Theater und Schauspiel in Corona-Zeiten: Familienbetrieb bleibt optimistisch

Kulturpreisträger Herwegh aus Wasserburg: „Dürfen nicht in Schockstarre verfallen“

Theaterfamilie Herwegh aus Wasserburg
+
Theaterfamilie durch und durch: Sohn Benedikt Herwegh, Constanze Baruschke-Herwegh und Jörg Herwegh (von links) im Obstgartentheater beim Stück „Ellen oder die Affäre Doppelherz“ im Sommer 2020.

Wasserburg - Theatermacher Jörg Herwegh ist stolzer Träger des Kulturpreises 2020 des Landkreises Rosenheim für seinen gleichnamigen Familienbetrieb. Die 5.000 Euro investiert er freilich in seine große Leidenschaft - doch wie sieht die überhaupt in Zeiten der Corona-Krise aus?

„Auch wenn wir auf der Bühne momentan unseren Beruf nicht ausüben dürfen müssen wir weiter vorbereiten und planen - eigentlich sogar mehr als je zuvor, um uns auf alle Eventualitäten einzustellen“, erklärt Herwegh im Gespräch mit wasserburg24.de. Man wisse schließlich nicht, welche Auflagen noch auf das Theaterbüro, das er gemeinsam mit seiner Frau und Schauspielpartnerin Constanze Baruschke-Herwegh im Familienbetrieb führt, zukommen werden.


Der Kulturpreis des Landkreises freut die beiden ungemein, stellt einen kleinen Auftrieb dar gerade in den aktuell schwierigen Zeiten weiterzumachen. Daher fließen die 5.000 Euro voll und ganz in den Theaterbetrieb in der Altstadt. Denn die aktuelle Situation der Krise ist alles andere als leicht: „Die laufenden Kosten gehen weiter und auch Vorplanungen sind immer mit kleinen Ausgaben verbunden. Ein Theaterbetrieb investiert immer wieder den Großteil des Verdienstes in neue Projekte und Ideen - da sind wir fleißig dabei.“


Wasserburger Theatermacher mit circa 90 Vorstellungen im Corona-Sommer

Die Corona-Krise geht auch an den Theatern nicht unbemerkt vorbei, stellt die Schauspielerei vor einen großen Berg an Herausforderungen: „Es ist für uns eine ganz schwere Situation, wir verdienen keinen Cent. Doch ich möchte nicht jammern, wir versuchen vielmehr das Beste aus dem Ganzen herauszuholen“, zeigt sich Herwegh trotz des zweiten Shutdowns, der den Betrieb im Herzen der Wasserburger Altstadt erneut lahm gelegt hat, kämpferisch. „Wir sind ein Kreativ-Betrieb. Wenn wir aufhören kreativ zu sein und Ideen nicht mehr entwickeln, dann haben wir den falschen Job gewählt. Nur weil wir uns in einer schwierigen Zeit befinden, dürfen wir nicht in Schockstarre verfallen.“

Doch Spielen ohne Publikum - so macht ein Theater keinen Sinn: „Letztendlich arbeiten wir als Theaterbüro auf Vorstellungen hin, das sind ja auch unsere Einnahmequellen.“ Dennoch konnte Herwegh an die 90 Vorstellungen über den Corona-Sommer verbuchen. „Da waren Tage dabei, an denen habe ich ein Solo vor drei Leuten gemacht. Und es war gut: Die drei haben sich gefreut, ich habe mich gefreut, es hatte einen Sinn. Das zählt“, erinnert sich der Wasserburger schmunzelnd. Eine weitere Idee, die voll eingeschlagen und das Publikum begeistert hat: Das Stück „Ellen oder die Affäre Doppelherz“ im Obstgartentheater, bei dem Herwegh mit Frau und Sohn Benedikt in privaten Gärten in der Region aufgetreten ist.

Theatermacher Jörg Herwegh mit seiner Frau und Schauspielerkollegin Constanze Baruschke-Herwegh.

Familienbetrieb Herwegh: „Wir trotzen dieser Abwärtsspirale“

„Es wird sich grundsätzlich im gesamten Kulturbereich einiges ändern und darauf muss sich der Mensch einstellen“, ist Herwegh überzeugt. „Es braucht keiner glauben, dass alles wieder so ist wie früher, sobald die Lockerungen kommen. Doch diesen Anforderungen und Problemen stellen wir uns - es hilft ja nix. Meine Frau und ich arbeiten jeden Tag an unserem Fortbestehen und sind sehr optimistisch, dass wir diese Krise durchstehen werden. Wir trotzen dieser Abwärtsspirale, denn da tut man sich schwer wieder rauszukommen - auch wenn uns ein harter langer Winter bevorsteht.“ Wer überleben wolle, der brauche „Ausdauer, Beharrlichkeit, Kreativität und vor allen Dingen ein dickes Fell“.

Unseren Betrieb, den kann man nicht auf Null herunterfahren und mit einem Schalter mir nix dir nix wieder auf 100 Prozent. Da gehört unglaublich viel dazu“, unterstreicht der Wasserburger. Vorführungen im Saal, die wird es wegen der hohen Ansteckungsgefahr so schnell wohl nicht geben. Deshalb hat sich die Theaterfamilie gezielt für Freiluftveranstaltungen entschieden: „Wir haben uns Stücke für draußen überlegt mit wenig Zuschauer. Damit ist zwar nicht viel verdient, aber es sind immerhin auch kleine Brötchen. Hier hoffe ich, dass die Politik uns zumindest das ermöglicht und nicht pauschal alles zensiert. Doch dafür müssen wir erst den zweiten Shutdown überstehen.“ Auf der Homepage des Theaterbüros sind die aktuellen Termininformationen zu finden, die regelmäßig aktualisiert werden.

Jörg Herwegh auf der Bühne in seinem Stück „Kini-Schiaßer“.

Jörg Herwegh ist ein “alter Hase“ im Geschäft: Theater macht er schon seit über 30 Jahren, professionell seit mehr als 20 Jahren. Aufhören aber kommt ihm nicht in den Sinn, wie er vehement beharrt: „Daran denke ich keine Sekunde. Ich werde bald 60 und ich sehe viele Dinge entspannter. Ich habe viel miterlebt und wenn ich an meine Mutter denke, was die im zweiten Weltkrieg mitgemacht hat, da ist meine Krise ein Witz dagegen. Es geht momentan nicht ums nackte Überleben, wir haben ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Wenn man in andere Länder blickt, kann ich nur sagen: Wir befinden uns nach wie vor auf einem hohen Niveau, was unseren Lebensstandard in Deutschland angeht - auch mit dem Corona-Virus.“

mb

Kommentare