Bildungsgipfel: "Sind wir Normalos noch viel wert?"

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Bildungsgipfel mit Staatssekretär Georg Eisenreich. Breitet sich der Akademisierungswahn weiter aus, erhält das Handwerk zu wenig Wertschätzung?
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Wasserburg - Fängt der Mensch erst mit dem Abitur an? Ganz unterschiedliche Meinungen kristallisierten sich beim Bildungsgipfel mit Staatssekretär Georg Eisenreich heraus.

Bildung fängt schon früh an. Dessen sind sich die Anwesenden des Bildungsgipfels einig. Dem Landtagsabgeordneten Otto Lederer war es ein großes Anliegen, zum Bildungsgipfel nach Wasserburg zu laden. "Das Thema interessiert und ist gesellschaftlich sehr wichtig" betont Lederer während des Abends. Als Experte konnte Bildungsstaatssekretär Georg Eisenreich gewonnen werden, der im Sparkassensaal die Unterschiede im Bildungssystem erläuterte und den positiven Effekt der Vielfalt im Schulwesen in Bayern verdeutlichte. "Die Schulfamilie darf nicht im Wettbewerb stehen" heißt es von Eisenreich. Jedes Kind, jeder Jugendliche könne sich seinen Fähigkeiten entsprechend für eine Schulart entscheiden. "Sollte es dann doch die persönlich falsche sein, kann ein Schritt zurück manchmal nicht schaden".

Dass es sich um ein wichtiges Thema handelt, verdeutlichte die stattliche Zahl der Anwesenden aus den unterschiedlichsten Bereichen. Vertreter der IHK sowie der Handwerkerschaft, Philologen, Lehrer, Schulleiter aus den verschiedenen Schulangeboten aus dem Landkreis, darunter Karlheinz Rieger von der Mittelschule Eiselfing, Franz Stein von der Mittelschule Wasserburg, Peter Rink vom Gymnasium, Johann Schaller von der FOS/BOS, Markus Hösl-Liebig von der Realschule in Wasserburg. Auch zahlreiche Schulleiter der Rosenheimer Schulen waren mit dabei und diskutierten gerne mit. Äußerst interessiert zeigte sich der Ministerialbeauftragte der Realschulen in Oberbayern-Ost, Wilhelm Kürzeder, der den Abend teils kritisch mit verfolgte, ebenso sein Vorgänger Peter Pelzer, der jetzt im Arbeitskreis Schule/Wirtschaft aktiv ist. "Das Thema ist sehr sensibel, der Wettbewerb teils erschreckend".

Bildungsgipfel mit Meinungsaustausch

Während die einen den Leistungsdruck anprangerten, sprachen andere Gäste von dem dringenden Bedarf, dem Handwerk gerecht zu werden. "Alle wollen immer nur studieren, sogar nach einer guten Ausbildung im Handwerk" hieß es von mehreren Vertretern der Handwerker. Ähnlich sieht es auch Sparkassendirektor Richard Steinbichler. "Viele gute Azubis hören nach der Lehrzeit bei uns auf, weil sie auf die BOS gehen möchten und nachher weiterstudieren. Uns fehlen in der Wirtschaft zunehmend gute Mitarbeiter".

In der Tat sei es so, dass man nicht nur gute Ideen brauche, sondern auch Menschen, die dies umsetzen können, heißt es von Eisenreich.

"Darum können wir mit unserem bayerischen Schulsystem jeder Fähigkeit gerecht werden" so der Bildungsstaatssekretär.

Karlheinz Rieger berichtete über den Vorstoß, dass zunehmend viele Schüler den M-Zug wählen, die Regelklassen im Schulverband immer mehr in den Hintergrund geraten. "Wir bekommen die Regelklassen von den Schülerzahlen nicht mehr zusammen, weil das Angebot des M-Zugs enorm gut genutzt wird", so Rieger.

Wie der Schulleiter aus Eiselfing haben sich viele weitere Direktoren und Leiter der Schulen aus der Region in die Diskussion eingebracht.

Realschulleiter Markus Hösl-Liebig zeigte sichtlich stolz auf, dass er positiv vermerke, dass Realschüler gerne in der Wirtschaft ankommen und sich hier entfalten können.

Peter Rink vom Luitpold-Gymnasium in Wasserburg betonte, dass das Gymnasium nach wie vor die beste Vorbereitung auf ein Studium darstelle, aber definitiv nicht die anderen Schularten kaputt mache.

Immer wieder kam der Zwiespalt des Wettbewerbs der Schularten und der Gesellschaft an sich auf. "Wir sind in einer Leistungsgesellschaft, da muss mein Kind mithalten können" zeigte sich eine Mutter überzeugt.

Die Gesellschaft als Knackpunkt für die noch ungleiche Wertschätzung der verschiedenen Schulabschlüsse? "Ja, daran müssen wir arbeiten" heißt es von Georg Eisenreich und Otto Lederer gleichermaßen. Es bräuchte mehr Dialog und mehr Wachrütteln, dass sowohl studierte Menschen als auch gut ausgebildete Fachkräfte wichtig sei. Landrat Wolfgang Berthaler brachte den Hinweis ein, dass die Familien das wichtige Fundament während der Schulzeit und auch bei der Wahl der richtigen Schulart seien und sich hier vermehrt Probleme auftäten.

Klaus Stöttner zeigte sich vom Handwerk in der Region begeistert. "Das Handwerk bleibt eine der wichtigsten Säulen in der Region, wir sollten uns alle nicht entmutigen lassen".

Immer wieder wurde darüber gesprochen, dass es keinerlei Abwertung für "nicht studierte Menschen" geben dürfe. "Jeder ist wichtig, der Akademisierungswahn darf uns nicht bestimmen" heißt es von vielen Anwesenden gleichermaßen.

Der Bildungsgipfel hat gezeigt, dass viele Punkte gern diskutiert werden und der Dialog und die Wichtigkeit aller Schularten und Abschlüsse mehr in die Köpfe der Menschen transportiert werden müsste. "Es muss ein Gleichgewicht her und mehr Aufklärung, was die einzelnen Richtungen betrifft", so Georg Eisenreich abschließend. Die Talente der Kinder sollten immer entscheidungsgebend für die Schulwahl sein, nicht der gesellschaftliche Druck.

Quelle: rosenheim24.de

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