"Boutique-Fertigung" statt Großprojekt

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Das "seele"-Firmenschild steht noch vor dem Verwaltungsgebäude. Ab Oktober allerdings zieht die Rumpf-Verwaltung, die dann noch in Obing bleibt, mit in das Produktionsgebäude.

Obing - Überraschend ist bekannt geworden, dass bei der Firma "seele cover" in Obing durch eine Teilschließung 27 der 40 Arbeitsplätze abgebaut werden.

"Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an" bekamen die Anrufer zu hören, die am Freitag versuchten, die Firma "seele cover" in Obing zu erreichen. Passend zur defekten Telefonanlage war kurz vorher völlig überraschend bekannt geworden, dass die "seele"-Tochter durch eine Teilschließung 27 der 40 Arbeitsplätze am Standort Obing zum 30. September abbaut.

Fertigung, Wartung und Entwicklung bleiben vorerst, neben einem kleinen Verwaltungsteam mit örtlicher Geschäftsführung, Lohn- und Finanzbuchhaltung, vor Ort erhalten. Als neuer Geschäftsführer wird Konrad Maier dann den Standort Obing leiten, der weiterhin selbstständig agiert, jedoch der "seele Holding" untergeordnet bleibt. Das technische Büro, Einkauf, Vertrieb sowie die Projektabwicklung des Membranbauers, die bisher im Gebäude der Eon im Gewerbegebiet untergebracht sind, werden trotz des weiterlaufenden Mietvertrags künftig in Schörfling am Attersee, dem österreichischen Standort des weltweit agierenden Mutterkonzerns "seele" gebündelt. Damit will der Konzern Kosten sparen und sich auf die ertragreicheren Großprojekte fokussieren, sagt der bisherige Geschäftsführer Andreas Hafner. Die Zeit habe gezeigt, dass sich "seele cover" auf dem Markt bei Projekten ab einem Auftragsvolumen von fünf Millionen Euro gut etabliert habe, kleinere Projekte seien für einen großen Konzern schwierig.

In den vergangenen drei Jahren habe sich die Firma aus der Insolvenz konsolidiert und auch schöne Aufträge abgewickelt, aber das letzte Stück habe eben gefehlt, resümierte Hafner. "In der Summe war der Umsatz zu wenig". Seele habe sich für den Aufbau von "seele cover" in Obing eine Frist von drei Jahren gesetzt und die sei nun um.

Jetzt seien weitere Schritte notwendig, um die weitere Entwicklung voranzutreiben. Damit hätten die Eigentümer eine strategische Entscheidung für "seele austria" getroffen, die er aus Überzeugung mittragen könne.

Damit wurden die schlimmsten Befürchtungen der Belegschaft übertroffen, wie aus Mitarbeiterkreisen zu vernehmen ist. Die hatte aufgrund der fehlenden Auslastung mit Kurzarbeit gerechnet. Statt dessen erhielten 27 Mitarbeiter die betriebsbedingte Kündigung, verbunden mit einem Arbeitsplatzangebot im 140 Kilometer entfernten Gersthofen oder im 130 Kilometer entfernten Schörfling am Attersee. Mittlerweile seien intensive Mitarbeitergespräche geführt worden, um die Teilschließung so sozialverträglich wie möglich abzuwickeln, betont Hafner. Bisher habe sich ein Team von etwa zehn Mitarbeitern heraus kristallisiert, die mit ihm nach Schörfling wechseln würden. Für den Großteil kommt bisher ein Umzug nicht in Frage und sie müssen sich neu orientieren, drei haben bereits gekündigt. Den Auszubildenden wird für die Ausbildungszeit eine Unterkunft in Gersthofen zur Verfügung gestellt.

Den verbleibenden Mitarbeitern in der Gemeinde bleibt vorerst die Hoffnung auf den Erhalt des Arbeitsplatzes in Obing, vorausgesetzt die Lohnfertigung für Schörfling, die chinesische Tochterfirma cms (covertex membranes Schanghai) und andere Membranbauer bringten die erhofften Auftragszahlen, vermuten Insider und auch Hafner sieht hier eine "positive Fortführungsprognose". Die Fertigung habe sich hier gut entwickelt und momentan werde gerade ein Auftrag in Essen mit einer Fläche von 3500 Quadratmetern ETFE-Kissen gefertigt. Die Produktion liefere Top-Qualität und sei als "Boutique-Fertigung", auch mit Spezial- und Sonderprojekten und eigenem Zulieferer-Geschäft angedacht. Auch das Reparatur- und Wartungsgeschäft, das bisher rund zehn Prozent des Umsatzes ausgemacht hatte, entwickle sich zufriedenstellend.

Noch im vergangenen Jahr hatte "seele cover" für das gegenüberliegende Gebäude der Molkereigenossenschaft einen mehrjährigen Mietvertrag - mit Option zur Verlängerung - abgeschlossen und das Gebäude auf eigene Kosten umgebaut, darin die Fertigung und ein Labor errichtet. Insgesamt haben sich jedoch die Erwartungen, die die Konzernspitze in den Kauf des Obinger Aushängeschildes "covertex" hatte nicht erfüllt. Der Glasfassadenhersteller mit Sitz in Gersthofen hatte den insolventen Membranbauer, der Prestigebauten wie der Allianz-Arena und das Olympiastadion in Peking vorzuweisen hat, im August 2007 aus der Insolvenz heraus gekauft. Zum 1. April 2009 erfolgte dann die Namensänderung in "seele cover". Die Seele Gruppe verbinde das internationale Netzwerk eines Konzerns mit den Tugenden eines Handwerksbetriebs, sagte Geschäftsführer Andreas Hafner damals. Der praktische Ansatz und das Selbstausprobieren seien noch heute Firmenphilosophie. "Was ist machbar", könnte die Überschrift lauten und das passe gut, denn der Membranbau habe eigene Gesetze.

Und die scheinen jetzt zu gelten. Während es "seele cover", laut Mitarbeitern, an genügend Folgeaufträgen fehlte, berichten Mitbewerber zwar über einen harten Wettbewerb, aber gleichzeitig auch über einen Boom in der innovativen Branche. Und mit Gewinnmarchen zwischen zehn und 20 Prozent sei das Geschäft zudem sehr einträglich, berichtet ein Mitbewerber. Die Entscheidung eine kleine Fertigung in Obing zu belassen und mit dem Umzug 80 Prozent der Mitarbeiter zu verlieren, kann er nicht nachvollziehen. "seele cover" in Obing habe es aber nicht geschafft, genügend Aufträge an Land zu ziehen. "Der Konzern wird sehr straff geführt und der Erfolg gibt seele, einem der Weltmarktführer im Glas- und Stahlbau, Recht", sagt ein Branchenkenner.

Quelle: rosenheim24.de

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