Kinder ohne Aufsicht

Schlüsselkinder: Wie lange lässt man Kids allein?

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Kinder allein zuhause: Besonders für Alleinerziehende oder Eltern, bei denen beide Vollzeit arbeiten, gibt es oft Gewissenskonflikte, wenn Kinder zeitweise alleine sind.
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Wasserburg - Egal ob alleinerziehend oder in normaler Familie mit zwei berufstätigen Elternteilen. Manchmal klappt es nicht, die Kinder selbst zu betreuen. Wie lange darf man ein Kind alleine lassen?

Martina Dressl ist 37 und hat einen 10 Jahre alten Sohn. Die alleinerziehende Mutter arbeitet in Vollzeit in einem Altenheim. "Wir können es uns nicht leisten, wenn ich nur halbtags arbeiten würde", heißt es von Dressl gegenüber wasserburg24.de. Julian besucht die fünfte Klasse. "In der Grundschule war es einfacher, da kam Julian in den Hort am Nachmittag, hat dann sogar das Angebot der Ganztagesklasse nutzen können", erklärt die Wasserburgerin.

Auch damals war es schon schwierig, weil das Angebot der Ganztagesklasse lediglich bis halb vier am Nachmittag reiche, Julian musste alleine nach Hause gehen. "Ich bin mit der Situation unglücklich, dass Julian ein Schlüsselkind ist", betont Martina Dressl.

Zwar wisse sie, dass man sich auf Julian verlassen könne und er keinen Quatsch in der Wohnung anstelle, aber auch er sei eben nur ein Kind, das bestimmt auch mal Schmarrn im Kopf habe oder wegen Langeweile etwas ausprobiere. "Mir ist es einfach ganz oft langweilig" erklärt Julian seine Situation. Zwar könne er ein Mal die Woche mit einem Schulfreund mitkommen, bis ihn seine Mutter dort abhole, aber an vielen Tagen gebe es Momente, an denen er einfach gerne seine Mama etwas fragen möchte und sie nicht da sei.

"Ich arbeite im Schichtdienst und komme manchmal erst um 20 Uhr nach Hause", klingt Martina Dressl verunsichert. Von ihren Kolleginnen werde sie daher oft als Rabenmutter verschrien. Besser sei es, wenn sie Frühschicht hätte und Julian lediglich am Morgen alleine zum Frühstück sei und danach seine Mutter nach dem Unterricht in die Arme schließen könne.  

Das Schöne im Fall von Julian: Die Nachbarn in der Nebenwohnung holen den Buben oft zum Kartenspielen oder zum Abendessen zu sich und unterstützen Mama Martina Dressl deshalb sehr bei der Aufsicht des Kindes. "Dafür sind wir den beiden sehr dankbar". Nicht überall gibt es die Möglichkeit, dass Nachbarn oder Freunde helfen.

Schlüsselkinder: Was ist erlaubt?

Wie lange darf man Kinder und Jugendliche alleine in der Wohnung lassen, wenn es keine Möglichkeit der Betreuung gibt?

Nachgefragt bei Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer aus Rosenheim heißt es: "Das hängt vom Entwicklungsgrad des Kindes ab". Auch die gute Organisation des sozialen Umfeldes sei ein Aspekt, der zu betonen sei, erklärt Fischer auf Nachfrage von wasserburg24.de.

"Wenn ein Kind mit dem Schlüssel ausgestattet wird und die Mutter sich nichts darum schert, dann muss man sich natürlich schon Gedanken machen, wie man Betreuungszeiten anders regeln müsse", so Fischer. Grundsätzlich muss durch die Eltern organisiert werden, dass das Kind sich nicht hilflos fühle.

"Wenn ein Kind nicht besonders verlässlich ist, kann es auch nicht lange alleine bleiben. Wenn ein Kind aber verantwortungsbewusst handelt, wird es keine Probleme geben", so Fischer weiter. Er rate jedoch grundsätzlich, Nachbarschaftshilfe in Anspruch zu nehmen und das soziale Umfeld gut zu organisieren.

Soziales Umfeld stärkt Möglichkeiten

Oma und Opa seien ein wichtiges Unterstützungssystem, das besonders hohen Stellenwert habe, betont der Jugendamtsleiter im Gespräch mit wasserburg24.de.

In Wasserburg funktioniere das Familienpatenprogramm sehr gut, fügt Johannes Fischer hinzu. Es greife auf ehrenamtliche Paten zurück, die Familien im Alltag begleiten. "Dieses Angebot gibt es durch den Kinderschutzbund", so Fischer. Ebenso gut funktioniere der Kids Club im Mehrgenerationenhaus, der an drei Nachmittagen in der Woche sowie während vieler Ferientage geöffnet habe und Betreuung anbiete. "Darauf greifen vor allem Alleinerziehende gerne zurück", heißt es von Maria Hessdörfer vom Mehrgenerationenhaus Wasserburg.

Fischer mahnt zum Weiterdenken

Johannes Fischer betont, dass es für Alleinerziehende insgesamt ein Problem sei, besser akzeptiert zu werden. "Wir haben die sogenannten Ein-Eltern-Familien nicht auf dem Schirm, das findet in den Köpfen einfach nicht statt", beklagt Fischer. Diese Form der Familienkonstellation sei mittlerweile häufig vertreten, doch immer noch werden vor allem klassische Familien bedacht, so der Kreisjugendamtsleiter aus Rosenheim.

"Nehmen Sie mal das Angebot von Eintrittskarten im Schwimmbad", so Fischer. Es seien Angebotskarten für Senioren, für Studenten und für Familien vorhanden. "Aber eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern kann die Familienkarte nicht nutzen, denn da zahlt sie ja drauf", so Fischer.

Er ermutige dazu, mehr auf alleinerziehende Mütter oder Väter einzugehen. "Nicht jeder hat tolle Nachbarn oder Oma und Opa zur Seite für die Kinderbetreuung", so Fischer.

Für Pflegekräfte oder Mitarbeiter, die sei es beispielsweise im Schichtdienst schwierig, ihre Kinder in Kitas zu bringen. Darauf möchte jetzt der Montessorikindergarten in Wasserburg reagieren und seine Betreuungszeiten weiter ausbauen und flexibel gestalten. "Nicht jede Familie lebt im Idealzustand gut eingebunden. Wenn man alles alleine schaffen muss, ist man schneller in Überlastungssituationen und kann sich vielleicht mal tatsächlich nicht gut um sein Kind kümmern", so Fischer abschließend. Vorschriften gibt es grundsätzlich nicht, aber man müsse mehr für Ein-Eltern-Familien tun. "Schlüsselkinder gibt es und eine Vorschrift, wie lange ein Kind in welchem Ausmaß alleine sein kann, hängt immer von der Familie, vom Reifegrad des Kindes ab". Die Familienberaterin in Wasserburg, Erika Pohl könne über Betreuungsmöglichkeiten in Stadt und Land Wasserburg ebenfalls weiterhelfen. Es sei ein guter Schritt, sich Hilfe zu holen und zwar ohne Scham und ohne, sich dann schwach vorzukommen, so Fischer.

Quelle: rosenheim24.de

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