„Das Thema Liebe ist ja nicht behindert“

Stiftung Attl hilft Menschen mit Einschränkungen ihre Liebe zu leben

Erika Dumler, Leitung der zentralen Fachdienste und Sexualbeauftragte der Einrichtung Attl. Tretner
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Erika Dumler, Leitung der zentralen Fachdienste und Sexualbeauftragte der Einrichtung Attl. Tretner

Behinderte Menschen haben ein Recht auf Familie und Kinder, Sexualität und Eheschließung. In der Stiftung Attl in Wasserburg unterstützt Erika Dumler, Leitung der zentralen Fachdienste und Sexualbeauftragte, die Bewohner dabei, ihre Liebe zu leben. Klare Regeln helfen dabei.

Wasserburg – Wie herrlich ist es dieser Tage: Die Sonne scheint wieder warm vom Himmel, die Vögel zwitschern fröhlich und die ersten Blümchen sprießen. Die Natur erwacht zu neuem Leben. Frühlingsgefühle kommen auf, bei Mann und Frau, jung und alt. Viele sehnen sich nach einem Partner – auch Menschen mit Einschränkungen körperlicher oder seelischer Art. Dass sie ebenfalls Liebe empfinden, lieben können und wollen, Partnerschaft leben möchten, steht heutzutage außer Frage.

Wie schön das sein kann, und dass es hier aber auch durchaus zu Problemen kommen kann, davon erzählt Erika Dumler, Leitung der zentralen Fachdienste und Sexualbeauftragte der Einrichtung Attl.

„Früher war Attl in Sachen Lieben ja eine Insel“, erzählt Dumler. Die Klosterbauten liegen etwas abgelegen, was ein Wegkommen von dort erschwerte. Veranstaltungen, Austauschprogramme, Ausflüge, die heute für die Bewohner angeboten werden, gab es vor zwanzig, dreißig Jahren so noch nicht.

Ganz normale Wünsche nach Gemeinsamkeit

Der Bedarf an Austausch, der Wunsch, jemanden kennenzulernen, sei für Frauen und Männer hier genauso groß wie für Menschen ohne Einschränkungen, beschreibt sie. Jemanden zum Partner zu haben, jemanden, der für einen da ist, ja auch jemand, auf den man stolz sein kann, oder einfach jemand, der mit einem ins Café geht oder gemeinsam fernsieht, das seien ganz normale Wünschen auch in Attl.

Die Liebe – großes Thema auch am Wunschbaum in Attl.

Die Offenheit, Menschen mit Behinderungen diese Wünsche zuzugestehen, komme nicht von alleine. Viele Vorurteile, Ängste, Bedenken und auch Sorgen vonseiten der Eltern und auch der Leitung solcher Einrichtungen seien bis heute nicht gänzlich ausgeräumt, weiß Dumler.

70 Prozent der Bewohner in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen seien nicht aufgeklärt. „Ihnen fehlen die körperlichen Erfahrungen in Jugendzeit und auch „die ganz klassischen Doktorspiele, mit denen Kinder ihre Sexualität kennenlernen“. Für Dumler sei es somit eine klare Aufgabe, die Kinder- und Jugendbereiche vor allem aufzuklären.

„Die meisten wollen ja nur wissen, was denn normal ist und wie das zum Beispiel mit dem Kinderkriegen ist.“ Wichtig sei es, den Dingen einen Namen zu geben, zu wissen, was man möchte und was nicht. Dafür muss Frau und Mann aber durchaus erst einmal kennen, was es alles gibt und die Betreuer müssen wissen, wo die- oder derjenige in seiner psychosexuellen Entwicklung steht. Nicht das Verbot aus früheren Zeiten steht mehr im Vordergrund, sondern die Aufklärung und die Frage, wo steht der Betroffene.

Mittlerweile gibt es in Attl einige Partnerschaften, die aber durchaus ein wenig Hilfe brauchen, sozusagen eine Paarberatung, weil eigene Erfahrungen oft fehlen oder zu wenige vorhanden sind, beschreibt die Sexualbeauftragte. Auch Grenzen müssten oftmals im Gespräch mit den Paaren, miteinander im Team abgesteckt und Begriffe dechiffriert werden.

Die Bilder von Liebe und Sexualität stammen oft aus dem Fernsehen, den sozialen Medien oder Pornofilmen, die natürlich mit der Realität nichts zu tun haben, was auch oft von „normalen“ Paaren massiv unterschätzt wird, so Dumler.

In ihren Beratungsstunden lernen die Klienten vor allem, zu verhandeln: Was will ich und was will ich nicht und, dass ein „Nein“ nicht bedeutet, der andere mag mich nicht mehr.

Liebe mit all ihren Facetten soll nicht fremdbestimmt sein. Werden Partnerschaften beratend begleitet, um beispielsweise kommunikative Missverständnisse zu klären, dann können Paare oft sehr gut ihre Beziehungen führen, schaffen sich damit etwas eigenes und machen sich damit unabhängiger vom Betreuungspersonal, so die Erfahrung in Attl.

Ein Recht auf Familie und Kinder, Sexualität und Eheschließung

Behinderte Menschen haben ein Recht auf Familie und Kinder, Sexualität und Eheschließung, lautet hier die Devise. Hochzeiten haben sie in Attl auch schon gefeiert, ob nun ganz offiziell im Standesamt oder als sogenannte Paarsegnung. „Das ist ein bisschen mehr als verlobt und ein bisschen weniger als verheiratet“, erklärt Dumler.

„Wenn ich einen Partner habe, dann bin ich normal“, so sehen es die Bewohner. Sie sollen in Attl so weit wie möglich selbst herausfinden, ob und wie sie ihre Liebe leben wollen.

Stiftung Attl als Vorreiter

In Attl hat man zum Thema Liebe und Sexualität klar Stellung bezogen und eigens eine Stelle hierfür geschaffen, die seit 2010 Erika Dumler ausfüllt. Sie sind hier sogar bayernweit die Ersten, die ein Konzept erstellt haben, mit dem alle zum Thema auftretenden Fragen beantwortet werden können. Dieser Rahmen ist für alle Beteiligten wichtig – auch für die Betreuer.

Erst seit 1983 wohnen auch Frauen in der Stiftung Attl.

So kann offen und frei mit den Themen Liebe und Sexualität umgegangen werden. „Mit diesen klaren Regeln bringe ich niemanden in Gefahr mit diesem doch in der Öffentlichkeit heiklen Thema“, so Dumler. Dieses Konzept wirkt auch präventiv, denn die Begleitung in Sachen Sexualität ist enorm wichtig, vor allem von Mensch zu Mensch mit all den unterschiedlichen Voraussetzungen geistig, seelischer und körperlicher Natur. „Wir fragen immer: ‚Wo steht denn der Mensch gerade, was braucht er‘“

Kinderwunsch ist auch ein Thema

So ist die Empfindung auch beim Thema Kinderwunsch: Wenn ich ein Kind habe, bin ich wie alle anderen und dann bin ich auch normal. „Die meisten Behinderungen kommen übrigens durch Sauerstoffmangel zustande und behinderte Menschen können ganz normale Kinder bekommen.“

Emotional ist es vielen durchaus zuzutrauen, Kinder zu bekommen. Ein wenig schwieriger wird es dann beim praktischen Teil der Kindererziehung. Aber auch hier möchten die meisten der Paare, die zu Erika Dumler ins Gespräch kommen, nur bestätigt sehen, dass sie es könnten und dürften.

„Bei einem Paar mit Kinderwunsch hatten wir eine Babypuppe programmiert, sodass sie einmal sehen, wie es so ist ein paar Tage mit Kleinkind. „Ziemlich schnell wurde beiden dann klar, dass sie damit an ihre Grenzen kommen und konnten dieses Thema für sich abschließen.“

Attl: ein Drittel Frauen und zwei Drittel Männer

Seit mehr als 140 Jahren ist die Stiftung Attl ein Zuhause für Menschen mit geistiger Behinderung. 1087 als Kloster gegründet, verwandelte sich Attl im Zuge der Säkularisation 1873 in eine Stiftung und Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Angelegt war das ehemalige Kloster als Männerwohnheim – bis Frauen dort einzogen, dauerte es etwas.

Ab 1983, mit dem Beginn baulicher Veränderungen, war es auch Frauen möglich, hier in Attl ein Zuhause zu finden. Heute beheimatet die Stiftung ungefähr zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen.

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