Geschichtswissenschaftliche Studie

Wasserburg lobt 18.000 Euro Preisgeld für Forschung über NS-Zeit in der Stadt aus

Ein Bild aus Zeiten vor der Pandemie: Am 27. Januar 2020 weihte Bürgermeister Michael Kölbl das NS-Denkmal am Heiserer-Platz ein.
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Ein Bild aus Zeiten vor der Pandemie: Am 27. Januar 2020 weihte Bürgermeister Michael Kölbl das NS-Denkmal am Heiserer-Platz ein.

Das Unrecht hatte zur NS-Zeit viele Gesichter. Wasserburg will das dunkle Kapitel seiner Stadtgeschichte weiter aufarbeiten und lobt ein Preisgeld von 18.000 Euro für eine geschichtswissenschaftliche Forschungsarbeit aus.

Wasserburg – „Als ich über die Brücke laufend meine Hand nicht zum Hitlergruß erhob, bekam ich eine Schelle vom Schülerheimdirektor, der ein überzeugter Nationalsozialist war“ – diese Aussage eines Wasserburger Schülers der damaligen „Luitpold-Oberrealschule“ stammt vermutlich aus dem Jahr 1940 und ist ein Stück weit Sinnbild für viele offene Fragen zum Alltag der Menschen in Wasserburg während der NS-Zeit. Persönliche Freiheit gab es nicht mehr, Verbote und Kontrolle bestimmten das Leben der Menschen.


18.000 Euro Preisgeld ausgelobt

Die Stadt arbeitet ein dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte weiter auf und lobt einen Preis aus für wissenschaftliche Forschungen über die Zeit des Nationalsozialismus in der Innstadt. Das Preisgeld beträgt 18.000 Euro, Ansprechpartner ist Matthias Haupt vom Stadtarchiv. Mit dem Betrag soll die Entstehung einer geschichtswissenschaftlichen Studie über die NS-Zeit in Wasserburg unterstützt und realisiert werden. Zwei bis vier Jahre gibt es je nach Absprache Zeit.


Nach dem Machtantritt 1933 etablierte sich die nationalsozialistische Diktatur auch in Wasserburg schnell. Bis zum Juli verloren Mandatsträger der Parteien SPD und BVP ihre Ämter im Wasserburger Stadtrat. Gegnerinnen und Gegner des Unrechtsregimes wurden verfolgt, erklärt Stadtarchivar Haupt.

Unrecht hatte viele Gesichter

Denunziationen führten zwischen 1933 und 1945 zu Verhaftungen. Staatlicher und parteilicher Zwang wurde ausgeübt. Unrecht hatte im Nationalsozialismus viele Gesichter. Der Willkürstaat durchdrang alle Lebensbereiche – natürlich auch die Züchtigung von Schülern.

Die angestrebte Studie soll sich unter anderem beschäftigen mit den Anfängen und dem Aufstieg der Nazis vor Ort. Wie wurden die Wasserburger „zum Mitmachen“ bewegt, wer wurde dabei ausgegrenzt? Wie wirkte sich das System der „Schutzhaft“ in Wasserburg aus?

Was passierte auf der Ebene der kommunalen Verwaltung und der Behörden? Auch soll es um die Gliederung der NSDAP, die Ämter und Mittäter gehen, die Auswirkungen auf Kultur und die lokale Wirtschaft. Auch die Rolle der Presse soll beleuchtet werden, ebenso die der Kirche, der Stadtgesellschaft und die der Propaganda-Aufmärsche.

Zeitzeugeninterviews als Forschungsquelle

Wer waren die politisch Verfolgten, die Widerstandskämpfer? Über Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie die NS-Euthanasie liegen bereist wissenschaftliche Studien vor. Diese könnten in die neue Gesamtdarstellung kritisch oder auch weiterführend eingebettet werden, so Matthias Haupt.

Weiter soll geforscht werden zu kriegsvorbereitenden Maßnahmen, Kontakten zur Wehrmacht, Stützpunkten, Auswirkungen auf die Bevölkerung ab September 1939, Lazarette, Kriegsschäden und -opfer. Zum Thema Entnazifizierung liegt dem Archiv bereits eine wissenschaftliche Studie zur Druckvorbereitung vor.

Interessierte finden weitere Informationen zur Aufgabenstellung und zum Bewerbungsschreiben auf der Homepage vom Stadtarchiv Wasserburg unter „Neuigkeiten“. Geforscht werden soll in den Quellen, die dem Stadtarchiv vorliegen, aber auch in staatlichen Archivverwaltungen. Auch beispielsweise private Betriebsarchive oder mögliche weitere private Überlieferungen, noch nicht transkribierte Zeitzeigeninterviews werden Gegenstand der Arbeit sein.

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