Zeugen berichten vor Gericht über ihren Peiniger

Sexuelle Nötigung: Waren die Taten schon länger Dorfgespräch?

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Die Öffentlichkeit durfte auch im Sitzungssaal des Landgerichts Traunstein bleiben, als die Anklageschrift mit zahlreichen intimen Details zu den mutmaßlichen Vorfällen verlesen wurde. Die Nebenklage scheiterte somit mit dem Antrag, die Öffentlichkeit auszusparen
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Altlandkreis - Die Vorwürfe gegen einen 37-jährigen Landwirt aus dem Wasserburger Land wiegen schwer. Es geht um sexuelle Nötigung und sogar Vergewaltigung an jungen Männern. Seit Montag beschäftig sich das Landgericht Traunstein mit dem Fall.

Der Sitzungssaal ist gut gefüllt: Zahlreiche Zuhörer, die aus der Umgebung des Wohnortes des Angeklagten kommen, wollen dabei sein, wenn dem 37-Jährigen der Prozess gemacht wird. Allesamt mit ernster Mine verfolgen sie, wie der Angeklagte in den Sitzungssaal geführt wird. Der Landwirt wirkt gefasst, sucht Blickkontakt zu einigen Zuhörern. Dem 37-Jährigen wird zur Last gelegt, in den Jahren 2007 bis 2013 einige Jugendliche sowie junge Männer sexuell genötigt zu haben. Bei einem Fall aus 2013 soll es sich gar um Vergewaltigung gehandelt haben.

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Wie viel Emotionen in einen Raum passen, ist beim ersten Verhandlungstag deutlich zu spüren: Staunen, Schrecken, Tränen und verzweifelte Worte. Zu Beginn gleich die Überraschung für den Vorsitzenden Richter Erich Fuchs: Die Rechtsanwältin der Nebenklage beantragt, dass die Anklageschrift ohne Beisein der Öffentlichkeit verlesen werden solle. "Das ist ja was ganz Neues", wundert sich Richter Fuchs. Nach einer Beratung mit Richterkollege und Schöffen läuft der Prozess weiter.

"Die Verlesung der Anklageschrift findet vor der Öffentlichkeit statt", so Richter Fuchs. Das Interesse der Öffentlichkeit überwiege dem schutzwürdigen Interesse der Intimsphäre der Beteiligten.

Spätestens ab dem Zeitpunkt, als der junge Staatsanwalt die Anklageschrift verliest, wird klar, was Rechtsanwältin Manuela Denneborg aus Rosenheim, die einen Nebenkläger vertritt, scheinbar meint: Details zu den Handlungen werden genannt, die Opfer beschrieben, die Taten aufgeführt. Bei einem der Opfer wird erläutert, dass der Täter sich für das Piercing an der Vorhaut des jungen Mannes interessiert hat.

Im Falle der mutmaßlichen Vergewaltigung wird beschrieben, wie fest der Angeklagte scheinbar zugestoßen hatte, als er seinen Penis in den After des Opfers eingeführt haben soll und damit dem Opfer große Schmerzen angetan hatte.

Bei den vier als Zeugen geladenen Opfern scheinen die mutmaßlichen Handlungen unterschiedlich tiefe Spuren hinterlassen zu haben. Die Männer erzählen die Situationen, die teils schon etliche Jahre zurückliegen und vor allem durch einen Fall, der sich 2013 zugetragen haben soll nach ausführlichen Ermittlungen der Polizei nun zum Prozess kommen. Die vier Zeugen erläuterten, wie, wann und wo es zu den scheinbaren Handlungen kam.

Bevor die Zeugen ihre Erlebnisse schilderten, wurde der zuständige psychiatrische Sachverständige, Dr. Gerl vom kbo-Inn-Salzach-Klinikum, als Zeuge gehört. Er erklärte den Anwesenden etwas über die Kindheit des Angeklagten, den Verlauf des Erwachsenwerdens sowie die derzeitige Situation des Landwirts in Untersuchungshaft.

Bereits nach einem Vorfall in Tuntenhausen stand der 37-Jährige vor Gericht und wurde wegen eines Sexualdeliktes scheinbar zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Im Dorf gewusst - im Verein gedeckt?

Die Aussagen des zuständigen Sachverständigen der Polizei zeigten auf, welche enorme Aufgabe es war, die Opfer dem mutmaßlichen Täter zuzuschreiben und die Tatzeiten zu rekonstruieren. Informationen einer Bürgerin brachten immer weitere - scheinbar im Dorf bekannte - Taten ans Tageslicht für die Ermittler.

Der Angeklagte habe sich scheinbar stets interessiert an neuen, jungen Mitgliedern des Burschenvereins gezeigt. Anderen Mitgliedern und Verantwortlichen des hiesigen Burschenvereins soll diese Vorliebe nicht unbekannt gewesen sein. "Aufs Klo brauchst mit dem nicht alleine gehen", soll es unter den Mitgliedern oft geheißen haben.

Von verschiedenen Zeugen wird er gleichermaßen als äußerst direkt und ordinär beschrieben. Versaute und sexuell anbiedernde Sprüche hätten an dem 37-Jährigen gestört, der scheinbar stets mit enorm lauter Stimme geredet hat. Der Landwirt selbst sitzt während die Zeugen dem Richter die Situationen schildern, regungslos auf der Anklagebank. Rechts neben ihm sitzt einer seiner beiden Anwälte. Beide Rechtsanwälte wirken gut vorbereitet und gehen energisch, oft sogar übertrieben plump, mit den Zeugen um. So wurde vom Rechtsbeistand des Landwirts zum Unverständnis der Zuschauer - und auch des Richters - ein Opfer im Zeugenstand nach dem genauen Aussehen des Piercings im Intimbereich gefragt. "Ich wüsste jetzt nicht, was diese Details zu interessieren haben", so Richter Erich Fuchs. Es waren einige für den vorsitzenden Richter nicht nachvollziehbare Situationen und Fragen, die von den beiden Rechtsanwälten des Landwirts taktisch gegenüber den Zeugen eingesetzt wurden.

Ein Opfer, das von seinem scheinbaren  Peiniger in eine Hütte gelockt und dort von hinten angesprungen wurde, um daraufhin sexuelle Handlungen durchzuführen, wurde gebeten, die Hütte zu beschreiben, eine Skizze anzufertigen und immer wieder zu wiederholen, welcher Hütteneingang genutzt wurde. "Wollen Sie dem Zeugen mitteilen, er habe sich diese Situation ausgedacht?", fragte Richter Fuchs die Verteidiger des Landwirts, die Fotos von zwei verschiedenen Hütten zeigten und den Zeugen auf den Zahn fühlen wollten, ob er sich schon noch an die "richtige" Hütte erinnern könne.

Je mehr Ausführungen es durch die Zeugen gab, desto mehr stand eine Frage im Raum der Zuhörer: Warum haben scheinbar viele Verantwortliche der örtlichen Feuerwehr und vor allem des örtlichen katholischen Burschenvereins die Vorlieben und sogar Vorfälle des 37-Jährigen gekannt und nichts unternommen? "Das ist eine Sauerei", wetterte der Vater eines Opfers. Seinem damals 16-jähriger Sohn habe der Angeklagte durch die Tat die gesamte Jugend und das gesamte unbeschwerte Leben genommen. Der Sohn leide sehr, obwohl die mutmaßliche Tat bereits 2008 vonstatten gegangen sein soll. "Er geht nicht mehr weg und hat Angst vor großen Menschen, diese schreckliche Situation ist für ihn nur schwer zu verarbeiten", so der Vater eines der Opfer. Der junge Mann selbst wurde nach der Mittagspause in den Zeugenstand gerufen. Ungut wirkte dabei die Situation, als die geladenen Zeugen mit ihren Angehörigen vor dem Sitzungssaal warteten und der Angeklagte von den Polizisten in den Saal geführt wurde - nur einen Meter von dem mutmaßlichen Opfer entfernt schritt er in den Saal hinein und brachte ein "Servus" heraus. Der junge Mann wirkte verunsichert, erklärte nachher dem Richter unter Tränen und enormer Anspannung, wie sich der Vorfall zugetragen haben soll. Immer wieder unterbrach er die Aussage und zuckte weinend zusammen. Es wirkte so, als erlebe er die Situation aufs Neue. Richter Erich Fuchs blieb sachlich und ging enorm behutsam mit den Zeugen um - wohlwissend, dass es sich um besonders intime Aussagen handelt, um die es hier geht.

Der Angeklagte selbst wollte sich zu den Anschuldigungen nicht selbst äußern, ließ lediglich eine Erklärung verlesen in der er zwei der Punkte als stattgefundene Situation zugab, diese jedoch unter keinerlei Krafteinwirkungen oder bewussten sexuellen Gedanken zustande gekommen sein sollen.

Raunen gab es im Zuhörerbereich, als der Rechtsanwalt des Landwirts in Vertretung seines Mandanten vorlas, dass der Punkt der vorgeworfenen Vergewaltigung nicht stattgefunden habe. Der Landwirt bestreitet das Datum und den Vorwurf. Dieser Punkt wird als besonders pikant beschrieben. Der Staatsanwalt wirft dem 37-Jährigen nämlich vor, nicht wie in den vier anderen Fällen der sexuellen Nötigung - "lediglich" sexuelle Handlungen an den mutmaßlichen Opfern getätigt oder versucht zu haben, sondern eine klassische Vergewaltigung.

Wie kam es zu den Ermittlungen?

Der Fall ist nicht besonders einfach zu verstehen. Obwohl der 37-Jährige bereits wegen eines Sexualdelikts zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, durfte er sich im Burschenverein sowie der Feuerwehr um junge, neu dazugekommene Mitglieder kümmern. Auslöser für die Polizeilichen Ermittlungen war ein Vermisstenfall im Jahr 2015: Damals wurde ein Student aus dem Altlandkreis Wasserburg als vermisst gemeldet. Er verschwand an seiner Hochschule vom Unterricht, das Umfeld machte sich Sorgen. Nachdem der junge Mann nach vielen Stunden wieder nach Hause gekommen war, wurde er zu seinem eigenen Schutz in ein Krankenhaus eingewiesen. Die Polizei sprach mit dem Mann und der Familie und es kam heraus, weshalb der junge Mann in eine derart psychisch kritische Situation gekommen sein mag. Er war das mutmaßliche Opfer einer Vergewaltigung. Der mutmaßliche Täter wurde von dem Mann beschrieben und zügig wurde dieser dann aufgrund des früheren Sexualdeliktes und der somit geführten Akte als mutmaßlicher Täter herausgefunden. So soll der Landwirt den jungen Mann im Jahr 2013 in ein Waldstück gelotst haben und sich dann an ihm vergangen haben. Die sexuelle Tat wurde sehr detailliert von der Staatsanwaltschaft beschrieben, der für das Opfer sehr schmerzhafte unfreiwillige Analsex wird als quälende Situation dargestellt. 

Im nächste Woche stattfindenden zweiten Prozesstag soll der betroffene junge Mann eine Zeugenaussage machen. Dann sitzt er dem Richter gegenüber und seinem Peiniger nur wenige Meter entfernt.

Richter Erich Fuchs plädierte an die beiden Verteidiger des Angeklagten, sie mögen sich mit dem mutmaßlichen Täter diese Woche nochmals beraten. Ein Geständnis in diesem Falle würde strafmildernd ausfallen und dem Opfer diese Zumutung ersparen, erneut die stattgefundene Situation zu erzählen. "Sie haben heute gesehen, wie schlimm es für einen betroffenen Zeugen war, den Verlauf der Tat hier zu erzählen, das kann im Falle des Zeugen zum vorgeworfenen Punkt der Vergewaltigung nicht in Ihrem Sinne sein". Der Prozess wird am kommenden Montag, 11. April 2016 vor dem Landgericht Traunstein fortgesetzt. Abschließend kam es Richter Erich Fuchs über die Lippen, dass er es nicht verstehen könne, dass der Angeklagte vor Gericht zwei Zeugen nach deren Aussage zwei Sätze der Entschuldigung sagte. "Demjenigen, den Sie scheinbar am meisten getroffen und seelisch verletzt haben, sprachen Sie keine Entschuldigung aus", so Richter Fuchs.

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