Todesursache von "Fletzi" weiterhin unbekannt

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Wasserburg - "Fletzi" lud in den Rathaussaal. Viele aus der Region folgten der Einladung. Der Gastgeber an sich zeigte sich allerdings nur anhand von Bildern.

Weilt er doch in München zur Untersuchung. Infos über das Skelett und die weiteren Ausgrabungen gab es trotzdem.

Sichtlich zufrieden gesellte sich Bürgermeister Michael Kölbl ins Publikum. Ungefähr 200 Leute unterschiedlichsten Alters lauschten den ersten Erkenntnissen der Rettungsgrabung. Diese hat dem derzeitigen Grundstücksbesitzer bereits 200.000 Euro gekostet. Dr. Martin Pietsch vom bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Gwendolyn Schmidt, die Ausgrabungsleiterin, brachten etwas Licht ins Dunkel und ließen trotzdem noch viele Fragen offen. So wisse man nicht, um wie viel echtes Stadtleben es sich gehandelt habe, ob es wirklich eine Ansiedlung zu jenem Zeitpunkt gab. Fest steht: Mit einzelnen Mauerabschnitten wurde Besitz abgeschottet. Es stelle keine Umzäunung eines Gebiets dar, sondern einen gewissen Macht-Anspruch, erläuterte Schmidt. Von einer Stadtmauer könne jedoch keine Rede sein, so Schmidt weiter, weil es solch eine Lebensform erst weitaus später gegeben habe.

9. Jahrhundert sicher

Klartext kam mit dem Jahrhundert ins Spiel. Auf Mitte des 9. Jahrhunderts werden die Ausgrabungen derzeit geschätzt. Die Maßnahmen gestalteten sich schwierig, und hätten während der Arbeiten immer neue Entdeckungen gebracht, freute sich Schmidt. Anhand von Bildern zeigte sie den Besuchern, an welchen Stellen Kellergewölbe erahnt werden könne und was es mit den einzelnen Schichten auf sich habe. Das ungeübte Auge allerdings sah lediglich unterschiedliche Ebenen aus Gestein, Kies und Mörtel. Fast klang der Vortrag der Ausgrabungsleiterin wie der eines Architekten. Durch diese Ausführungen entstand jedoch ein Bild im Kopf, das sogar etwas Fantasie zulässt. Jeder dürfe seine Gedanken, wie es damals zugegangen sei, schweifen lassen, hieß es von den Profis. Fundamente, die sich teils als recht interessant darstellen würden, könnten archäologisch nicht erfasst werden, erklärte Schmidt, weil durch Abrissarbeiten im 19. Jahrhundert Werte beschädigt oder gar vernichtet wurden. Somit lässt sich vieles im Ganzen nur erahnen anstatt beweisen. Die bestimmenden Geschlechter dieser Zeit waren die Grafschaften zu Ebersberg. Es wird gar vermutet, dass diese auch im damaligen Gebiet des jetzigen Wasserburgs Machtansprüche ihr Eigen nannten.

Keine Änderung der Geschichte

Echtes Siedlungsleben konnte erst im 11. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Die aktuell gefundenen Elemente lassen ein reges und weiterführendes Siedlungsleben nicht zu. Somit wurden prompt auch alle Fragen gekippt, ob denn vielleicht die Geschichtsbücher bezüglich der Entstehung Wasserburgs geändert werden sollten. Alle Thesen werden derzeit untersucht und dokumentiert. Dann sollen weitere Erkenntnisse an die Öffentlichkeit gegeben werden, versprach Dr. Pietsch.

Verbranntes Tor

Als interessant kristallisierte sich die Torsituation an der Mauer heraus. Die 20 Meter lange Mauer durch den östlichen Teil der Grabungsstätte weist eine Drei-Meter-Öffnung auf, vermutlich durch ein verbranntes Tor entstanden. Dieser Brand lässt auch die Bestattungen in diesem Bereich erklären.

Die Ausführungen der Ausgrabungsleiterin bezüglich des Skeletts am Fletzinger-Areal könnten Aussagen eines Gerichtsmediziners spiegeln: „Der Tote wurde in gestreckter Mittellage mit parallel zum Körper ausgestreckten Armen begraben“. Es kam noch exakter: „Der Kopf liegt im Süd-Westen mit Blick nach Osten“. Noch nicht genug, das Publikum im Rathaussaal lechzte nach weiteren Details: „Bei dem Toten handelt es sich um einen gut 1,80 Meter großen Mann, im Alter von 35 bis 40 Jahren. Sein Skelett zeigt ausgeprägte Muskelansätze mit Abnutzungserscheinungen, somit sei erwiesen, dass der Mann körperlich gearbeitet hat. Im Laufe seines Lebens hat er sich einmal den rechten Arm gebrochen, diese Verletzung verheilte gut“. Somit sei auch schlüssig, dass ihm medizinische Versorgung zur Verfügung stand, urteilte Gwendolyn Schmidt weiter. Der Zahnstatus des Skeletts sei gut, dies alles könne auf eine gute Lebensführung hin verstanden werden“. Zur Todesursache liefert das Skelett keinen Hinweis.

Doch die Archäologin ließ hier eine These nieder, die durchaus einleuchtend erscheint: Er wurde nicht in einem Sarg bestattet, sondern in ein Tuch gewickelt. Der Kopf wurde auf einen Tuffstein aus dem 9. oder 10. Jahrhundert gebettet. Ihm sei eine Art Kissen untergelegt worden, hieß es. Wohl unmittelbar bevor man den Platz nach der Mauerzerstörung durch Feuer und den Einsturz verlassen hatte, fand diese Bestattung ihre Aufgabe.

Danach sei erst wieder mit Siedlungsleben in dem Bereich um das 11. Jahrhundert erwiesenermaßen zu rechnen gewesen, gab Schmidt weiter preis. Viele Knochenrest-Funde konnten auf dem Areal entdeckt werden. Deshalb vermutet die Ausgrabungsleiterin sogar einen Kirchenstandort in diesem Bereich, dem eine Bestattungsstätte angeglichen wurde. Vor und nach diesem Highlight bezüglich des Skeletts gab es freilich gewohnte Worte im Archäologen-Daseins. Dabei wurde schnell klar, dass ein ungeübtes Auge lediglich unterschiedliche Gesteinsschichten, nicht aber frühere Bauelemente, sah.

Infoabend zur Ausgrabung am Fletzinger-Arenal war gut besucht

Historische Sensation

Nach viel professionellem Wissen kam zum Schluss erneut eine Art Zauber in den Rathaussaal, als Gwendolyn Schmidt verdeutlichte, dass hier wohl eine der ältesten Mauern der Region erfasst wurde. Dieses Wissen wäre ein ganz besonderer Schatz für die gesamte Region, speziell aber für Wasserburg. Das Arenal bleibt dennoch kein offenes Museum. Es werden Ausgrabungsproben aufgearbeitet, Dokumentationen erstellt und Teile der Funde nach den Analysen durch das Landesamt für Denkmalpflege im Wasserburger Museum ausgestellt. Nach den Arbeiten vor Ort darf ohne Rücksicht auf Verluste plangemäß weitergebaut werden. Auch wenn tief unten noch weitere Entdeckungen vermutet werden könnten.

Wann dürfen die Knochen zurück?

Auf die Frage aus dem Publikum, wann der Fletzi wieder in die Stadt zurück käme, nimmt die Ausgrabungsleiterin das Skelett zutiefst in Schutz: „Erstmal hat der Mann nichts getan, was diesen Namen rechtfertigt“, polterte sie etwas überspitzt. „Er befindet sich in der Archäologischen Staatsammlung und wird derzeit noch untersucht. Wann er wieder zurück nach Wasserburg darf, ist ungewiss“.

Quelle: rosenheim24.de

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