Der Windpark im Mafia-Land

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Energiewende als Chance zur Geldwäsche? In Kalabrien beschlagnahmte der Staat einen Windpark. Der Rosenheimer Geschäftsführer bestreitet, ein Strohmann der Mafia zu sein. Die Maßnahme wurde jetzt wieder aufgehoben.

Rosenheim/Catanzaro - Der Chef eines riesigen Windparks in Süditalien ist ein Rosenheimer. In die italienischen Schlagzeilen kommt er aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen:

Ob Olympia-Arena für London, Fußballstadion fürs WM-Finale in Südafrika oder Märchenpalast für einen Ölscheich in Dubai: Auf der Weltbühne spektakulärer Großprojekte spielt der Wirtschaftsraum Rosenheim oft die erste Geige. So überrascht es nicht, dass ausgerechnet ein Rosenheimer Geschäftsmann in Kalabrien Chef des wohl größten Windparks Europas ist. Für Schlagzeilen in Italien sorgt aber nicht die Kraft der riesigen Rotoren - sondern der Verdacht, dahinter könne ein gigantisches Geldwäsche-Projekt der Mafia stecken.

Seit Jahren sind italienische Ermittler hinter 32 Personen her, die beim Windpark ihre Hände im Spiel haben - unter ihnen auch der Jurist aus Rosenheim. Als er vor kurzem eine Handvoll italienische Geschäftsfreunde aufs Herbstfest in seiner Heimatstadt einlud, wurde jedes Prost kritisch von einem Observationsteam des Landeskriminalamtes beobachtet. Dass er bespitzelt wird, die Telefone abgehört werden - daran hat er sich gewöhnt.

Nicht aber daran, dass er als Geschäftsführer des Windparks mit einem geschätzten Verkaufswert von 350 Millionen Euro zuletzt monatelang nichts mehr zu sagen hatte. Gelände, Firmen und Konten waren vom Staat beschlagnahmt und unter Zwangsverwaltung gestellt worden - wegen des Verdachts, der Rosenheimer und weitere 31 Projektbeteiligte könnten nur Strohmänner eines mächtigen 'Ndrangheta-Clans sein.

Aber der Wind scheint sich zu drehen - sehr zur Erleichterung des Ex-Rechtsanwalts, der zwar seit Jahren in Italien lebt, aber immer wieder gern zurückkommt nach Rosenheim. Jedenfalls hat der Gerichtshof der kalabresischen Provinzhauptstadt Catanzaro jetzt angeordnet, die Beschlagnahme des Parks rückgängig zu machen und den Rosenheimer sowie die Chefs von zwei Partnerfirmen wieder mit allen Geschäftsführerkompetenzen auszustatten. Vollzogen ist die Maßnahme noch nicht, weil der Beschluss vom 30. Oktober gerade einmal 100 Stunden alt ist. Aber nächste Woche, so hofft der etwas über 60 Jahre alte Windpark-Chef, ist er die drei staatlichen Verwalter, die ihm vor die Nase gesetzt wurden, wieder los.

Die Geschichte des Windparks in Isola di Capo Rizzuto - eine Küstenstadt mit 15 000 Einwohnern an der Sohle des italienischen Stiefels - könnte dem Drehbuch für einen Politkrimi entnommen sein. Ausgerechnet in Kalabrien, wo die 'Ndrangheta, die kalabresische Mafia, das Sagen hat, entsteht Europas größter Windpark.

Treibende Kräfte des ehrgeizigen Projekts sind ausgerechnet zwei nahe Verwandte von Nicola Arena (75), Chef des gefürchteten Arena-Clans, der lebenslang im Gefängnis sitzt. Einer davon, Nicola Arena (48), heißt sogar wie der Pate. Dass die Investoren aus Steuerparadiesen wie der Schweiz und San Marino kommen; dass die mächtigen Windräder zum Teil sogar auf "Mafia-Grund" stehen sollen; dass es mit der HSH Nordbank eine deutsche Landesbank ist, die den Park finanziert und damit möglicherweise 200 Millionen Euro Steuergelder in den Wind bläst - auch das gäbe reichlich Stoff für einen Thriller her.

Als Geschäftsführer der Firma Vent1 Capo Rizzuto, extra für das Windparkprojekt gegründet, ist der Rosenheimer seit den Anfängen im Jahr 2002 einer der Hauptdarsteller. Erste Mafia-Vorwürfe hatte es damals schon gegeben. Doch er bestreitet sie vehement. Jeder Partner habe ein Anti-Mafia-Dokument unterzeichnen, manche sogar ein Führungszeugnis vorweisen müssen, um zu beweisen, dass sie weder vorbestraft noch verdächtig waren. "Wenn die Sache nicht seriös gewesen wäre, hätte sich die HSH Nordbank doch nie darauf eingelassen", sagt er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. In Kalabrien gebe es den Namen Arena wie Sand am Meer. "Du bist unbescholten und kannst nichts dafür, dass dein Onkel ein Böser ist", habe er zu Nicola Arena gesagt.

Doch italienische Zeitungen berichteten, es seien fast 2,5 Millionen Euro Bestechungsgelder geflossen, und die zwei bis dahin unbescholtenen Neffen des Paten, die oft mit dem Rosenheimer unterwegs waren, könnten nach neuesten Erkenntnissen die neuen Clan-Chefs sein. "Alles Schwachsinn", beteuert der Rosenheimer.

Um die Mafia-Vorwürfe vom Tisch zu bekommen, hat er mit zwei weiteren Verdächtigen einen renommierten Turiner Wirtschaftsexperten beauftragt, die Entstehung des Windparks lückenlos zu erfassen, alle Geldströme offen zu legen - vor allem im Hinblick auf mögliche Scheingeschäfte und Geldwäsche. Der Universitätsprofessor kommt - wie der Gerichtshof in Catanzaro - zu dem Schluss, dass die in der Beschlagnahme-Anordnung aufgeführten Vorwürfe unbegründet sind, es keine stichhaltigen Indizien und schon gar keine Beweise gibt. "Die Rotoren drehen sich nicht für den Arena-Clan", titelte jetzt das kalabresische Blatt "Der Crotonose".

Doch endgültig ist die Annullierung der Beschlagnahme noch nicht. Möglicherweise nehmen die Ermittler einen neuen Anlauf.

Immerhin: Die Anlage, die seit 2009 am Netz ist, produziert jedes Jahr eine Strommenge, die dem jährlichen Verbrauch von 80 000 Haushalten entspricht - egal woher der Wind weht. Und die Wiesn 2013, da ist der Rosenheimer sicher, wird er wieder ohne "LKA-Betreuung" genießen dürfen.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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