Das große Wirtshaussterben

Landkreis - Wo liegen die Ursachen für das Wirtshaussterben? Kann die Jugend nichts mehr mit der Wirtshaustradition anfangen - und welche Rolle spielen die Vereinsheime?

Bis in die 80er- Jahre hinein konnten die Schloßberger in fünf Gaststätten ihre Feierabend-Halbe trinken. In der Schloss- wirtschaft, für deren Erhalt sich sogar – erfolglos – eine Bürgerinitiative stark ge- macht hatte, fanden rauschende Bälle statt. Im Gasthof „Zum Bräu“ gab es am Stammtisch zum Bier die neuesten Nachrichten aus der Kommunalpolitik gratis, der Biergarten des „Mitterwirts“ galt als beliebtes Ausflugsziel.

Aus und vorbei, bedauert Gemeindeheimatpfleger Karl Mair. Als das letzte große Wirtshaus vor fünf Jahren schloss, fehlte 4000 Einwohnern in und um Schloßberg der gesellschaftliche Mittelpunkt. Familientraditionen, die nicht an die nächste Generation weiter gegeben wurden, Gebäudeabrisse, in deren Folge die Grundstücke der lukrativeren Wohnbebauung zugeordnet wurden und die Gaststätte nur noch eine Nebenrolle spielte, sowie ständige Pächterwechsel gehörten zu den Hauptgründen für das Schloßberger Wirtshaussterben.

Ein Happy End ist jedoch endlich in Sicht: Vor einem Jahr übernahm Michaela Fenner das „Big Ben“, ursprünglich ein reiner Pils- pub, das sich unter der jungen, rührigen Pächterin zu einem kleinen Gasthaus entwickelt hat. „Gutes bürgerliches Essen, faire Preise, Gemütlichkeit“, bringt Michaela Fenner ihr Erfolgsrezept auf den Punkt. Engagierte Pächter wie die Familie Fenner zu finden, ist jedoch mittlerweile auch für die beiden Brauereien in Rosenheim schwer geworden. Hubert Schwaiger, bei Auerbräu zuständig für die Verpachtungen, stellt vor allem bei Objekten auf dem Land verstärkt Vermittlungsprobleme fest. „Ich bin jetzt seit 40 Jahren in der Branche, dass Wirtshäuer länger leer standen, das hat es früher nicht gegeben“, bedauert Josef Wierer, Sprecher von Flötzinger Bräu.

Jugend ist die alte Wirtshaustradition fremd

„Das Gästeverhalten hat sich stark verändert“, nennt Schwaiger als Grund für das Wirtshaussterben. Der Stammgast, der regelmäßig auf ein Bier oder mehrere vorbeischaue, werde immer seltener. „Der Jugend ist die alte Wirtshaustradition fremd“. Wierer will das Rauchverbot zwar nicht zum Sündenbock machen, sieht jedoch in Folge dieser Regle- mentierung ein großes Stück Gasthofkultur verloren gegangen. Ein weiteres Problem stellt nach Erfahrungen von Schwaiger und Wierer die Personalsuche dar. In einer freizeitorientierten Gesellschaft sei es schwer, Fachkräfte für Dienste zu finden, die sich bis spät abends ausdehnen könnten und vor allem am Wochenende stattfänden.

Auch steigende Nebenkosten etwa für die Energieversorgung und bürokratische Auflagen machen den Wirten das Leben schwer, bedauern die Rosenheimer Brauereien. Schwaiger stellt außerdem fest, dass es vielen Wirten nicht leicht fällt, für notwendige Investitionen Kredite bei den Banken zu erhalten. Und Wierer sieht ein akutes Nachfolgeproblem: Die nächste Generation sei heute oft nicht mehr bereit, die anstrengende Arbeit als Wirt auf sich zu nehmen.

Vereinsheime als Sargnagel?  

Den Vorwurf der Gastronomiebranche, die vielen Festzelte zu Vereinsjubiläen vor allem auf dem Land würden dem Wirtshaus den Bierhahn abdrehen, will Schwaiger nicht akzeptieren. „Festzelte sind keine Neuerscheinung, die hat es früher schon gegeben.“ Trotzdem hat sich in den vergangenen Jahren weitere Konkurrenz entwickelt: „Der Sargnagel für den gutbürgerlichen Gasthof auf dem Land ist das bewirtete Vereinsheim, das häufig sogar von den Gemeinden selber gebaut und finanziert wurde“, stellt die Wirtin eines Gasthofes im Chiemgau fest, die den Betrieb nach Jahrzehnten in Familienbesitz demnächst aufgeben wird.

An fast jeder Straßenecke gebe es mittlerweile außerdem einen Grillhendlstand, bei jedem größeren Metzger einen warmen Mittagstisch. Und wenn Großereignisse wie die Fußballeuropameisterschaft anstehen würden, könnten Wirtshäuser ohne Public Viewing gleich zusperren.

Das Vereinsheim muss jedoch nicht immer ein Problem darstellen: Die Gemeinde Stephanskirchen bei- spielsweise hat den Ausbau eines solchen Gebäudes, das nur einen Steinwurf vom Traditionsgasthof Antretter entfernt liegt, nur unter der Voraussetzung finanziell gefördert, dass dort keine kommerzielle Nutzung stattfindet, was auch in der Regel funktioniert. Hätte die finanzschwache Gemeinde Vogtareuth mehr Geld, würde sie einen solchen Schritt vielleicht auch in Erwägung ziehen. Dort gibt es zwar ei- nen gut geführten Traditionsgasthof, doch der ebenfalls im Zentrum gelegene Klosterwirt ist geschlossen – und mit ihm der einzige Saal im Dorf, der mittlerweile Ferien- wohnungen gewichen ist. „Der Saal geht uns wirklich sehr ab“, bedauert Johann Bauer, Zweiter Bürgermeister von Vogtareuth. Es fehlen nach seinen Angaben schmerzlich Räumlichkeiten für große Veranstaltungen wie die Faschingsbälle oder Konzerte. Bei jedem größeren Fest müssen die Veranstalter in die Turnhalle der Grundschule ausweichen – und den teuren Sportboden umständlich mit einem anderen Belag auslegen.

Ende der bayerischen Gasthofkultur?

Doch die Sprecher der beiden Rosenheimer Brauereien sehen trotz dieser Entwicklungen keinen Grund, die bayerische Gasthofkultur endgültig zu Grabe zu tragen. „Wer ein gutes Essen bietet und guten Service, der wird es schaffen“, sind Wierer und Schwaiger überzeugt.

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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