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Interview mit Prof. Staudt aus Vogtareuth

Leben mit halbem Gehirn: Experte erklärt, wie man Kindern bei Epilepsie hilft

Arbeiten an der Schaltstelle: Chirurgen bei einer Operation am Gehirn. In Vogtareuth können die Spezialisten gegen Epilepsie vorgehen und so die Entwicklung von Kindern retten.
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Arbeiten an der Schaltstelle: Chirurgen bei einer Operation am Gehirn. In Vogtareuth können die Spezialisten gegen Epilepsie vorgehen und so die Entwicklung von Kindern retten.

Volles Leben mit einer Gehirnhälfte: Der Neurologie-Experte Prof. Dr. Martin Staudt aus der Schön Klinik Vogtareuth erklärt, wie eine heftig erscheinende Operation Kinder vor geistigen Behinderungen bewahren kann. Und wie leicht das Wunderwerk des Gehirns auch mit beträchtlichen Eingriffen zurechtkommt.

Vogtareuth – Seppi aus Mühldorf litt als Kind ständig unter epileptischen Anfällen. Die Ursache: eine Fehlbildung einer Gehirnhälfte, die mutmaßlich wegen einer Lungenentzündung der Mutter während der Schwangerschaft entstanden war. Heute, über 20 Jahre später, ist Seppi zu Joseph geworden und führt als Erwachsener mit halbem Gehirn ein normales Leben. Zu verdanken hat er dies den Epileptologen und Chirurgen, die die eine beschädigte Hirnhälfte stilllegten. Und auch Prof. Dr. Martin Staudt, der zuvor die linke Hand Seppis untersucht und festgestellt hatte, dass diese Hand von der gesunden linken Hirnhälfte gesteuert wurde. Staudt konnte so grünes Licht für die rettende Operation geben. Welchen Schaden Epilepsie bei Kindern anrichtet, wie man sie besiegen kann und wie man mit einem halben Gehirn leben kann – darüber sprachen wir mit dem angesehenen Kinderneurologen an der Schön Klinik Vogtareuth.

Wie steuert eigentlich das Hirn die Hand?

Prof. Dr. Martin Staudt: Die Hand hat eine Besonderheit. Ihre Muskeln sind praktisch die einzigen, die ausschließlich eine direkte Steuerung durch die Hirnrinde erfahren. Da gibt es direkte Verbindungen mit nur einer Schaltstelle im Rückenmark. Das ist bei den anderen Muskeln nicht so. Wenn ich gehe, laufe, springe, sind sehr ausgedehnte Netzwerke beteiligt. Wenn ich hingegen Klavier spiele, übt das Gehirn seinen direkten Zugriff auf die Fingermuskeln aus, und zwar die rechte Hälfte auf die linke Hand und umgekehrt. Die Hand ist quasi Chefsache.

Seppi musste Funktionen der einen Hirnhälfte auf die andere übertragen. Wie kann das dann funktionieren?

Staudt: Beim Embryo gibt es ein Entwicklungsstadium, in dem noch beide Gehirnhälften Zugriff auf beide Hände haben. Das Nervensystem baut sich zunächst mit viel Redundanz auf. Erst später baut es die Strukturen, die es nicht braucht, wieder zurück. In einem modernen Unternehmen macht man es andersrum. Da fängt man mit einem Sachbearbeiter an, und wenn es der nicht schafft, dann stellt man ihm noch eine Sekretärin zur Seite. Das Gehirn macht es so, wir fangen mal mit tausend Sachbearbeitern und Sekretärinnen sowie 20 Chefs an und schauen dann, wen wir davon wirklich brauchen. Den Rest werfen wir raus.

Hart.

Staudt: Nicht nur das – knallhart. Denn die nicht benötigten Nervenzellen sterben ab. In diesem redundanten System gibt es eine Phase, in der jede Hirnhälfte Zugriff auf jede Seite hat. Und erst danach kommt es zu einer Rückbildung der Verbindung der rechten Hirnhälfte zur rechten Hand und umgekehrt. Danach steuert die rechte Seite die linke Hand und umgekehrt. Wenn aber davor eine Hirnhälfte ausfällt – dann unterbleibt die Rückbildung der Bahn aus der intakten Hirnhälfte zur gleichseitigen Hand. So entsteht ein Schaltplan, in dem eine Hälfte des Gehirns beide Seiten steuern kann.

Von welcher Phase des Lebens reden wir da?

Staudt: Von der 20. Woche, also in der Mitte der Schwangerschaft. Und sie hält wahrscheinlich bis einige Monate nach der Geburt an.

„Wenn du die Gehirnhälfte abtrennst, wird die Hand noch funktionieren“

Können Eltern die Fehlbildung in dieser Phase erkennen?

Staudt: Manche der zugrunde liegenden Fehlbildungen und Schädigungen kann man bereits pränatal feststellen, auf dem Ultraschallbild – andere erkennt man erst Monate später oder wenn eine Epilepsie beginnt. Das war der Kern meiner Forschungsarbeiten in den vergangenen Jahrzehnten: Es gelingt uns immer besser, diese Beeinträchtigung zu erkennen. Wenn wir wissen, dass wir diesen Schaltplan vor uns haben und sehen, dass diese Schädigung zu einer schweren Epilepsie führt, dann können wir dem Chirurgen sagen: Wenn Du die eine Gehrnhälfte abtrennst, um die Epilepsie zu heilen, dann wird diese Hand voraussichtlich trotzdem noch funktionieren. Das ist die Geschichte vom Seppi.

Der Kinderneurologe Prof. Dr. Martin Staudt.

Sie haben auch eine Studie vorgelegt.

Staudt: Ja, wir haben 75 Kinder, die wir in den vergangenen zehn Jahren mit einer solchen Hemisphärotomie versorgt haben, Intelligenztests unterzogen. Und zwar unmittelbar vor der OP und sechs Monate danach. Ergebnis: Der Intelligenzquotient ist der gleiche wie vor der Operation. Der IQ halbiert sich also nicht, die OP schadet der kognitiven Leistungsfähigkeit nicht, wenn man die Indikation richtig stellt. Ich kann mit einer Gehirnhälfte einen normalen IQ haben. Anders, wenn man einer schweren Epilepsie den Lauf lässt: oft führen diese zu einer demenziellen Entwicklung.

Ein schlimmes Wort.

Staudt: Ja, für eine schlimme Beeinträchtigung. Der IQ wird schlechter und schlechter. Mit der OP gelingt es, diese demenzielle Entwicklung zu stoppen. Die Eltern sind begeistert. Denn sie kennen es so, dass die Schere zwischen einer normalen Entwicklung und der ihres Kindes immer weiter aufgeht. Wenn man dann einen Zustand herstellt, in dem das Kind wieder mit normalem Tempo entwickelt, dann sehen die, wow, mein Kind lernt und lernt und lernt. Die Schere geht nicht mehr weiter auf, sie schließt sich allerdings auch nicht mehr.

Auch mit halbem Gehirn kann sich eine normale Intelligenz entwickeln

Ein Kind kann sich mit einer Gehirnhälfte entwickeln, und zwar weitestgehend ohne Einschränkungen der Intelligenz. Also ein Resultat dieser evolutionären Taktik der Redundanz?

Staudt: Ja, das kann man so sagen. Wir wissen allerdings nicht, wie intelligent das Kind mit zwei Gehirnhälften geworden wäre. Aber wenn ich einer Gehirnhälfte sehr früh mitteile, dass sie auf sich allein gestellt ist, dann kann die eine normale Intelligenz entwickeln.

Wenn die Entwicklung ungestört verläuft.

Staudt: Wenn die Epilepsie von der geschädigten Hirnhälfte her übergreift und damit die Plastizität der gesunden Hirnhälfte einschränkt, kann das eine Katastrophe sein. Dann wird die Gehirnhälfte, die an sich einen normalen IQ schaffen würde, in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Wenn das über Monate und Jahre so geht, dann kann das Kind geistig behindert werden. Und dagegen können wir oft etwas tun. Je früher man die Epilepsie heilen kann, desto ungestörter verläuft die kognitive Entwicklung, die die gesunde Hirnhälfte noch schaffen kann.

Eine Hirnhälfte abschalten, um die Entwicklung zu ermöglichen: Je früher, desto besser

Bis zu welchem Alter geht das?

Staudt: Wenn wir einen jungen Erwachsenen mit einer schweren Epilepsie seit Geburt an vor uns haben, dann ist er oft geistig behindert. Wir würden ihn trotzdem operiert haben wollen, um die Epilepsie zu heilen und das wenn auch bereits verringerte Potenzial zu retten. Die Operation lohnt sich oft noch. Aber man denkt sich: Mensch, du bist viele Jahre zu spät dran.

Sind Haus- oder Kinderärzte in der Lage, solche Risiken zu erkennen?

Staudt: Dafür ist die Situation zu selten, als dass sie jeder Kinderarzt schon öfter erlebt hätte. Freilich werden wir nicht müde, die Information auf Fachkongressen zu verbreiten. Damit sind wir aber nicht so effektiv wie wir gerne wären. Also sind Veröffentlichungen über die Laien-Presse auch ein Weg, über den man die Botschaft verbreiten kann, dass man ein Kind, das etwa nach einem frühkindlichen Schlaganfall an einer Epilepsie leidet, früh an einem Fachzentrum vorstellt. Wenn die Physiotherapeutin den OVB-Artikel liest und sich denkt, Moment, das und das Kind in meiner Behandlung das hatte doch einen Schlaganfall, und das hat auch noch epileptische Anfälle, ich rede mal besser mit den Eltern – dann haben wir für das Kind vielleicht IQ-Punkte gerettet.

Epilepsie: Ein gefährlicher Kurzschluss im Gehirn

Wie schädigt eigentlich Epilepsie die Intelligenz?

Staudt: Ein epileptischer Anfall ist so etwas wie ein Kurzschluss, also eine elektrische Erregung, die sich unkontrolliert ausbreitet. Und diese Erregung geht von einem bestimmten Teil des Gehirns aus, oft von einer Narbe, die man sich so vorstellen kann, wie wenn von einem Kabel die Isolation weg ist. Diese Erregung breitet sich auch in gesunde Netzwerke aus und sorgt dort für eine Fehlfunktion. Also, wie wenn man einen Film anschaut und jemand am Antennenkabel herumzerrt. Dann haben sie ständig Störsignale und können dem Film nicht folgen. Und wenn Sie dann nach der Handlung gefragt werden? Dann können Sie den Film nicht zusammenfassen.

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