Jahrhundertsanierung in der Altstadt

Die Rettung der Wasserburger Stadtmauer beginnt

Stadtmauer in Wasserburg
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Der Efeu wird derzeit entfernt – es wird sich in Zukunft nicht mehr an und auf der Mauer ausbreiten.

Baudenkmal, Bodendenkmal, Naturdenkmal: Die Wasserburger Stadtmauer ist all dies – und damit etwas ganz Besonderes. Damit das auch noch in den nächsten Generationen gilt, geht die Stadt jetzt eine „Jahrhundertsanierung“ des Bauwerks an.

Wasserburg – Bürgermeister Michael Kölbl, Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann und Kämmerer Konrad Doser erklären, was geplant ist – darunter auch überraschende Maßnahmen.


Derzeit beobachten Spaziergänger, dass es dem Efeu, der die Stadtmauer intensiv überwuchert, an den Kragen geht. Seit etwa 150 Jahren wächst er dort – ist als Naturdenkmal auf dem Baudenkmal, das wiederum auf einem Bodendenkmal (die Mauerfundamente reichen in den Untergrund) steht, geschützt.

Doch die Kletterpflanze ist ein Grund dafür, dass die Stadtmauer instabil geworden ist. Die Wehranlage, die schon in den vergangenen Jahrhunderten auch dem Hochwasserschutz diente, war zuerst da. Nach intensiven Beratungen mit den Fachstellen kam jetzt das Okay der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt Rosenheim, das Naturdenkmal dem Bau- und Bodendenkmal unterzuordnen. „Der Efeu muss der Realität weichen“, bringt Bürgermeister Kölbl die Situation auf den Punkt.


Im Fokus steht die statische Sicherung

Das Araliengewächs darf zwar bleiben – allerdings nicht mehr auf und an der Mauer. An den Bewuchs erinnern demnächst noch freistehende Ranksäulen, auf die einige der uralten Stöcke hinübergezogen werden.

Als Ersatz ist die Stadt verpflichtet worden, den ökologischen Wert des Efeus als Lebensraum für allerlei Kleingetier auszugleichen. Der Altstadtfriedhof, an dem der Großteil der noch erhaltenen Stadtmauer vorbeiführt, ist außerdem selber ein kleines grünes Paradies: Hier gibt es alten Baumbestand.

Bis zu drei Meter tief

Wenn der Efeu bis Ende Februar von der Mauer entfernt worden ist, beginnen im März die Sanierungsarbeiten, berichtet Herrmann. Im Fokus steht die statische Sicherung. Die Mauer ist instabil. Das ist bei genauem Hinschauen gut zu sehen: Im Bereich Friedhofsportal knickt etwa das Bauwerk in der Mitte ein.

Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann an einer Testputzstelle: 2019 ist ausprobiert worden, welcher Spezialputz, der dem historischen Bild besonders nah kommt, bei der Sanierung verwendet wird.

Der Grund: Der Kopf der Mauer ist relativ dick und schwer, die Gründung im Erdboden ist ebenfalls sehr tief: Bis zu drei Metern geht es hinunter, weil in den vergangenen Jahrhunderten der Schwemmsand des Inns immer wieder Erhöhungen notwendig machte. In den Mauerbereichen über der Straßenkante bis zur Krone ist die Steinschicht dünn geworden.

An einigen Stellen sind es nur noch 35 Zentimeter, haben Analysen ergeben.

Pferdefuhrwerke brauchten Platz

Die Gründe für diese Schäden sind nach Angaben von Herrmann vielfältig: Vom bereits beschriebenen Gewächs, das sich ins Mauerwerk hineingegraben, bis zur Feuchtigkeit, die Fugen ausgewaschen hat.

Außerdem sind Anfang des 20. Jahrhunderts viele Steine im unteren Bereich entfernt worden. Für die Anlieger wurde es mit Einführung der Pferdefuhrwerke und Autos immer schwerer, an der Mauer vorbei zu rangieren.

Alte Schichten sind stabiler

Grundsätzlich steht außerdem fest: Je älter die Schichten der Mauer, desto stabiler sind sie. Im Laufe der Jahrhunderte verlor die Anlage ihre Bedeutung, die Flusssteine wurden durch nicht so stabiles Ziegelwerk ersetzt.

Trotzdem ist heute die Stadtmauer für die Wasserburger ein Identifikationsobjekt, betont der Bürgermeister. Deshalb stand auch im Stadtrat schnell fest, die Generalsanierung muss kommen – „sonst verlieren wir sie“, sagt die Stadtbaumeisterin, der die Freude über den Start der Arbeiten deutlich anzumerken ist. 1,7 Millionen Euro investiert die Kommune nach Informationen des Kämmerers – eine 50-prozentige Förderung werde erwartet.

Die Arbeiten sehen nicht nur vor, dass die Fugen gesäubert und mit einer speziellen Mörtelmischung in Anlehnung an den historischen Kitt wieder gefestigt und schon entfernte, zwischengelagerte alte Steine wieder eingefügt werden. Es geht auch um eine Stabilisierung von der Friedhofseite aus.

Vier Stützen werden in den Boden getrieben, zwei Querträger angebracht. Eine Stahlkonstruktion, an der die Mauer in Zukunft „hängt“, damit sie nicht aus der Balance gerät und einstürzen kann. So wie bei der Entfernung des Efeus das Naturdenkmal betroffen war, ist es nun das Bodendenkmal Stadtmauer.

Bedeutsames Denkmal

Vor wenigen Tagen kam die Zustimmung von den Denkmalbehörden, dass der punktuelle Eingriff in die Erde durch die vier Pfähle alternativlos, also durchführbar ist. Es galt also wieder einmal „dicke Bretter“ beziehungsweise Steine bohren, wie Herrmann sagt. Die Sanierung der Stadtmauer ist auch aufgrund ihres planerischen Aufwands und des hohen Abstimmungsbedarfs mit den Genehmigungsbehörden der Denkmalpflege eine Jahrhundertaufgabe, sagt Kölbl.

Er ist nicht weit von der Mauer entfernt aufgewachsen – und strahlt ebenfalls vor Freude darüber, dass es gemeinsam mit Stadtrat, der Bauverwaltung und den übergeordneten Fachbehörden gelungen ist, die Rettung des neben der Burg und dem Rathaus wichtigsten Denkmal der Stadt einzuläuten.

Auch das hat die Altersforschung als Basis für die Maßnahme ergeben: Die älteste Schicht geht bis ins 13. Jahrhundert zurück, die Massivität und das zum Teil noch sichtbare Fischgrätmuster der Steine machen das Bauwerk zu einem der bedeutsamsten im Südostbayern, so Herrmann.

Zahlen und Fakten zur Sanierung

Zahlen und Fakten zur Jahrhundertsanierung, zusammengestellt von Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann:

  • Baubeginn: Ende März 2021
  • Bauabschnitt eins: vom Roten Turm bis zum Ende des Altstadtfriedhofs , bis Ende Oktober 2021
  • Bauabschnitt zwei: Ende des Altstadtfriedhofs bis zur Neustraße, bis Ende Oktober 2022
  • Kosten: 1,7 Millionen Euro
  • Geplante Arbeiten: Efeurückschnitt, komplette Sanierung des Mauerwerks, Festigung und Ergänzung der losen Steine, Erneuerung des Fugenmörtels, Sanierung und Teilwiederaufbau der Mauerkrone, statische Sicherung auf der östlichen Friedhofseite.

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