Gewöhnungsbedürftige Trends?

Kinder spielen gern mit einem Haufen Dreck

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Trendige Freunde der Kinder in der Region
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Landkreis - Große Glubschaugen, dreieckige Köpfe, satte Farben: Ein Stück „Dreck“ als besten Freund. Warum gefallen Kindern unrealistische Spielgefährten und Comic-Helden am besten?

Nicht der Haufen Dreck im Garten wird immer beliebter bei den Kindern, vielmehr der Virtuelle. Immer wieder gehen Kinder nicht unbedingt nach draußen zum Spielen, sondern bleiben im Haus.

Melinda sitzt in ihrem Kinderzimmer. Die Neunjährige spielt nicht mit Puppen, sondern einem „Glubschi“. Diese Stofftiere haben einen ganz eigenen Gesichtsausdruck, denn die Augen sind überdimensional groß. „Der Glubschi kuckt immer so nett“ findet Melinda. Wie der Grundschülerin aus Wasserburg geht es vielen Gleichgesinnten.

Glubschi ist der neue Plüschfreund.

Sie haben ein Fable für diese Kuschelgefährten. Bereits seit einigen Monaten haben die Stoffwesen den roten Teppich in die Kinderzimmer der Region ausgelegt bekommen, stehen auf Wunschlisten und so manche Schaufenster und Regale werden kurzerhand mit Glubschis gefüllt.

Ein Verkaufsschlager, findet Helen Artello, die in einem Spielwarengeschäft in der Region arbeitet.

Für sie sei es gewöhnungsbedürftig, dass junge Kundschaften bis hinein ins Erwachsenenalter auf diese Art Stofftier zielen. „Ein normaler Teddybär mit normalen Augen sieht doch immer noch viel besser aus als diese unrealistischen Gestalten“, so Artello. Doch der Geschmack der Kunden entscheidet und für die neue Weihnachtssaison sind bereits wieder neue Farben und Tierarten im Angebot.

Ein Haufen Dreck bestimmt den Handyspielspaß

Nicht nur neue Freunde aus Plüsch sind momentan in der Region beliebt. „Mein Kind spielt mit einem Haufen Scheiße“ poltert eine Mutter aus Reitmehring.

Kein Stück Dreck oder Sch... sondern ein Alien ist das liebe Mütter

Genauer nachgefragt handelt es sich um ein Handyspiel, das der Sohn seit einigen Wochen bevorzugt. Auch die Nachbarskinder seien ganz begeistert von dem kleinen braunen Pou, der einem Dreckhaufen gleicht. Einige Millionen Downloads hat Pou mittlerweile, die Fans zeigen sich überglücklich.

In Wirklichkeit soll dieses „Etwas“ den kleinen Alien Pou darstellen, dieser möchte vom Spieler gepflegt und versorgt werden. Pou hat eine eigene Facebook-Seite und existiert seit 2012.

Der Boom freut die Entwickler. Die Eltern machen kein Geheimnis daraus, dass Pou für sie ein großer Gegner des Familienlebens ist. „Natürlich kann ich meinen Kindern nicht nur pädagogisch wertvollste Lernspiele und Bücher erlauben, aber muss es ein Alien sein, das wie Dreck aussieht?“, diskutieren einige Mütter am Spielplatz in der Burgau.

Pou sei gar nicht so unmöglich, wie viele denken würden, heißt es von Medienwissenschaftler Matthias Stöckl. „Der Alien Pou braucht gute Pflege und die User versorgen ihn in allen Lebenslagen“, so Stöckl. Er selbst habe beobachtet, dass das Handyspiel die Kinder und Jugendlichen nicht verblöden lässt, vielmehr könnte eine Sensibilisierung für Bedürfnisse und Anliegen Anderer erfolgen.

Das sagen die Hauptbeteiligten

Für die Kinder selbst scheint Pou ein netter Zeitvertreib.

Allerdings passiere es auch regelmäßig, dass sich Pou einfach von selbst meldet, um den Spieler zu erinnern, dass es jetzt mal wieder Zeit wäre, sich um den Alien zu kümmern.

Eine Art Wecker, der aufschrillt, wenn Pou Langeweile verspürt, könnte man meinen. Die Erinnerung, Pou zu umsorgen, fällt oftmals nicht in den besten Zeitpunkt des Alltags.

„Mir gefällt es gut, mich um Pou zu kümmern und ihn wachsen zu sehen“, beschreibt der sechsjährige Martin seine Freude am Spiel mit dem braunen Alienfreund. Er könne ihn füttern, baden, und Medizin verabreichen, wenn Pou einmal krank sei. Auch Hüpfspiele und Skateboardfahren – alles virtuell versteht sich – sei doch eine tolle Freizeitbeschäftigung.

Sportvereine schlagen Alarm 

Die Sportvereine in der Region sehen hier Probleme auf die Gesellschaft zukommen, die folgenschwer sein könnten. Richard Augenbichler ist Jugendwart eines Sportvereins und merkt, dass die technischen Spielzeuge und Handyspiele dem „echten Sport“ den Rang ablaufen. „Die Kinder bevorzugen das Sporteln am Handy, betätigen sich nur noch mit dem Daumen auf dem Smartphone, anstatt selbst ein paar Aktivitäten in einem Sportverein zu absolvieren“.

Dies sei schlecht für die Zukunft der Abteilungen von Sportvereinen und mies für die Gesundheit der Kinder. „Die Kids lassen ihre Spielgefährten radeln oder hüpfen und werden selbst immer träger“ findet Augenbichler.

Die Vereine seien daher gefordert, zeitgemäße Jugendarbeit zu betreiben und die Abteilungsangebote attraktiv und ansprechend zu gestalten. „Der Rückhalt der Eltern, die Kinder wieder mehr an Sportarten heranzuführen, muss natürlich immer wichtig bleiben, doch viele Eltern sehen sich hilflos gegenüber der Macht, die solche Spiele ausüben“, so der Sportwart im Gespräch mit wasserburg24.de.

Ein Trend, den es doch schon immer gab?

Nicht nur in Bezug auf Kuscheltiere und Handy-Hauptdarsteller, die seltsam aussehen, gibt es diese Trends. In der Region erzählen Kinder freudestrahlend, was ein Comic-Held wieder für tolle Ideen und Erfindungen gemacht hat.

So gibt es seit einigen Jahren die Zeichentrick-Brüder „Phineas und Pherb“, die während der Sommerferien (somit außerhalb der Schulpflicht) an Projekten arbeiten. Auch bei den schlauen und ideenstarken Brüdern fällt eines auf: Sie haben dreieckige Köpfe und blicken mit besonders überdurchschnittlich großen Augen ihr Gegenüber an. „Auch bei Fernsehsendungen wird zunehmend auf irreale Optik geachtet“, erklärt ein Mediengestalter einer Produktionsfirma auf Nachfrage von wasserburg24.de.

Es sei schon immer so gewesen, dass im TV auf realistische Aktionen niemand „Bock“ habe, vielmehr gehe es darum, dass der Zuschauer sich in eine neue, eventuell wünschenswerte Welt taucht, die jedoch nicht realistisch erscheint, so Tom Schwarze.

Der 42-Jährige arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Programmgestaltung eines großen Fernsehsenders, hat engen Kontakt zu Zielgruppen, die stets bestätigen könnten, dass „unrealistische Tatsachen“ die Beliebtesten sind. „War das aber nicht schon früher so?“ regt Schwarze zum Nachdenken an. „Schon bei den 'Simpsons' oder 'Tom und Jerry' ging es schon immer darum, dass möglichst unreale Darstellung und Optik von Personen oder Dingen, dem Publikum Freude bereitet. Und wenn eine Maus dem Kater einen explodierenden Kuchen schenkt, und der Kater einfach „unzerstörbar“ wirkt, kann das definitiv nicht realistisch sein."

In der Tat gab es den Trend der unwirklichen Dinge und Darstellungen auch bereits vor einigen Jahrzehnten, ist sich auch Psychologe Winfried Böcker sicher. Doch die Dauer der Nutzung von „irrealen Objekten und Situationen“ habe sich deutlich erhöht. „Die Kinder heutzutage stecken oftmals viele Stunden am Tag in einer unrealistischen Welt“, so Böcker. Darum seien die Trends doch anders, als früher. „Damit möchte ich aber definitiv nicht sagen, dass früher ALLES besser war“, so der Psychologe abschließend.

Quelle: rosenheim24.de

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