Volksmusik zur Bewältigung von Not und Elend

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Ein aufmerksames Publikum hatte Ernst Schusser, Leiter des oberbayerischen Volksmusikarchivs, im evangelischen Gemeindehaus mit Liedern und Geschichten, die viel von der Not der Menschen vor allem nach dem Ersten Weltkrieg erzählen.

Wsserburg - "Am Land heraußd gfreuts mi gar nimma..." Unter diesem Motto genossen Volksmusikliebhaber im evangelischen Gemeindehaus ein Potpourri an sozialkritischen Liedern und Instrumentalstücken.

Eingeladen hatte zu diesem Abend der Wasserburger Heimatverein im Rahmen der Wasserburger Volksmusiktage, um einem Randbereich dieser Musikrichtung einen Rahmen zu bieten, der im Allgemeinen nicht so beachtet wird.

Ernst Schusser, Leiter des oberbayerischen Volksmusikarchivs in Bruckmühl, moderierte mit erklärenden Texten und animierte erfolgreich das Publikum zum Mitsingen, so dass der Spaß an der Freude im Saal deutlich wurde und eine Atmosphäre entstand, in der nachvollziehbar wurde, wie der bekannte Liedersammler Kiem Pauli in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts auf seinen Reisen seine Eindrücke von bayerischem Liedgut erhalten haben mag.

Die musikalische Umsetzung oblag dabei den Krammer-Buam, dem Ehepaar Linhuber, der Familie Kleinschwärzer, Eva Bruckner, ebenfalls vom Volksmusikarchiv, und Gerhard Tristl, die sich in die Materie bestens eingearbeitet hatten und ihr Publikum auch problemlos in ihre Lieder mit integrierten.

Dr.Martin Geiger, der zu Beginn bereits aufmerksam machte, dass es die sogenannte "gute alte Zeit" nie gegeben habe und mit diesem Abend einer Verklärung der Sozialromantik in Volksliedern entgegengewirkt werden solle, verwies im Besonderen auf den Verfall bäuerlicher Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der auch nicht am Wasserburger Raum vorübergegangen sei.

Kritik, auch heftige mit dem Holzhammer, gebe es sehr wohl neben der Beschreibung der Lebensumstände vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der der Kiem Pauli seine Lieder gesammelt habe, so Ernst Schusser in seiner Einführung. Arbeitslosigkeit, Not und fehlende Perspektiven hätten sich eben einen Weg zur Bewältigung auch in der Volksmusik gesucht. Lieder wie das eines der damaligen Bauern gingen dann auch dem Auditorium unter die Haut, beschreibt hier doch bereits die erste Strophe das Problem der Zeit, in der es heißt: "Bin i da kloa Sumberga Bauer und hab halt a Häuserl, a kloans, mei Feld is a Lack und a Weiher, mei Viech is a Kuah und a Goaß."

Zudem zitierte Schusser Ines Müller aus dem Jahrbuch des Heimatvereins von 2008/09 mit der Einschätzung zu der Bevölkerung zu wenig Ware für das Geld zu bekommen, kombiniert mit der Wertschätzung des Handwerks und der Problematik der Häusler und des Willens nach höherem sozialen Status, der an Bestrebungen der Gegenwart erinnere. Der gefühlte "TEuro" der heutigen Zeit zeige Parallelen in den 20ern, als sich viele der Musiker als Tagelöhner verdingen mussten, so Ernst Schusser.

Mit Begeisterung klang der Liederabend dann gemeinsam mit deutlichen Anspielungen in Versen aus den Lieder- und Spielbüchern der Tegernseer Musikanten mit einem Text entstanden um 1930 aus, der zumindest in der vorletzten Strophe amüsanter und deftiger den Bogen zur heutigen Politik nicht hätte spannen können: "Morgengrün, morgengrün, es gibt nette Herrn in Berlin, die wollten uns jetzt ganz einstecken, aber uns Bayern können sie am A-...schermittwoch Schlittschuh laufen sehen!"

kr/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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