38-Jähriger nach 20 Verkehrsunfällen wegen gefährlichem Eingriff in Straßenverkehr verurteilt

Unfälle als "Nebenerwerb"

Edling/Rosenheim - Am 20. Februar wurde gegen Mittag eine Polizeistreife der Inspektion Wasserburg zu einem Unfall nach Edling entsandt. Dort fand sie auf den ersten Blick einen klassischen Vorfahrtsregel-Unfall vor.

Ein Kleinlastwagen hatte wohl das Vorfahrtsrecht eines von rechts kommenden Pkw missachtet, sodass jener dem Lkw in die Flanke gefahren war. Extrem aufgebracht war der Lkw-Fahrer. Er tobte und schrie herum, dass der Mann im Pkw ihn zunächst per Handzeichen vorbei gewinkt habe, dann aber ihm "volle Kanne" in die Seite gefahren wäre. Der habe fraglos diesen Unfall absichtlich provoziert.

Der Beamte tat dieses Verhalten zunächst als Schutzbehauptung ab. Zurück in seinem Polizeirevier machte er sich mit den Hintergründen der Unfallgegner vertraut und staunte nicht schlecht, als er über die Unfallverwicklungen des Pkw-Fahrers las.

Vor dem Schöffengericht in Rosenheim unter dem Vorsitz von Richterin Jacqueline Aßbichler stellte sich heraus, dass der 38-jährige arbeitslose Produktionshelfer hier seinen 20. Verkehrsunfall innerhalb von neun Jahren absolvierte. Die Richterin kopfschüttelnd: "Ich weiß nicht, ob ich in nur einem Leben so viele Verkehrsunfälle haben könnte."

Wegen dieser abnormen Häufung setzte sich der Beamte mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung, diese schaltete einen Unfall-Sachverständigen ein und deshalb stand der Pkw-Fahrer nun vor Gericht. Der Vorwurf: gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Der Angeklagte aus dem Altlandkreis Wasserburg bestritt den Vorwurf heftig. Er sei wohl unachtsam gewesen und habe den Lkw erst bemerkt, als er bereits zum Abbiegen in die Straße eingefahren war. Aber niemals habe er absichtlich einen Unfall provozieren wollen.

Der Lenker des Lkw bestätigte dagegen, sein Unfallgegner habe ihn ganz deutlich per Handzeichen zum Vorbeifahren aufgefordert. Dann habe der das Lenkrad krampfhaft in beide Hände genommen, so als wolle er sich besonders gut abstützen, und sei ihm in die Seite gefahren.

Mit Spannung wurde die Aussage des Sachverständigen erwartet. Diplom-Ingenieur Andreas Thalhammer machte sofort klar, dass er erst am Tag nach dem Unfall beigezogen worden war. So könne er nur eine Reihe von Indizien beitragen. Anhand der Unfallschäden belegte er, dass der Pkw aus dem Stand mit "zumindest sportlicher" Beschleunigung auf den Lkw zugefahren sei. Mit dieser Beschleunigung und der Position auf der Straße hätte er einen Rechtsabbiege-Vorgang nur mit Mühen zustande bringen können. Darüber hinaus würden die angegebenen Reparaturkosten den Zeitwert des Autos bei Weitem übersteigen. Zu dem vom Angeklagten genannten Kaufpreis meinte er süffisant: "Da haben sie aber kein Schnäppchen gemacht!"

Ein weiteres Mal aufhorchen ließ die Tatsache, dass der Angeklagte an exakt derselben Stelle im Mai vor acht Jahren ebenfalls einen Unfall hatte und dass er im Juli 2007 wegen eines versuchten Versicherungsbetruges - als Unfallbeteiligter - verurteilt worden war.

Der Staatsanwalt hatte deshalb keinerlei Zweifel, dass der Mann im Sinne der Anklage zu verurteilen sei. Er forderte eine Gefängnisstrafe von 18 Monaten, die wegen doch einiger besonderer Umstände zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Keinesfalls habe der Angeklagte in den nächsten Jahren aber etwas im Straßenverkehr zu suchen. Entzug der Fahrerlaubnis für mindestens zwei Jahre sei anzuordnen.

Einen Freispruch forderte Verteidiger Müller für seinen Mandanten. Die Erläuterungen des Sachverständigen seien wohl aufschlussreich, aber nach dessen eigener Aussage gegen den Angeklagten keinesfalls zwingend gewesen. Dasselbe gelte für die Aussage des Unfallgegners. Dessen Wahrnehmung habe möglicherweise tatsächlich - für ihn - so stattgefunden. Allerdings habe eben genau diese falsche Wahrnehmung zu dem Unfall geführt. Deshalb und wegen des Grundsatzes "in dubio pro reo" sei sein Mandant freizusprechen.

Das Gericht sprach den Angeklagten schuldig. "Jedes einzelne Detail ist für sich sicherlich nicht zwingend. Allerdings ergeben sich in der Zusammenschau für das Gericht kein Zweifel an der Schuld des Angeklagten."

Eine Strafe von 14 Monaten Gefängnis befand das Gericht für schuld- und tatangemessen. Dazu gewährte es ihm allerdings drei Jahre Bewährungsfrist. Eine deutliche gemeinnützige Arbeitsauflage und weitere 18 Monate Entzug der Fahrerlaubnis sollen ihm klarmachen, dass eine solche Art des Nebenerwerbs in Oberbayern nicht geduldet wird.

au/Wasserburger-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser