Ein Taubenmarkt mit Charakter

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Prüfender Blick Gefieder, Augen, Beine, Schnabel - alles bestens, die Chance auf Germany's next Toptaube gewahrt.

Wasserburg - Weniger Anbieter und auch deutlich weniger Besucher - Nicht zuletzt die frostigen Temperaturen sind für die Bilanz des diesjährigen Taubenmarktes verantworlich.

Die strengen Auflagen und frostigen Temperaturen sorgten beim gestrigen Taubenmarkt nicht nur für eine geringere Zahl an Anbietern, sondern auch für deutlich weniger Besucher als noch im Vorjahr.

Bei minus fünfzehn Grad stehen Händler und Züchter bereits in den frühen Morgenstunden geduldig an den Kassen in der Schlange und lassen die übliche Prozedur über sich ergehen. So müssen die Standgebühr bezahlt und sämtliche tierärztliche Bescheinigungen und Zeugnisse vorgezeigt werden. Besitzern von "verseuchten Beständen" ist der Zutritt verboten, ist auf großen Hinweisschildern zu lesen. Nach dem erfolgreichen Einlass gilt es schließlich, sich mit seinen vollgepackten Wägen und Volieren den begehrten Stammplatz zu sichern, um möglichst rasch Käfige mit prachtvollen Kleintieren zu bestücken. Insgesamt rund 8500 Tiere von 430 Ausstellern aus dem überwiegend süddeutschen Raum, aber auch vereinzelt aus Österreich und Italien, warten offiziell ab sieben Uhr auf potentielle Käufer.

Erfolgreich gehandelt, getauscht, gekauft: 8500 Tiere warteten gestern auf neue Besitzer.

Georg Wagner aus Abensberg bei Kelheim ist um kurz nach Mitternacht aufgestanden und hat sich mit drei Vereinskollegen sowie jeder Menge Enten und Hühnern im Gepäck auf den Weg nach Wasserburg gemacht. "Wir kommen seit 30 Jahren vor allem wegen des Gemeinschaftserlebnisses hierher. Es geht beim Taubenmarkt ja nicht nur ums Geschäft, sondern auch darum, Kontakte zu pflegen." In diesem Jahr fehlen aber vor allem viele italienische Gäste, die witterungsbedingt nicht mit großen Bussen angereist sind und dadurch indirekt die Preise der Händler beeinflussen. "Meine Großsilber- und Thüringer Kaninchen sind heute mit 20 Euro pro Exemplar besonders billig, weil ganz einfach die Kundschaft fehlt", berichtet der Allgäuer Helmut Steinle.

Markterprobt: Isoschicht unter Winterstiefeln, mehrlagige Kleidung, Mütze und was Heißes zu trinken.

Neben den namengebenden Tauben findet der kundige Marktbesucher auch Kaninchen in sämtlichen Gewichtsklassen und Farbschattierungen sowie viele weitere Vogelarten wie etwa das holländische Zwerghuhn, die Warzenente, den Goldfasan oder das Rebhuhn. Mit dem Motto "Zwei Frauen für 70 Euro" lässt ein niederbayerischer Händler aufhorchen und sein osteuropäischer Kaufinteressent versucht verzweifelt, weiter um den Preis für zwei prächtige Hennen zu feilschen. Eine Ecke weiter unterhalten sich Züchter verschiedener Generationen vor ihren bereits leer gekauften Käfigen über artgerechte Haltung und beobachten in aller Ruhe das hektische Treiben. Der Babenshamer Anton Mayer hingegen sitzt auf einem Klappstuhl neben seinem Pfauenverschlag und muss zahlreiche Fragen beantworten. "Ich züchte die Tiere bereits seit mehr als 40 Jahren und investiere sehr viel Zeit in die Pflege und Aufzucht." Kein Wunder also, dass er jeden der hartnäckigen Versuche ausschlägt, ihm nur zwei Weibchen der sensiblen Tierart abzukaufen. "Da muss einfach ein Männchen mit dabei sein, sonst fühlen sie sich nicht wohl", betont er.

Während die Händler und Käufer sich mit dicken Wollmützen und zahlreichen Kleidungsschichten sowie mitunter abenteuerlichen Heizvorrichtungen im Schutz gegen die Kälte überbieten, bekommt man Mitleid mit vielen scheinbar zitternden Tieren. "Nein, die Kälte macht denen wirklich nichts aus", beruhigen Johann Liebel und Günter Vitzthum aus dem fränkischen Burgthann. "Solange es richtig kalt und die Luft dabei trocken ist, werden unsere Hühner nicht krank." Die beiden Händler haben gerade eben mehrere Tiere auf einmal an einen italienischen Interessenten verkauft und führen das nicht zuletzt auf ihre "flexible Preisgestaltung" angesichts des unübersehbaren Besuchereinbruchs in diesem Jahr zurück. Zudem suchten viele Käufer ganz gezielt nach einzelnen Tierarten und schlugen dann sofort zu. "Die traditionellen Märkte wie in Wasserburg werden aber leider systematisch kaputt gemacht", kritisiert Johann Liebel, der bereits als Sechsjähriger zum ersten Mal in der Innstadt zu Gast war. Ständig verschärfte Auflagen aus dem Veterinärbereich und die dadurch entstehenden Kosten schreckten immer mehr etablierte Züchter ab.

Alle Jahre wieder: "Papa, bekomme ich bitte, bitte so ein Häschen? Die sind sooo süß!"

Dieses Problem sieht auch Rudolf Schreyer, Vorsitzender des Wasserburger Kleintierzuchtvereins. Und dennoch empfindet er die zurückgehende Zahl der angebotenen Tiere nicht als dramatisch. "Im Gegenteil, das bietet uns die Möglichkeit, künftig noch mehr auf den traditionellen Charakter des Taubenmarktes zu achten und seine Popularität zu steigern." Er mache sich keine Zukunftssorgen, noch dazu, weil derzeit einige junge Vereinsmitglieder in den Geflügelbereich nachrückten. Der besondere Reiz des Wasserburger Marktes liege im Hobby-Charakter, während auf vielen anderen Veranstaltungen nur noch Profizüchter vertreten seien. "Dennoch sitze ich in den Wochen vor dem Taubenmarkt jeden Abend zwei bis drei Stunden am Telefon und lasse mir von meist älteren Züchtern deren Unmut über die verschärften rechtlichen Vorgaben schildern", räumt Rudolf Schreyer ein.

Er verweist stolz auf die Geflügelschau im Parkhaus in der Unterfuhrstraße, bei welcher die knapp 400 schönsten Tiere von 41 Vereinsmitgliedern besichtigt und erworben werden könnten. Hier zeige sich die intensive Arbeit der Züchter aus dem Wasserburger Raum, die auch ohne zusätzliche Vorschriften stets ihren Beitrag zum Tierschutz geleistet hätten.

Auch die Nachfrage bei der Polizei bestätigt letztlich die geringere Besucherzahl als im Vorjahr. "Dies hat mehrere Taschendiebe aber nicht davon abgehalten, das Gedränge in den engen Gassen auszunützen", so ein Beamter. Insgesamt verläuft der Taubenmarkt jedoch wie üblich ruhig und die sibirische Kälte lässt Aussteller und Käufer unter Wärmestrahlern enger zusammenrücken. Ein besonders zufriedener Züchter schenkt aus purer Freude über einen gerade zustande gekommenen Verkauf sogar eine Runde Schnaps aus.

Und genau diese familiäre Atmosphäre ist es, welche dem Wasserburger Taubenmarkt seinen ganz besonderen Charme verleiht - den sinkenden Ausstellerzahlen der letzten Jahre zum Trotz.

Georg Reinthaler/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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