Stadtrat entscheidet und Meggle reagiert

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Zug in die Altstadt oder Ausdehnung der Firma, das sind die beiden Möglichkeiten. Die Entscheidung, was aus der mitten durch das Gelände führenden Bahntrasse wird, fällt der Stadtrat. Meggle zieht dann die entsprechenden Konsequenzen.

Wasserburg-Reitmehring - Die einen wollten den Standpunkt wissen, die anderen wollten ihn mitteilen und so setzten sich die Führungsriege der Molkerei Meggle und die Stadträte zusammen. Am Ende war nur eines klar: Mit Bahntrasse keine weitere Entwicklung des Meggle-Standorts Wasserburg.

Geschäftsführer Dr. Sil van der Ploeg stellte kurz die Eckdaten der Meggle-Gruppe vor: 2100 Mitarbeiter, davon 784 in Wasserburg; 2010 725 Millionen Euro Umsatz, davon 360 Millionen in Wasserburg; 31 Millionen investiert, davon 15,3 Millionen in Wasserburg; hier 2010 gezahlte Gewerbesteuer 3,2 Millionen, also 35,5 Prozent der gesamten Gewerbesteuereinnahmen der Stadt. Meggle ist Weltmarktführer bei Pharma-Lactose, der Trägersubstanz für die Wirkstoffe, und Marktführer in Deutschland bei Butter, Portionsbutter und gekühlten Baguettes.

Dr. Thomas Roth, Geschäftsleiter Produktion und Technik, übernahm den Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre und den Ausblick auf das kommende Jahrzehnt. Vor zehn Jahren saßen noch 90 Prozent aller Meggle-Mitarbeiter in Wasserburg, heute sind es noch 37 Prozent. Die Quoten bei den Investitionen seien die gleichen. Nicht, wie geplant, in Wasserburg gebaut wurden ein Hochregallager, ein Logistikzentrum, die Baguette-Bäckerei und eine Käserei. Roth bezifferte den Verlust für den Standort Wasserburg mit 50 bis 100 Millionen Euro an Investitionen, etwa 100 Millionen Umsatz, etlichen hundert Arbeitsplätzen und jährlich mindestens einer halben Million Euro Gewerbesteuer.

"Wir haben in Reitmehring noch so viel Erweiterungsfläche wie jetzt bereits bebaute Fläche. Die ist für uns aber nur ohne Bahn sinnvoll zu nutzen und zu erschließen", so Roth. Ohne Planungssicherheit seien auch künftige Entwicklungen gefährdet. Was wieder 125 Arbeitsplätze, 60 Millionen Investitionssumme, rund 100 Millionen Umsatz und ein halbe Million Gewerbesteuer bedeute.

Hinzu komme, so Roth, dass das EU-Recht über das deutsche Zollgesetz zu einer lückenlosen Kontrolle von Personen, Autos und Lkws verpflichte, nicht kontrollierter Verkehr, "dazu zählt die Bahn", ist strikt untersagt, verhindert die Zertifizierung. Es sei künftig eine andere Erschließung des Werksgeländes nötig, denn wenn sich am derzeitigen Tor sechs Lkws zurückstauen, "stehen die bis in die Bundesstraße". Die neue Erschließung von der B304 aus entlaste zudem die Megglestraße wenn nicht ganz, dann doch sehr stark vom Lkw-Verkehr. Die neue Erschließung quere aber dreimal die Altstadttrasse "und das ist unmöglich". Auf Nachfrage erklärte Roth, die Zertifizierung sei "überlebenswichtig", erst international bei der Pharmalactose, "die uns ohne keiner mehr abnimmt" und in der Folge auch bei den Lebensmitteln.

Drei Stadträte brachten das Gefälle des Betriebsgeländes - an der angrenzenden B304 sind es etwa 14 Meter, weswegen dort die Brücken/Kurztunnellösung für den Bahnübergang gefunden wurde - ins Spiel, stellten sich eine Tieferlegung der Bahn beziehungsweise eine Aufständerung der Erschließung beziehungsweise der Erweiterungsbauten der Molkerei vor. Eine Tieferlegung der Bahn sei zwar praktisch und rechtlich möglich, so Roth, er war sich aber mit Firmeninhaber Toni Meggle einig, dass die Kosten betriebswirtschaftlich nicht zu vertreten seien. Die Frage nach der Aufständerung blieb unbeantwortet.

Die Vermutung eines Stadtrates, die Firma sei vielleicht in zehn Jahren froh über einen direkten Bahnanschluss, ließ den sich immer wieder in das Gespräch einschaltenen Toni Meggle kurz um Fassung ringen. "Die Bahn hat uns vor Jahren mitgeteilt, dass sie uns nicht mehr anfährt. Trotz eines vorhandenen und von uns instand gehaltenen Gleisanschlusses samt Weiche", so ein darüber merklich verärgerter Firmeninhaber. Nun bringe man alles nach München, lade da um auf die Bahn. Roth fügte an, dass die Anlage für den Bahnanschluss in einer Ecke des Firmengeländes noch da wäre, die wenige Meter lange Strecke schließe allerdings an Rosenheim/Mühldorf an und habe mit der Altstadtstrecke rein gar nichts zu tun.

Der von einer Stadträtin befürchtete Fachkräftemangel in zehn oder 20 Jahren sei schon lange ein großes Thema, so Personalchef Johannes Friedrich. Dem beuge man durch entsprechende Ausbildung vor.

Die Trasse der Altstadtbahn als Verkehrsweg zumindest bis zur Megglestraße nicht aufgeben wollen viele Stadträte. Bürgermeister Michael Kölbl erläuterte kurz, dass das Problem dabei die FFH-Fläche entlang des Innhanges zwischen Bahntunnel in der Altstadt und dem 1987 abgestürzten Gleis sei. Die Bahntrasse sei dort als Bestand gesichert, ein anderer Verkehrsweg derzeit nicht. Das selbst für einen Radweg notwendige Gutachten sei in Arbeit, liege im Juli oder August vor.

Das Schlusswort fand der Gastgeber: "Was aus der Bahn werden soll, ist eine Entscheidung, die alle Stadträte mit ihrer Wahl angenommen haben", so Toni Meggle, "die kann ich Ihnen nicht abnehmen."

syl/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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