Als statt Loks die Panzer fuhren

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Nach dem Krieg war die Bahn in die Stadt noch lange Zeit wichtiges Verkehrsmittel, meist mit Dampfloks befahren, wie auf diesem Bild von 1954.

Wasserburg - Die Bahnlinie Reitmehring-Wasserburg ist Geschichte, sie wird endgültig aufgegeben. In der Erinnerung der Wasserburger aber lebt sie noch in vielen Facetten.

Die Wasserburger Zeitung will einige davon veröffentlichen. Den Anfang macht Alfons Fellner mit einer Geschichte vom Kriegsende 1945.

Ich erinnere mich, dass sich der Bahnhof schon einmal außerhalb der Stadt befand. Aber es war ja kein Bahnhof im eigentlichen Sinne, sondern nur ein "Haltepunkt" genau auf Höhe des Innwerks.

Bekannt ist, dass in den letzten Kriegstagen ein Joch der Wasserburger Innbrücke von der SS gesprengt worden war. Die amerikanischen Pioniere hatten zwar in kürzester Zeit das riesige Loch in der Brücke mittels einer massiven Holzrampe überbrückt, aber für einen militärischen Dauerbetrieb war dies nur bedingt geeignet. Diese Behelfsbrücke war nämlich so schmal, dass sie nur im Gegenverkehr und auch nicht von mittelschweren bis schweren Panzern gefahrlos befahren werden konnte.

Für die Zivilbevölkerung war der Übergang lange Zeit total gesperrt, die Leute von der Doblsiedlung und dem Burgerfeld mussten über das Innwerk in die Stadt gehen. In ganz kurzer Zeit hatten die Amerikaner hier noch einen zweiten Übergang geschaffen. Im alten Bahnhof, etwa ab der damaligen Güterhalle, durch den Tunnel durch bis hinauf zum Innwerk haben sie nämlich die Bahngleise herausgerissen. Eine riesige Baumaschine - später habe ich gelernt, dass es sich um einen "Bulldozer" handelte - hat die Gleisjoche mitsamt den daran montierten Holzschwellen aus dem Gleisbett gehoben und zum Teil über die Innböschung, zum Teil gleich ganz in das Flussbett hineingeworfen.

Von da ab sind die schweren amerikanischen Fahrzeuge im Schritttempo über das Innwerk gefahren. Aber so gescheit waren sie doch, dass immer nur ein schweres Fahrzeug hinüberfahren durfte, und erst wenn es im Burgerfeld auf festem Boden stand, durfte das nächste Fahrzeug fahren. Bei schweren Panzern hat man ganz deutlich ein Zittern des Bauwerks gespürt, was wir Buben natürlich ausprobieren mussten.

Das Herausreißen der Gleise haben mein Großvater Otto Fellner und ich vom Burgerfeldufer aus gesehen. Zwischen Innwerk und Kapuzinerinsel konnte man gut hinüberschauen. Es ist mir deshalb so gut im Gedächtnis geblieben, weil mein Großvater, ein Eisenbahner vom alten Schlag, bitterlich weinte mit den Worten: "Die machen mir meine ganze Eisenbo kaputt." Großvater war nämlich der Boss vom Maschinenhaus (Lokschuppen) und hat die ganze Eisenbahn als "seine" angeschaut.

Er war damals, obwohl schon 62 Jahre alt, noch immer und auch weiterhin Lokführer einer Dampflok, weil die jüngeren Lokführer zum Teil gefallen, zum Teil noch in Gefangenschaft waren. Hier sei auch an ebenso alte Lokführer wie Kurmaier, Haderstorfer, Reger und andere erinnert. Sie alle mussten bis in die 50er-Jahre aktiven Dienst tun.

Nun zum Haltepunkt, der ja eigentlich nur das Endstück der Gleistrasse mit einem aufgeschraubten massiven Prellbock war. Was mich damals so unwahrscheinlich faszinierte, war, dass der Zug, eine sogenannte Garnitur, bestehend aus der Lok, drei Personenwagen, der Holzklasse und ein Packlwagen mit Postabteil, rückwärts von Reitmehring herein geschoben wurde. Auf dem allerletzten Trittbrett am Packlwagen, vom Lokführer aus gesehen, stand ein Rangierer und dirigierte mit Handzeichen die Annährung an den Prellbock. Mittels einer hölzernen Rampe konnte man dann den Zug besteigen.

Ein paarmal musste ich an den Zug das Mittagessen für den Großvater hintragen. Dazu hatten wir eine lederne Tragtasche mit extra breitem Boden, ähnlich einer Arzttasche, in der der dreiteilige Henkelmann, eine Liter-Bierflasche mit Bügelverschluss mit sogenanntem "Kaffee" (Kathreiners Malzkaffee mit Andreas-Hofer-Feigenkaffee verfeinert) und ein Kanten Brot befördert wurden.

Wie lange dieser behelfsmäßige Haltepunkt bestand, weiß ich heute nicht mehr, auch weil es zeitweise an der Innbrücke noch viel interessanter war und ich nicht überall gleichzeitig sein konnte. Schule war ja nicht und so haben wir Kinder - ich war genau zehn Jahre alt - uns den ganzen Tag herumgetrieben, bis uns der Hunger oder das abendliche Gebetläuten von der Pfarrkirche nach Hause trieb.

Alfons Fellner (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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