulbildung" mit anschließender Diskussion im kleinen Saal des Gasthofes Höhensteiger in Westerndorf sprach Kraus viele Lehrer, Schulleiter, Verbündete und Kritiker gleichermaßen an.

AKS-Vorsitzender Peter Peltzer

Im Publikum auch die beiden Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner und Otto Lederer. Mit dem Grußwort des ersten Vorsitzenden des AKS, Peter Peltzer, begann die eigentliche Veranstaltung, die besonders viele Punkte rund um das Schulsystem aufzugreifen versuchte. Peter Peltzer dankte den zahlreich anwesenden Vertretern der Wirtschaft, darunter Andreas März, Alfred Thunig für Kathrein, Andi Geisler für die Sparkasse sowie zahlreiche Vertreter der Politik, darunter Bezirksrat Wunsam, Bezirksrätin a. D. Eleonore Dambach, Vertreter des Rosenheimer Stadtrats sowie die Vorstandschaft des AKS und zahlreiche Elternvertreter. "Wettbewerb belebt das Geschäft" – diesen Schlagsatz stellte Peter Peltzer in den Raum und sorgte umgehend für zahlreiche Tuscheleien im Publikum. Kein „Reizwort“ greift tiefer in verschiedene Richtungen ein und erhitzt die Gemüter mehr. „Wo gibt es in Deutschland in der Bildung noch einen Wettbewerb?“, fragte der AKS-Vorsitzende aus Rosenheim. Als Einleitung für die Ausführungen von Josef Kraust brachte Peltzer auch die Sinnhaftigkeit zu PISA „ins Spiel“. Peltzer sieht in den PISA-Ergebnissen Zahlen, mit denen man die Qualität des bayerischen Schulwesens belegen könne.

Klaus Stöttner mit Josef Kraus beim Signieren des Buches "Helikoptereltern"

Umgehend gab es auch von Referent Josef Kraus eine Meinung zu diesem Thema. Kraus konterte mit dem Begriff "PISA-Schwindel". Für ihn liege der Schwindel im „Schwindel mit den Zahlen“. Von der Zahlenflut werde man schwindelig, so Kraus. Bevor sich Josef Kraus in Rage redete, sprach Klaus Stöttner in seinem Grußwort über die Bedeutung des Arbeitskreises Schule, Bildung und Sport Rosenheim ein. Der Arbeitskreis sei einer der größten in Bayern und von ihm aus gingen die meisten Modellversuche aus, so Stöttner. Als Beispiel nannte der Landtagsabgeordnete das Rosenheimer Modell oder die Möglichkeit „9+2“. Da Rosenheim einer der stärksten Wirtschaftsregionen sei, würden bestens ausgebildete Absolventen für Wirtschaft und Mittelstand benötigt, zeigte sich Stöttner überzeugt.

Josef Kraus war schnell „in seinem Element“. Er belächelte die Helikopter-Eltern, hat ihnen gar ein ganzes Buch gewidmet. Er nimmt auch die Politik weiter in die Pflicht und spricht davon, dass man ruhig auch mal am traditionellen festhalten dürfe.

Otto Lederer zeigte sich überrascht, dass er in vielen Punkten gleicher oder ähnlicher Meinung war wie Josef Kraus

Den Wirr-Warr zwischen G8 und G9 verteufelt er ein bisschen, ist hier etwas anderer Meinung als Landtagsabgeordneter Otto Lederer. Lederer betonte, das G8 sei nicht so schlecht, wie sein Ruf. „Man könnte schon mit dem G8 leben“, zeigte sich Otto Lederer überzeugt. Der Landtagsabgeordnete zog bei manchen Dingen gleich mit dem Schulsystem-Kritiker Josef Kraus.

Beide zeigten sich deprimiert von der zunehmenden Freigabe des Elternwillen und von der Tatsache, dass das Leistungsprinzip in den Hintergrund gerate. Weil das Wort Selektion als historisch belastet gelte, sei der Elternwille sehr mächtig geworden, so Kraus.

„Den Lehrplan jedoch schreiben nicht die Politiker, sondern die Lehrer“, so Lederer. Ihm war diese Information besonders wichtig, hatte Kraus zuvor doch gerade davon gesprochen, dass die Entwicklung der Lehrpläne alles andere als „normal“ verlaufe. Josef Kraus versuchte, die Zuhörer ein wenig zu provozieren, nahm Wörter wie „Verbal-Erotik“, „Schaufensterpolitik“ und „Quotenwahn“ in den Mund und erläuterte, dass es in den Auflistungen der Aufgaben um Kompetenzen gehen würde, die oft nur wenig mit Bildungsstandart zu tun habe. „Wenn plötzlich alle Abitur haben, hat eigentlich niemand mehr Abitur“, so Kraus.

Sicherlich brauche es in Deutschland und der Welt etliche Akademiker, aber wichtig seien auch die Fachkräfte, die Handwerker, die Praktiker. „Warum vergessen das die Menschen immer wieder“, fragte sich Kraus.

Nicht alles in der Schule hat Zukunft Es fehle ihm im Schulalltag an Fakten, Zahlen, Daten wichtiger Ereignisse. Im Fach Biologie fehle es gar an Biologie-Themen und das Fach Deutsch sei von Fremdwörtern gespickt, dass man förmlich davon reden könne, dass die Muttersprache stiefmütterlich behandelt würde.

„Leider widmen sich die Schulen in Deutschland der Muttersprache, nämlich Deutsch, nur noch wenige Schulstunden, in anderen Ländern ist dies ganz anders“, so Kraus. Immer bedeutender würde auch der Umgang mit dem Schlagwort „Inklusion“, das nach Meinung von Kraus nur ein moderner Begriff sei, bei dem es in der Praxis oft nicht wirklich um Eingliederung oder Kindeswohl gehen würde. Auch der modifizierte und deutlich veränderte Sexualkundeunterricht und die in der Gesellschaft veränderten Partnerschaften würden den Schulalltag entscheidend verändern. „Gender bedeutet nicht das biologische Geschlecht, sondern das soziale Geschlecht eines Menschen, darauf geht zukünftig und immer mehr auch der Unterricht ein“, bemerkt Josef Kraus.

Bundesländer im Anpassungsmodus?

Wettbewerb unter Absolventen oder auch unterschiedliche Wertung und Leistungsniveau in den Schularten, ein leidiges Thema für Josef Kraus. Er halte wenig von Gemeinschaftsklassen, betonte er. Und auch die bayerische Version, nach der vierten Klasse den Weg in eine weiterführende Schule zu gehen, sehe er immer noch als "richtig und wichtig" an. Den Austausch von Aufgaben und Wissensabfragen zwischen einzelnen Bundesländern könne er überhaupt nicht verstehen. Gemeinsame Aufgabenpools halte er für einen regelrechten Zirkus. „Das ist jetzt gerade zur Übertrittszeit auch besonders amüsant zu merken, wie ungefiltert die Klassen mancher Schularten bestückt werden“, so der beliebte Referent. Es sei kritisch zu betonen, dass es eben nicht für alle Kinder sinnvoll sei, aufs Gymnasium zu gehen. Falscher Ehrgeiz der Eltern und Druck und Wettbewerbseifer in der Gesellschaft und bei den Kindern untereinander könne fatal enden. „Aber ich möchte natürlich nicht alle Eltern in ein und dieselbe Ecke drängen und mit Vorhaltungen belegen“, so Kraus. Nach dem Vortrag leitete Kerstin Haferkorn, die erste Vorsitzende des Bayerischen Realschullehrerverbandes Bezirk Oberbayern Ost eine Diskussionsrunde.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Rosenheim

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser