Selbstständigkeit und Eigenverantwortung

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Einfaches Leben in Gemeinschaft - das will auch das Pfadfinder-Lager bei Königswart den Kindern und Jugendlichen vermitteln.

Soyen - Freaks, Sekten-Mitglieder, christliche Missionierer - und alle tragen komische Uniformen. Mit Vorurteilen wie diesen haben Pfadfinder immer wieder zu kämpfen.

Wir wollten es genauer wissen und besuchten ein Camp, das zur Zeit in Soyen steht.

Wenn man das Zeltlager, das die Pfadfinder vom Stamm Marinus aus Rott derzeit nahe der Königswarter Brücke aufgeschlagen haben, das erste Mal betritt, fühlt man sich wie in einer eigenen kleinen Welt. Vier große Jurten, also Schlafzelte, ein Koch- und Speisezelt, ein zentraler Feuerplatz sowie der Fahnenmast mit dem Banner des Stamms bilden ein richtiges Dorf.

Insgesamt 57 Bewohner schlafen und leben hier acht Tage lang in der Natur. Kinder, Jugendliche und ein paar Erwachsene unterhalten in Eigenregie und Zusammenarbeit das Lager. Jedes Mitglied wird in die täglichen Aufgaben eingebunden, sodass schon die Jüngsten mit ihren sieben bis elf Jahren Verantwortung übernehmen. "Dadurch lernen sie die Grundlagen, die sie später zur Eigenständigkeit brauchen. Selbstständige Erfahrung und Eigenverantwortung stehen bei uns im Vordergrund. Jedes Mitglied hier weiß, wie man eine Jurte aufstellt, und jedem Mitglied wird das auch zugetraut", beschreibt Leiter Linus Batisweiler die Grundsätze der Pfadfinder.

Zudem stehe im Unterschied zu einem Sportverein anstelle der Mannschaft mehr die Einzelperson im Fokus. "Take a look at the boy and the girl" lautet eine unserer Grundregeln. Das heißt, wir gehen auf die Bedürfnisse eines jeden einzelnen Pfadfinders ein und schauen, dass es ihm gut geht. Eine Fixierung auf Leistung und daraus entstehenden Druck gibt es bei den Pfadfindern nicht", fügte Batisweiler an.

Gleichzeitig räumt er mit einigen Vorurteilen auf: "Die Pfadfinder sind keine streng katholische Organisation." Bei den Rotter Pfadfindern seien nur die Hälfte der Mitglieder katholisch. "Wir schreiben den Kindern keinen Glauben, keine Richtung und keine Meinung vor."

Den Grund für dieses Vorurteil sieht Batisweiler darin verankert, dass auch oft radikale Glaubensorganisationen Jugendgruppen unter dem Namen der Pfadfinder ins Leben rufen. Der Name ist nicht geschützt.

Ein weiteres Vorurteil hält sich hartnäckig: Alle Pfadfinder tragen immer eine Uniform. Die einheitliche Kleidung inklusive Halstuch wird jedoch meist nur bei öffentlichen Anlässen getragen. Im Lagerleben bleibt es jedem selbst überlassen, was er anzieht. "Unsere Kluft, Uniformen sind es ja nicht, hat eine ähnliche Funktion wie Schuluniformen, nämlich das Schaffen eines Gemeinschaftsgefühls und einer Identität. Außerdem hebt sie soziale Unterschiede auf. Es wird aber keiner dazu gezwungen, sie anzuziehen", beschreibt Carl Batisweiler, wie sein Bruder Leiter des Camps.

Ein weit verbreitetes Bild stimmt allerdings, und wird auch mit Überzeugung weitergeführt: Auf Luxus wird in einem solchen Zeltlager verzichtet. Elektronische Geräte wie MP3-Spieler und Handys sucht man hier vergeblich. Und wenn die Jugendlichen von ihrer "Telefonzelle" sprechen, dann meinen sie einen rund vier Quadratmeter großer Fleck, den einzigen mit Handyempfang, der für Notfälle zur Verfügung steht.

Sauberes Wasser zum Waschen und Abspülen kommt nicht aus der Leitung, sondern muss mühsam mit Kanistern ins Lager geschafft werden. Dadurch soll den Kindern der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen beigebracht werden Und auch eine Kantine, wie sie bei Schulausflügen nicht wegzudenken ist, gehört nicht in ein Pfadfinderlager. Alle Mahlzeiten werden gemeinschaftlich selbst zubereitet. "Wir hatten schon Eltern, die nach einem solchen Lager völlig überrascht bei uns angerufen haben und sich bedankten, weil ihnen ihr Kind plötzlich im Haushalt zur Hand ging", erzählt Linus Batisweiler. Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft sind also zwei weitere Grundregeln für Pfadfinder.

Derartige Zeltlager stellen zwar die Höhepunkte, aber dennoch nur einen Bruchteil der Aktivitäten der Pfadfinder dar. In der Regel einmal pro Woche treffen sich die einzelnen Gruppen zur Gruppenstunde. Deren Gestaltung obliegt nicht allein dem Gruppenleiter, vielmehr kümmern sich die Kinder und Jugendlichen selbst um das Programm.

Die Leiter, die eine lange Ausbildung durchlaufen müssen, bevor sie eine Gruppe übernehmen dürfen, arbeiten allesamt ehrenamtlich, bezahlen den selben Beitrag wie ihre Pfadfinder und nehmen oftmals auch noch private Kosten in Kauf, um den Kindern ein tolles Erlebnis zu bieten.

Wenn die Pfadfinder am Sonntag ihr Lager abbrechen, wird nicht mehr viel zu sehen sein von ihrem Aufenthalt, denn ein weiteres Pfadi-Prinzip lautet: "Hinterlasse nichts außer den Dank an den Besitzer!"

Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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