Schwer psychisch Kranke integrieren

Wasserburg - Nur zehn Prozent aller psychischen Erkrankungen nehmen einen chronischen Verlauf. Doch nach der Akutversorgung droht nicht selten die Heimeinweisung.

Der Fachtag 2011 der Kliniken des Bezirkes Oberbayern (KBO) im Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee bewies: Auch psychisch schwer erkrankte Menschen können so rehabilitiert werden, dass sie wieder, wenn auch eingeschränkt, am "normalen" Leben teilnehmen.

Akutversorgung und Krisenmanagement stehen nach Erfahrungen von Professor Dr. Gerd Laux, Sprecher der ärztlichen Direktoren der Kliniken des Bezirks Oberbayern, heute im Mittelpunkt der medizinischen Versorgung bei psychischen Erkrankungen. Einen ganzen Tag lang gingen die dem Kommunalunternehmen angeschlossenen Krankenhäuser gemeinsam mit der Sozialverwaltung des Bezirks Oberbayern und dem Fachausschuss Psychiatrie der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege einmal einen anderen Weg: Sie stellten ausschließlich Konzepte für die Rehabilitation und Rückführung schwer psychisch Kranker in den Alltag in den Mittelpunkt. Deshalb hatten sich zum Fachtag nicht nur medizinisches Fachpersonal aus der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, sondern auch Vertreter von Berufsförderungswerken, Rehaeinrichtungen, sozialpsychiatrischen Diensten, Kostenträgern und Sozialverbänden angemeldet. Das Interesse war so groß, dass die Gastgeber nicht alle Anmeldungen berücksichtigen konnten.

200 Teilnehmer informierten sich im Festsaal des Inn-Salzach-Klinikums über neue Konzepte für die Versorgung psychisch schwer erkrankter Menschen, bei denen es nach Angaben von Bezirkstagspräsident Josef Mederer, auch Verwaltungsratsvorsitzender des Klinikverbundes, vor allem um ein Ziel geht: "Die Integration in die Gesellschaft."

Hilfe darf nicht an Kliniktür enden

Dies ist möglich, machte auch der ärztliche Direktor des Inn-Salzach-Klinikums, Laux, Mut: Die medizinischen Möglichkeiten für die Behandlung von Menschen, die etwa unter einer Schizophrenie oder einer Psychose leiden, sind groß. Doch die Hilfe darf nach Erfahrungen von Laux nicht an der Kliniktür enden: Ein Patient, der Stimmen höre oder sich verfolgt fühle, könne medikamentös und therapeutisch Hilfe erhalten, benötige jedoch auch vielfältige Unterstützung, um wieder "sozial zu funktionieren", nannte er als Beispiel. Eine schwere psychische Erkrankung bringe schließlich oft auch Probleme im sozialen, familiären und beruflichen Leben mit sich - von der Unfähigkeit, sich zu konzentrieren oder bei der Bewältigung gestellter Aufgaben durchzuhalten bis zur Kontaktstörung. Bereits während des Klinikaufenthaltes und danach muss nach Laux Überzeugung für die spätere Teilhabe am sogenannten normalen Leben - ganz oder eingeschränkt - vorbereitet werden.

Das Miteinander der unterschiedlichen Anbieter und Träger dieser Nachversorgung und Rehabilitation erfordert nach Überzeugung von KBO-Vorstand Martin Spuckti eine eng geknüpfte Netzwerkarbeit. Sie wird durch ein neues Klassifizierungssystem erleichtert, das die Weltgesundheitsorganisation entwickelt hat. Es verbindet Erkrankungen erstmals mit sozialen Beeinträchtigungen - in einer allgemein verständlichen Sprache, die zur Freude von Davor Stubican, Referent Psychiatrie und Suchthilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern, konkrete Rehabilitationskonzepte ableiten lässt. So wird auf der Basis der neuen Klassifizierung für einen Alkoholiker, der nach jahrelanger Erkrankung nicht mehr in der Lage ist, seinen Alltag zu strukturieren oder sich zu pflegen, ein Hilfskonzept für das geordnete Leben in den eigenen vier Wänden erarbeitet.

"Management" für den Übergang

Wichtig sind solche Versorgungskonzepte nach Erfahrungen von KBO-Vorstandsmitglied Markus Witzmann an den Schnittstellen zwischen Akutklinik und Rückkehr in den Alltag. Von einem durchdachten "Überleitungsmanagement" hängt nach Erfahrung von Laux ab, ob es gelingt, den Patienten wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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