Wo schenken alle glücklich macht

Wie im Weihnachtswunderland fühlt sich Wünsche-Erfüllerin Sieglinde Hey (rechts), die im Spielzeuggeschäft Fuchs mit Stefanie Haller die Einkaufsliste durchgeht.

Wasserburg - Gut gefüllte Gabentische, für die Eltern die Wunschlisten ihrer Kinder fleißig abgearbeitet haben, gehören zu Heiligabend wie der erleuchtete Christbaum. Doch da ist da noch die andere Seite:

Es gibt auch in Wasserburg Kinder, in deren Familien das Geld so knapp ist, dass es nicht für Präsente reicht. Dass diese Mädchen und Buben trotzdem ein Geschenk erhalten, verdanken sie der Weihnachtsaktion des Wasserburger Vereins Wunschbaum.

Wasserburg - Freudentränen bei einer allein erziehenden Mutter, die auf dem Gabentisch der Wasserburger Tafel für jedes ihrer drei kleinen Kinder ein Geschenk vorfand; ein achtjähriges Mädchen, das sprachlos den Lenker ihres neuen Fahrrades umklammerte und nicht mehr losließ; ein Bub, der mit leuchtenden Augen einen großen Karton mit einem Playmobil-Piratenschiff entgegennahm; eine Teenagerin, die verzückt die erste "coole" Markenjeans ihres Lebens auspackte: Szenen, die sich im vergangenen Jahr bei der Verteilung der Geschenke abspielten und die Sieglinde Hey, aktives Mitglied im Verein Wunschbaum, auch heuer wieder in ähnlicher Weise erleben wird. "Natürlich wusste ich, dass es auch in unserer Stadt arme Familien gibt. Doch durch meine Mitarbeit bei der Wunschbaumaktion erlebe ich diese soziale Not hautnah mit. Und das berührt mich sehr tief im Herzen", betont die 57-Jährige.

Selbst Elke Pawelski, als Leiterin der Wasserburger Tafel mit der Thematik der sozialen Not in einer Wohlstandsgesellschaft vertraut, empfindet die Bescherung an Heiligabend als "ein emotionales Erlebnis, das ganz, ganz tief unter die Haut geht". "Wenn die Kinder mit großen Augen durch die Tür kommen, den Gabentisch erblicken und zu strahlen beginnen, geht uns allen das Herz auf", bringt sie die Stimmung im ehrenamtlichen Helferteam der Tafel auf den Punkt.

Heiligabend beginnt für Elke Pawelski und Sieglinde Hey deshalb heuer im vierten Jahr hintereinander nicht daheim, sondern bei der Wasserburger Tafel der Diakonie, wenn die Familien, die für ihre Kinder einen Wunschzettel ausgefüllt haben, die Präsente abholen. Ihre Namen bleiben geheim. Denn die Wunschbaumaktion legt Wert darauf, dass die Anonymität streng bewahrt wird. Niemand soll sich als arm bekennen müssen. Die Kontakte zu den sozial schwachen Familien knüpft der 2009 gegründete Verein unter Vorsitz von Peter Fichter über die Kindergärten, die Schulen, das Förderzentrum, das Mehrgenerationenhaus, die Familienberaterin und "donum vitae". Sie wissen, welche Eltern ihren Kindern zu Weihnachten nur schwer einen Herzenswunsch erfüllen können und geben die Wunschzettel weiter. Gut 100 kamen heuer zurück.

Peter Fichter und Sylvia Hampel aus dem Organisationsteam der Wunschbaumaktion entwickelten daraus wieder Einkaufslisten, auf denen die Namen mit Nummern verschlüsselt wurden. Die Einkäufer aus dem Verein wissen lediglich, dass sich ein elfjähriges Mädchen einen Schlitten wünscht, ein fünfjähriger Bub einen Legokasten, ein Teenager einen angesagten Duft oder ein Jugendlicher ein Computerspiel. "Wir bewerten die Wünsche nicht, schwingen nicht den moralischen Zeigefinger. Deshalb gibt es für einen 16-Jährigen auch schon einmal ein Kartenhandy, schließlich möchte auch er den Konsumartikel Nummer eins seiner Generation besitzen", betont Vereinsgründer Fichter.

Unterwäsche und Malstifte

Manchmal müssen er und die Aktiven der Wunschbaumaktion schon bei der Sichtung der Wunschzettel gerührt schlucken - etwa wenn sich ein Mädchen statt einer Barbiepuppe wünscht, ihren Papa wieder zu sehen, ein Bub einmal mit der ganzen Familie - "und meinem behinderten Bruder" - ins Badria zum Schwimmen gehen möchte oder so etwas Banales wie neue Unterwäsche und Malstifte auf dem Zettel stehen. Manchmal sind die Einkäufer auch intensiv gefordert - etwa bei der Suche nach einem Ballettkleid mit Pailletten in rosa. Und oft gibt es auch etwas zum Schmunzeln - beispielsweise wenn sich zwei Schwestern jeweils einen eigenen CD-Player wünschen, "damit wir nicht miteinander streiten müssen".

Was die Familien nach Erfahrungen von Fichter besonders freut, ist die Tatsache, dass die Wunschbaumaktion ihren Kindern neues Spielzeug und ungebrauchte Kleider auf den Gabentisch legt. "Für viele ist es einfach schön, auch einmal was Neues zu bekommen oder einmal eine topmodische Jeans tragen zu können", stellt auch Fichters Tochter Lisa, Kassiererin des Vereins und Einkäuferin, fest.

Sie gibt sich bei der Auswahl der Kleidung viel Mühe, denkt sich in die Köpfe eines 14-jährigen Mädchens oder eines 16-jährigen Buben hinein, wenn sie ein Kleiderpäckchen zusammenstellt. Eine Aufgabe, die die 23-Jährige mit großer Freude erledigt. "Weihnachten beginnt für mich mit dem Einkaufen für die Wunschbaumaktion", sagt sie. "Seitdem ich hier aktiv bin, rücken die eigenen Geschenke an Heiligabend in den Hintergrund."

Auch Sieglinde Hey, die Spielzeugeinkäuferin des Vereins, hat ihr eigenes Verhältnis zum Schenken überdacht. In ihrer Familie werden keine Präsente mehr verteilt, dafür treffen sich alle an Heiligabend in großer Runde, um gemütlich beisammen zu sein. Anderen eine Freude zu bereiten, bereitet ihr selber eine Freude - auch, weil die Mutter zweier erwachsener Töchter im Spielzeugladen in Erinnerungen an die Zeit schwelgt, als auch bei ihr daheim noch Puppen und Playmobilfiguren, Legosteine und Puzzles auf dem Gabentisch lagen.

Die Wasserburger Geschäfte unterstützen die Aktion mit großem Engagement und eigenen Spenden. Bei Spielwaren Fuchs etwa wird die lange Geschenkeliste vom Wunschbaum nicht nur abgearbeitet, alle Präsente werden auch hübsch verpackt. Im Gewandhaus Gruber nehmen sich die Verkäuferinnen viel Zeit für Beratung.

Dass die Kasse des Vereins so gut gefüllt ist, hat dieser den vielen Spenden zu verdanken - von Privatpersonen, die etwa bei runden Geburtstagen auf Geschenke verzichten, von Firmenbelegschaften, die bei Weihnachtsfeiern für den Wunschbaum sammeln, oder von Veranstaltern von Benefizaktionen. Die Tatsache, dass Wasserburger Kinder durch Geschenke zu Weihnachten, aber auch durch Schulbedarfspakete oder organisierte Ausflüge in den Zoo direkt profitieren, überzeugt.

Gutscheine gibt es nur in Ausnahmefällen und dann zweckgebunden - etwa für ein Paar Schuhe, die nicht auf Verdacht gekauft werden können. Denn dem Verein liegt am Herzen, dass die Präsente, die heuer bis auf drei alle in Wasserburger Geschäften gekauft wurden, auch wirklich den Kindern persönlich zugute kommen. Damit auch muslimische Mädchen und Buben davon profitieren können, hängt der Verein die Wunschzettel symbolisch bewusst neutral an einen Wunsch- und nicht an einen Christbaum.

Peter Fichter hat die Verteilung der Geschenke in den ersten Jahren noch persönlich übernommen. Auslöser war ein Erlebnis im Jahr 2003: Beim Einkaufen in der Vorweihnachtszeit bekam der Wasserburger Gastronom mit, wie eine Mutter ihrem Kind einen einfachen Wunsch mit der Begründung abschlug: "Du weißt doch, das geht nicht, wir haben kein Geld." In den vergangenen Jahren ist aus seiner Privatinitiative ein Verein geworden, hat sich die Zahl der zu erfüllenden Wunschzettel auf über 120 erhöht. Trotzdem ist Fichter überzeugt: "Es gibt noch eine große Dunkelziffer an Betroffenen, die sich nicht melden, weil sie fürchten, sich als arm bekennen zu müssen. Doch wir garantieren eine höchstmögliche Anonymität."

Scham, Gleichmut und viel Dankbarkeit

Scham ist die eine Seite der Medaille, überzogenes Anspruchsdenken, das allerdings nur ganz selten auftritt, die andere. Was Fichter jedoch auf die Palme bringt, ist die Tatsache, dass manchmal einige wenige Geschenke nicht abgeholt werden, weil Eltern sich selbst zu diesem Gang nicht aufraffen können. "Unter diesem Gleichmut leiden die Kinder", ärgert er sich.

Doch am heutigen Heiligabend steht für alle Aktiven und die beschenkten Familien nur die Freude im Vordergrund: Der Gabentisch, bereits Anfang der Woche von den Aktiven aus dem Verein Wunschbaum und dem Team der Wasserburger Tafel bestückt, biegt sich unter der Last von Barbiepuppen, Baukästen, Büchern und Spielen. "Wir danken allen Spendern und Helfern für ihr Engagement. Sie haben den wahren Sinn von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe mit Leben erfüllt", ist der Verein Wunschbaum überzeugt.

Quelle: rosenheim24.de

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