Außergewöhnliche Gefäßform beschäftigt Forschung

+
Die Rekonstruktion des Hochhalsgefäßes von Ramsau, daneben zwei Gefäße mit der üblichen Schulterform bei hallstattzeitlichen Vorratsgefäßen.

Wasserburg - Einmalig in Bayern ist ein Tongefäß, dessen Bruchstücke bei Edling gefunden wurden. Es weist auf eine entwickelte Besiedlung in diesem Raum etwa 500 vor Christus hin.

Es handelt sich nur um ein unscheinbares Bruchstück eines Gefäßes, das neben sorgfältig restaurierten "Töpfen" aus der Hallstattzeit (etwa 750 bis 500 v. Chr.) liegt, und das noch nie die Aufmerksamkeit der Besucher im Städtischen Museum auf sich gezogen hat. Dafür haben sich umso mehr die Archäologen mit dem Rest des fein gearbeiteten und aufwendig verzierten Hochhalsgefäßes beschäftigt, denn der Scherben stellt eine ungeheuere Rarität dar.

Was für den Biologen eine neue Pflanzen- oder Tierart darstellt, ist für den Vorgeschichtler eine neue Gefäßform. Und die wurde erstmals unter den wenigen Lesefunden auf dem Gelände eines völlig verschliffenen Grabhügels bei Ramsau bei Edling, entdeckt.

Besonders künstlerisch ist das Dekor des Schulterfragments mit ineinander gestellten Dreiecken, Rauten und Kreisaugenstempeln.

Schon 1988 war die Stelle durch einen Suchschnitt des Landesamtes für Denkmalpflege untersucht und dabei das Fragment mit den rautenförmigen Ritzmustern entdeckt worden. 1996 wurde 40 Meter vom alten Fundort entfernt ein weiterer Scherben aufgelesen, der an den früheren angefügt werden konnte. Obwohl nun schon eine größere Fläche vorlag, entzog sich das Stück wegen der beiden scharfkantigen Abknickungen und seiner Dünnwandigkeit einer Einordnung in das bestehende Keramikspektrum jener Epoche. Auch der Verwendungszweck des Bruchstücks war unklar.

Nach vielen Mutmaßungen stießen Dr. H.P.Uenze und Ferdinand Steffan, die seit Jahrzehnten die Vorgeschichtsfunde der Region bearbeiten, auf eine annähernd ähnliche Schulter-Bauch-Profilierung bei Gefäßen, die im Kreis Bautzen/Sachsen vorkommen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zur zeichnerischen Rekonstruktion des Gefäßes, das mit seiner ungewöhnlichen Schulterform das erste derartige Exemplar in Bayern und somit eine neue Variante der Hochhalsgefäße darstellt.

Die sehr dünne Wandung und der fein geschlämmte Ton entspricht Gefäßen, wie sie auch aus Grabhügeln von Ramerberg vorliegen, sodass man nicht von einem Import sprechen kann, sondern einen örtlichen Werkstattkreis annehmen muss. Schon in Vorgängerpublikationen war auf eine besondere Verzierung (Bogengirlanden mit breiten flachen Riefen) auf einem Ramerberger Gefäß hingewiesen worden, die sonst nur noch einmal in Bayern vorkommt. Daher wird man in der nächsten Zeit verstärkt nach dieser örtlichen Werkstatt um 500 v. Chr. suchen müssen, die ihre ungewöhnlichen Gefäßformen mit ihrem neuen Dekor vor allem in der engeren Region abgesetzt hat.

Die Häufung der Grabhügelgruppen zwischen Ramerberg, Breitmoos und Steppach sowie deren besondere Funde wie das große Bronzegefäß vom Steinbucher Forst - eines von dreien in Bayern - die Reste eines Bronzeeimers bei Breitmoos, eine Pferdetrense und nun die einzigartige Gefäßform weisen auf eine soziale Differenzierung, einen gewissen Wohlstand und künstlerische Fähigkeiten der Bewohner hin, die an einem vorgeschichtlichen Verkehrsweg gesiedelt haben mögen.

fst/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser