Stress vor "Grundschulabitur"

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Nicht alle Kinder sind begabt genug für weiterführende Schulen. Dennoch versuchen ehrgeizige Eltern, ihre Kinder mit allen Mitteln auf dem Gymnasium unterzubringen.

Landkreis - Viele Familien in Stadt und Landkreis Rosenheim, deren Kinder eine der 139 vierten Grundschulklassen besuchen, befinden sich derzeit im emotionalen Ausnahmezustand:

Lesen Sie hier den Originalartikel aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

Viele der 3043 Familien in Stadt und Landkreis Rosenheim, in denen Kinder eine der 139 vierten Grundschulklassen besuchen, befinden sich derzeit im emotionalen Ausnahmezustand: Die Frage, welche Schule die Sprösslinge ab Herbst besuchen, sorgt für Lernstress. Auch die Viertklasslehrer kämpfen mit steigendem Druck, den das sogenannte "Grundschulabitur" auslöst.

Das Thema Übertritt ist "emotional mittlerweile überfrachtet", bedauert die Staatliche Schulpsychologin Manuela Fuchs. Sie führt sogenannte "Systemberatungen" durch, das heißt: Sie berät Schüler, Eltern und Lehrer, wenn es Probleme gibt. Der Übertritt ist bei allen drei Personengruppen derzeit das große Thema.

In den vergangenen Jahren hat Manuela Fuchs zu ihrem Bedauern feststellen müssen, dass die psychosomatischen Beschwerden bei Kindern in den Wochen bis zum Übertrittszeugnis, das es heuer am 2. Mai gibt, deutlich zugenommen haben. Und auch die Eltern leiden mit. Sie fühlen sich nach Erfahrungen der Beratungsrektorin am Staatlichen Schulamt Rosenheim oft in einen Sog der Angst hineingezogen. Die Gefahr, dass sich selbst gelassene Erziehungsberechtigte von überbesorgten Eltern anstecken lassen, sei groß.

"Wir haben gelernt. Wir haben eine Zwei geschrieben": Diese Bemerkungen hört auch Wolfgang Zeller, Rektor der Volksschule Rosenheim-Aising, immer wieder von Viertklasseltern. Manuela Fuchs bestätigt, dass viele Eltern mit ihren Kindern zu einer häuslichen Unterrichtseinheit verschmelzen: "Sich intensiv um den schulischen Erfolg zu kümmern ist wirklich gut gemeint." Doch die Schulpsychologin sieht auch Gefahren einer Überbetreuung - etwa dass Kinder, die nachmittags mit ihren Eltern büffeln, das selbstständige Lernen verlernen. "Außerdem sind Kinder nicht nur Schulkinder", warnt Manuela Fuchs. Sie stellt immer wieder fest, dass in den Wochen vor dem begehrten Übertrittszeugnis das Familienleben dem Lernen komplett untergeordnet wird. Ausgleichende Freizeitaktivitäten würden nicht selten eingeschränkt. Bereits Neun- und Zehnjährigen werde stattdessen vermittelt, dass Noten und Abschlüsse eng mit dem Lebenserfolg zusammenhängen würden.

Tränen gebe es dann sogar bei Kindern, die in der Übertrittszeit "nur" eine Drei schreiben würden. Dann drohe das Selbstwertgefühl in den Keller zu rutschen, warnte die Psychologin. "Dabei ist es für Kinder ganz wichtig, auch zu lernen, mit Misserfolgen umzugehen oder Schwächen anzuerkennen." Dass der emotionale Druck rund um den gewünschten Übertritt an eine weiterführende Schule so stark zugenommen hat, führt Manuela Fuchs auch auf gesellschaftliche Veränderungen zurück. Lebensglück werde häufig allein mit beruflichem Erfolg gleichgesetzt. Diskussionen etwa rund um eine Akademisierung der Pflegeberufe würden zusätzlich dafür sorgen, dass das Abitur als unerlässlich angesehen werde.

Dabei lässt sich dieses begehrte Ziel auch über Umwege erreichen, wird Schulrat Michael Herzig nicht müde, auf die Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems hinzuweisen. Bereits heute seien 40 Prozent aller Studenten an den Hochschulen nicht über das Gymnasium zum Abitur gelangt, sondern über die Fachoberschule oder berufliche Schulen. Die mittlere Reife, Basisvoraussetzung für den Übertritt an diese Bildungseinrichtungen, lässt sich auch auf der Mittel(haupt)schule erreichen. Doch der Trend geht laut Herzig verstärkt zum Übertritt: 60 bis 65 Prozent der Kinder setzen ihre Ausbildung an Realschulen oder Gymnasien fort.

Die Folgen müssen auch die Realschulen und Gymnasien ausbaden: Dort drücken oft überforderte Kinder die Schulbank. Die unterschiedlichen Schulprofile und nicht einheitliche Fächerkanons erschweren nach Erfahrungen von Eiselfings Rektor Karlheinz Rieger jedoch einen späteren Wechsel von Gymnasium oder Realschule an die Mittelschule. Jugendliche, die hierhin zurückkehren, sähen sich dort Problemen gegenüber, weil sie bisher beispielsweise weder technisches Zeichnen noch Tastenschreiben gelernt hätten, so Rieger.

Die Schulpsychologin weist außerdem darauf hin, dass eine Schullaufbahn einen Langstreckenlauf darstellt. "Stattdessen liegt der Fokus auf den Probenwochen bis zum Übertrittszeugnis." Danach sitzen in den vierten Klassen häufig völlig erschöpfte Schüler, die ausgepowert sind, bedauert Zeller. Seine Kollegin Michaela Demmel, Konrektorin an der Franziska-Hager-Grundschule Prien, sieht bis zum Übertrittszeugnis außerdem die Gefahr eines "Bulimie-Lernens": Innerhalb kürzester Zeit werde viel Stoff aufgenommen und danach wieder ausgespuckt, weil er sich nicht setzen konnte. Bis zum Übertrittszeugnis stehen die Lehrer nach Angaben der Leiterin einer der vier vierten Klassen in Prien aufgrund der Stofffülle und einem straffen Probenplan auch zeitlich unter Druck. Schulpsychologin Fuchs weist außerdem auf den Druck hin, dem Lehrer ausgesetzt sind, wenn Eltern Noten juristisch anfechten und um jeden Punkt in den Proben feilschen.

Was rät die Schulpsychologin allen Müttern und Vätern, die ihre Kinder aus der Spirale des Leistungsdruckes befreien wollen? "Gelassenheit. Tun, was möglich ist - sein lassen, was ist." Fuchs erinnert außerdem daran, dass der demografische Wandel heute auf der Seite der Kinder steht. "Der Nachwuchs wird dringend gebraucht." Schulrat Herzig empfiehlt: "Schicken Sie Ihr Kinder nach der vierten Klasse auf die Schule, auf der es nach Meinung des Klassenlehrers Erfolg hat. Denn Erfolg macht Kinder stark."

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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