Pläne für Discounter in Staudham

„Das kotzt mich an“: Aldi-Neubau stößt im Wasserburger Stadtrat auf harsche Kritik

Viele Mitglieder des Wasserburger Stadtrats sind sauer auf Aldi: Der geplante Neubau in Staudham gefährde die Einkaufsstadt im Zentrum und das Ziel der Nachverdichtung. Deutliche Worte fielen, nützen wird es nichts.

Wasserburg – „Das kotzt mich an“: Lorenz Huber, eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe zu bringender Fraktionsvorsitzender von Bürgerforum/Freie Wähler Reitmehring-Wasserburg und ÖDP, machte im Stadtrat seiner Verärgerung deutlich Luft. Grund ist die Tatsache, dass Aldi Süd auf den Wunsch des Gremiums, ein zweites Stockwerk auf dem geplanten neuen Discounter in Staudham zu errichten, eher ausweichend reagiert hat. Huber bekam Schützenhilfe quer durch alle Fraktionen, nur mit knapper Mehrheit von 13 zu elf Stimmen ging der Planentwurf doch durch.

Ärger über Flächenfraß statt Nachverdichtung

Aldi will seinen Markt in Staudham, wie berichtet, abreißen und vergrößert auf 1200 Quadratmeter Verkaufsfläche neu errichten – bereits nach gut 20 Jahren. Der Stadtrat findet das nicht nachhaltig und ärgert sich über den Flächenfraß, denn der Discounter baut nur ein Obergeschoss nicht in die Höhe.

Deshalb stoppte das Gremium das Verfahren zur Änderung des Bebauungsplanes – und forderte Antworten auf Fragen: Kann ein zweites Obergeschoss für Wohnungen und Büros eingeplant werden? Wie wird verhindert, dass der mit Innenstadtsortimenten konkurrierende Non-Food-Bereich bei Aldi weiter ausgebaut wird?

Büroflächen aktuell laut Aldi nicht gefragt

Jetzt lagen die Antworten vor und sorgten erneut für Unmut und Empörung. Nein, ein zweites Obergeschoss für Wohnzwecke sei aufgrund der Lage des Gebäudes im Gewerbegebiet und an der nahen Bundesstraße 304 nicht möglich, hieß es von Aldi. Auch Gewerbe – etwa ein Boardinghouse oder Büros – könnten hier nicht integriert werden. Aldi verwies hierzu nach Angaben von Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann auf die Auswirkungen der Corona-Krise: Beherbergungsbetriebe würden derzeit kaum gebaut, Büroflächen durch den nicht mehr zu stoppenden Trend zum Homeoffice seien ebenfalls nicht so gefragt wie vor der Pandemie.

Das Sortiment in den Mittelgängen, wo die Aktionsware aus dem Nicht-Lebensmittelbereich angeboten wird, soll laut Aussage von Aldi Süd trotz erweiterter Verkaufsfläche in Staudham nicht ausgedehnt werden. Der Schwerpunkt liege auf der Frische, beim Verkauf von Non-Food-Waren würde vermehrt die Konkurrenz aus dem Internet Probleme bereiten.

Kritik aus dem Stadtrat, weil Aldi nicht aufstocken will

Eins hat Aldi jedoch zugesichert: In Teilbereichen könne das neue Gebäude statisch so ausgelegt werden, dass später eventuell ein zweites Geschoss doch noch möglich sei. „In 100 Jahren glaube ich das nicht“, zweifelte Huber die Bereitschaft des Discounters zum Aufstocken an. Das Unternehmen habe den Altbau abgeschrieben, investiere nun neu, um Steuern zu sparen. „Das ist nicht nachhaltig.“ Die Stadt müsse „ekelhafter“ werden, um ihre Kritik deutlich zu machen, findet der Umweltreferent des Stadtrates.

Er bekam Unterstützung vom Wirtschaftsreferenten des Gremiums, Christoph Klobeck (CSU). Auch er sparte nicht mit harschen Worten, sprach von einem „schwachsinnigen Bauvorhaben“, das das Überleben der Innenstadt mit ihren vielen inhabergeführten Fachgeschäften gefährde. Stehe der Neubau in Staudham erst einmal, könne niemand kontrollieren, ob das Sortiment der Aktionsware erweitert worden sei oder nicht.

Chance auf Verbesserung der Verkehrssituation durch einen Kreisel vertan?

Stadtrat Christian Flemisch (ÖDP) sprach angesichts der Neubaupläne nach nur 20 Jahren von Ressourcenverschwendung eines „Firmengiganten“, der sich der notwendigen Nachverdichtung durch sofortige Schaffung eines weiteren Stockwerks verweigere. Das geplante Gebäude eigne sich sehrwohl aufgrund der „Spitzenlage“ für Praxis- und Büroräume. Es sei an der Zeit, „ein Zeichen zu setzen“, fordert Flemisch den Stadtrat auf, der Bauleitplanung nicht zuzustimmen.

Aldi ist mit der Bauplanung jedoch im Recht, betonte Herrmann. „Wir können den Bauherrn nicht zwingen“, verwies sie auf die Rechtslage. Stadtrat Sepp Baumann (Freie Wähler Reitmehring-Wasserburg) sieht trotzdem auch eine weitere Chance auf Verbesserung der Verkehrssituation durch einen Kreisel vertan.

Statik zur Frage nach zweiten Obergeschoss überprüfen

Christian Stadler, Fraktionsvorsitzender der Grünen, betonte, dass es aus energetischer Sicht natürlich völlig unsinnig sei, ein noch relativ junges Gebäude abzureißen. Die Stadt habe aber keinerlei rechtliche Handhabe, dies zu unterbinden - es sei denn, man würde es schaffen, den Aldi unter Denkmalschutz zu stellen, witzelte er. Stadler schlug vor, in die Bebauungsplanänderung Auflagen aufzunehmen - etwa, dass insektenfreundliche Grünflächen angelegt werden müssen.

Außerdem forderte die Fraktionsvorsitzende von SPD und Linker Liste, Friederike Kayser-Büker, im Beschluss zur Änderung des Bebauungsplanes zu ergänzen, dass die Stadt die Statik des geplanten Neubaus auf die Möglichkeit hin überprüfe, dass ein zweites Obergeschoss doch möglich ist. Die Statik so auszulegen, müsse Aldi zusichern, ebenso die anscheinend auch geplante Errichtung einer Photovoltaikanlage.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd

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