Überraschender Freispruch

Rosenheim - Der Vorwurf wog schwer: Der Angeklagte sollte das Opfer mit einem Holzscheit so fest auf den Kopf geschlagen haben, dass dies zur Erblindung führte. Jetzt gab es ein überraschendes Urteil:

Als traurigen und kaum nachvollziehbaren "kleinkarierten" Nachbarschaftsstreit bezeichnete der Vertreter der Anklage die Geschehnisse, die sich am Abend des 22. Juni 2011 in einer Rosenheimer Landkreisgemeinde zugetragen hatten. Eine gewaltige Sturm- und Unwetterfront hatte Stadt und Landkreis heimgesucht, Bäume umgeknickt , Dächer beschädigt - und einen handfesten Streit ausgelöst.

Die aneinandergrenzenden Grundstücke der "Streithansl" sind durch einen Zaun voneinander abgetrennt. Auf dem väterlichen Grundstück des jetzt Angeklagten, ein 25-jähriger Mechatroniker, weideten wie üblich einige Kühe. Als der Sturm einen am Grenzzaun stehenden Baum "aushebelte" und auf den Weidezaun warf, fürchtete der Angeklagte, dass die dort weidenden Tiere - durch den Sturm ohnehin verängstigt - ausbrechen könnten.

Gemeinsam mit einem telefonisch herbeigerufenen Freund eilte er zum Baum, der auf das Nachbarschaftsgrundstück gefallen war, um diesen mit der Motorsäge zu zerkleinern und die Lücke im Weidezaun zu schließen. Doch das wiederum gefiel seinem Nachbarn absolut nicht, denn schon in der Vergangenheit war es zu Streitereien und gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen den Grundstücksnachbarn gekommen. Das Betreten des jeweils anderen Grundstückes war "verboten".

Kaum hatten an jenem Sturmabend der Angeklagte und sein gleichaltriger Freund "verbotswidrig" das benachbarte Grundstück betreten, um den Schaden zu beheben, eilte die "Gegenseite" herbei und forderte beide nicht gerade freundlich auf, das Grundstück zu verlassen. Es kam zu einem unschönen Wortwechsel, der in eine gewalttätige Auseinandersetzung ausartete.

Die Anklage warf nunmehr dem Angeklagten vor, dass er den Geschädigten bei der Schlägerei mit einem etwa 20 Zentimeter langen und sieben Zentimeter breiten Holzscheit mehrmals auf den Kopf geschlagen habe, während sein Freund den Geschädigten festgehalten habe. Der Geschädigte erlitt dabei eine schwere Augenverletzung, die in der Folgezeit zur Erblindung des linken Auges führte.

Trotz intensiver Nachfragen nach Einzelheiten der Schlägerei konnten weder das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Heinrich Loeber noch der Staatsanwalt sowie die beiden Verteidiger und der als Nebenkläger erschienene Anwalt des Geschädigten eruieren, wer wen zuerst geschlagen habe. Der Angeklagte räumte lediglich ein, dass er den ihm körperlich überlegenen Geschädigten einen gewaltigen Faustschlag versetzt habe, um sich aus dem erdrückenden "Schwitzkasten" zu befreien.

Der mitangeklagte Freund, so zeigte die Beweisaufnahme, hatte lediglich versucht, die beiden Raufbolde auseinanderzuziehen, und nicht, wie der Vorwurf in der Anklage lautete, das "Opfer" festgehalten. Auch die beiden bestellten Gutachter von der Rechtsmedizin waren wenig hilfreich. Der erste vertrat die Ansicht, dass die schweren Augenverletzungen am linken Auge des Geschädigten nicht von einem Faustschlag stammen können, sondern nur durch einen massiven Schlag mit einem stumpfen Gegenstand herbeigeführt sein können. Die zweite Gutachterin behauptete genau das Gegenteil.

Bei dieser vagen Ausgangslage eine Entscheidung zu treffen, war äußerst schwierig. Das kam auch im Plädoyer des Staatsanwaltes zum Ausdruck. Klar war nur, dass der mitangeklagte Freund lediglich eingegriffen hatte, um zu schlichten. Ein Freispruch für ihn war folgerichtig.

Anders beim Angeklagten. Obwohl die Zeugenaussagen der streitbaren Nachbarn "nicht belastbar" seien, war der Anklagevertreter der Überzeugung, dass die schwere Augenverletzung beim Geschädigten durch den gewalttätigen Faustschlag des Angeklagten herrühre. Er forderte deshalb eine eineinhalbjährige Freiheitsstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden solle, sowie Schmerzensgeld für den Geschädigten.

Der Verteidiger des mitangeklagten Freundes, Rechtsanwalt Harald Baumgärtl, war mit dem vorgeschlagenen Freispruch seines Mandanten zufrieden, nicht so der Verteidiger des Angeklagten, der Münchener Rechtsanwalt Michael Brand. Er bedauerte zwar, dass der Streit für den Nebenkläger so unglücklich ausgegangen sei, aber der Fall müsse als "Notwehr" gesehen und der Angeklagte ebenfalls freigesprochen werden.

Der Verteidiger argumentierte, dass der Angeklagte sich gegen den Angriff des körperlich überlegenen Geschädigten in der Situation einer "weitergehenden Notwehr" befunden habe. Das in den "Schwitzkastennehmen" und möglicherweise "Gewürgtwerden" habe aus der Sicht des Angeklagten einen Angriff dargestellt, weshalb dieser versucht hätte, sich mit einem Faustschlag aus der "Notwehr-Situation" zu befreien.

Das Schöffengericht folgte dieser Argumentation und sprach beide Angeklagte vom Vorwurf der schweren Körperverletzung frei. Konsequenterweise lehnte es auch ein Schmerzensgeld für den Geschädigten ab, da keiner der beiden Angeklagten absichtlich beziehungsweise vorsätzlich gehandelt habe.

je/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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