Spin-Doktor im Einsatz

„Ich war das Schattengespenst vieler Politiker“

+
Ein Spin-Doktor ist ein Ghostwriter für Politikerreden und förmlich unsichtbar im Einsatz
  • schließen

Soyen – Er ist ein Redenschwinger, hat vielen Politikern schon unter die Arme gegriffen. Rhetorisch ein Ass, menschlich ein Schlitzohr? Ein erfahrener Ghostwriter plaudert aus dem Nähkästchen.

Ingo ist ein alter Hase in seinem Geschäft. Der mittlerweile 63-Jährige hat sich mehr als dreißig Jahre mit viel umständlichen Gesetzen, Verordnungen, Aussagen von Politikern und anderen Offiziellen auseinandergesetzt. „Ich musste ein kleines bisschen zaubern, damit die Normalbürger, diejenigen ohne wissenschaftlichen Backround, auch verstehen konnten, was die Politiker eigentlich sagen wollen“, so der Ghostwriter im Gespräch mit wasserburg24.de. Eigentlich gefalle ihm der Begriff Ghostwriter nicht so gut. „Ich sehe mich mehr als Spin-Doktor, denn Ghostwriter werden oft mit Plagiaten von Diplom- oder Doktorarbeiten in Verbindung gebracht“ heißt es von Ingo. Er hingegen habe sich rein auf die Reden von Politikern und Menschen in offiziellen Positionen konzentriert. „Ich bin mit Ministern in Spitzenpositionen im Auto gesessen und wir haben gemeinsam die von mir ausgearbeitete Rede geübt, so als wäre es ein Gedicht, das vorgetragen werden muss“, heißt es von Ingo auf Nachfrage. „Ich war das Schattengespenst der Politiker. Gesehen beziehungsweise erkannt hat mich niemand wirklich in der Öffentlichkeit“.

Goldene Regeln?

„Es ist wie mit einem gelungen Aufsatz, wie mit einem richtig guten Roman“, erklärt Ingo. „Wichtige Informationen müssen dem Zuhörer ins Ohr gehen, das Gemüt, die Seele ansprechen und die richtige Mischung aufzeigen“, so der 63-Jährige auf Nachfrage von wasserburg24.de. Auch in der Politik gehe es um kurze Sätze, um eine große Portion Wortwitz und Humor, um etwas Ironie am richtigen Fleck der Rede und um die Gabe, dass das Gegenüber es verstehe. „Die Aussage von Politikern ist manchmal zäh und umständlich, die Themen und Infos aber meist von elementarem Wert. Sie müssen quasi „unters Volk“, darum ist es wichtig, dass wir als Spin-Doktoren die Wissenschaft in eine hübsche Sprache hüllen“, zeigt sich Ingo überzeugt. „Meine Frau hat immer gewitzelt, ich sei ein Verpackungskünstler“ erzählt Ingo. Er habe besonderen Wert darauf gelegt, seine Klienten stets gut auszuwählen, so der 63-Jährige weiter. „Man muss einen Draht zueinander haben, auch wenn es nur ein Job ist, muss man sich der Sache und den Themen gewachsen fühlen“.

Veränderung im Lauf der Zeit?

Wissenschaft müsse verständlicher werden, dies war schon zu seinen beruflichen Anfangszeiten so, erinnert sich Ingo. Als Student sei es ihm schwer gefallen, manchen Professoren während der Vorlesung atmosphärisch zu folgen, weil der Prof eine ihm unverständliche Sprache benutzte. „Er hat zwar Deutsch geredet, aber wirklich verstehen konnte ich seine Sätze nie“ lächelt Ingo verschmitzt. Kommunikation könne jedoch nur gut funktionieren, wenn nicht nur der, der etwas vorliest oder erklärt, es verstehe, sondern auch der Rest der Welt. Die richtige Wahrnehmung sei sowohl früher als auch heute wichtiges Zeichen in der Politik. Zu seinen Anfangszeiten hätten Politiker zügig gemerkt, dass holperige Reden viel Buhrufe mit sich brächten, Mitte bis Ende der 80er habe sich das Ghostwriting für Politikerreden zur Beliebtheit entwickelt. Dann hätten immer mehr Offizielle in hoher Position auf solche Ghostwriter zurückgegriffen. Erst seit ungefähr 2009 gehe der Trend wieder leicht zurück, einige Politiker hohen Ansehens schreiben wieder selbst. Der Beruf an sich bleibe aber wichtig und zeitgemäß, Klienten gebe es in der Politischen Welt genug.

Keine falschen Eitelkeiten

„Ich war mehr als drei Jahrzehnte ein Mitgestalter, ohne je eine Lobby verfolgt zu haben, das war wohl mein Markenzeichen, das geschätzt wurde“, ist sich Ingo sicher. „Du darfst keiner Partei angehören und keine persönlichen Meinungen und Ziele mit einbringen in die Reden der Offiziellen. Du musst diese Person, für die du schreibst, gut kennen und ihr die Worte quasi in den Mund legen. Du musst wissen, was sie ausdrücken will“. Ein guter Spin-Doktor müsse die Schwere aus einer Rede nehmen, der Redner habe jedoch immer authentisch zu wirken. „Wenn ich die Aussagen eines spießigen Fachidioten zu überdreht schreibe, nimmt der Zuhörer diese Botschaft falsch auf, dann wirkt es nicht“, erläutert Ingo.

Während seiner Laufbahn habe er für insgesamt nur elf Politiker in sehr hohen Positionen geschrieben und für zwei Polizeipräsidenten in unterschiedlichen Bundesländern. „Damit habe ich angefangen mit meiner Zeit als Spin-Doktor“ berichtet Ingo rückblickend.

Geheimnisse bleiben immer geheim

Ingo hat sich zur Ruhe gesetzt, ist nur noch als Berater und Ausbilder für angehende Ghostwriter tätig und weiß um die Wichtigkeit solcher Menschen. „Da gibt es in Deutschland nur wenige, die sich einen Namen machten und diese absolut wichtige Gabe beherrschen“ so der 63-Jährige gegenüber wasserburg24.de. Ein Thema sei enorm wichtig, erklärt Ingo während des Interviews: Die Verschwiegenheit und die Einsicht, immer nur der Schatten zu bleiben. Niemals würde er etwas ausplaudern, das einen seiner früheren Klienten jemals verletzlicher wirken oder werden lasse. „Außerdem war und ist es mir nicht wichtig, dass ich selbst in der Öffentlichkeit stehe, sondern dass ich mit Sprache spiele und ein bisschen Sanitäter für Redner bin“ lächelt Ingo. „Als Ghostwriter oder Spin-Doktor musst Du im Hintergrund bleiben, alle Macken Deines Politikers für Dich behalten, Beichtvater sein und Weggefährte, Persönlicher Vertrauter und frei von dem Wunsch, sich selbst zu profilieren“. Dies sei einigen zunächst erfolgreichen Menschen schon zum Verhängnis geworden, heißt es von Ingo. „Negativ auffallen oder besser gesagt überhaupt auffallen, ist das Todesurteil eines Ghostwriters“. Man sei der Schatten des Politikers, kein wissenschaftlicher Berater mit Meinung, sondern ein Rhetorikspezialist, der andere „besser dastehen“ lassen kann. „Wenn der Politiker zufrieden ist und überzeugt, von dem, was er „wie“ erzählt hat, dann hat man seine Sache gut gemacht“.

Auch nach seiner Tätigkeit als Spin-Doktor möchte Ingo nicht selbst in die Politik oder in der Öffentlichkeit groß erscheinen. „Thilo Sarrazin war in jungen Jahren ein sogar recht geschickter Redengestalter für viele Minister, bevor er Finanzsenator in Berlin und später Vorstand der Deutschen Bundesbank wurde. Irgendwie ist aber sein Wunsch nach öffentlicher Anerkennung seiner Schreibkunst wohl doch etwas zu stark gewesen, sonst hätte er sich das mit der Veröffentlichung eines Buches unter seinem Namen besser gespart“ meint Ingo abschließend. „Wir sind Lotsen für die Politiker und müssen betrachten und demjenigen, der auf uns zählt, ein gutes Erscheinungsbild durch die Sprache geben. Das ist genauso wichtig, wie der richtige Friseur oder die Farbberaterin für Anzug oder Kostüm eines Politikers“. Die Glaubwürdigkeit dürfe nie unter einer pointierten Formulierung leiden.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Soyen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser