Wasserburger Chefarzt zur Frage „Was macht Corona aus psychiatrischer Sicht mit uns?“

Lockdown-Ende weiter offen: „Das Ungewisse ist immer schlechter zu verarbeiten, schürt mehr Angst“

 Professor Dr. med. Peter Zwanzger zu Auswirkungen des Corona-Lockdowns für uns Menschen aus psychiatrischer Sicht
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Die Ledererzeile ist normalerweise voll mit Lieferanten, Kunden und Passanten. Seit dem verlängerten Lockdown aber gähnt nicht nur die Altstadt in Wasserburg vor Leere. Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums Wasserburg am Inn und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik, schätzt die Auswirkungen der Isolation auf uns Menschen aus psychiatrischer Sicht ein.

„Der Corona-Lockdown ist nicht der Weltuntergang und ich bin überzeugt, dass es irgendwann besser wird. Ich will keine Angst schüren, ich will die Angst nehmen.“ Mit diesen Worten beginnt Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Chefarzt des Innsalzach-Klinikums Wasserburg, seine Ausführungen auf die Frage von wasserburg24.de, was Corona und der nicht enden wollende Lockdown mit uns Menschen macht.

Wasserburg am Inn - „Es hilft, das Ganze mit einer gewissen Distanz zu sehen und trotzdem umsichtig zu bleiben“, betont der Professor. Ihm ist bewusst, dass das alles gar nicht so einfach ist. Das Wichtigste: „Man sollte überbrückend in Kontakt miteinander bleiben und die Möglichkeiten, die uns trotz Lockdowns und Einschränkungen noch bleiben ausreichend nutzen. Vor 25 Jahren wären wir wesentlich schlechter aufgestellt - nicht nur medial.“


Einschränkung durch Corona-Pandemie: „Es verändert uns und es verändert unser Inneres“

Bereits im März haben wir Professor Zwanzger um eine psychiatrische Einschätzung gebeten, wie die Corona-Krise und die Isolation sowie Ausgangssperren uns Menschen verändern. Nun hat uns die Pandemie schon seit knapp einem Jahr fest im Griff.


Bagatellisieren dürfe man die Pandemie und ihre Folgen keineswegs: „Für uns alle ist das eine massive Belastung, da ist niemand ausgenommen. Das Leben, das wir normalerweise führen, gibt es aktuell so nicht mehr. Die Gestaltungsmöglichkeiten unseres Alltags und unserer Freizeit sind eingeschränkt - sowas hat keiner mitgemacht und damit müssen wir erstmal zurechtkommen.“ Die jüngere Generation habe das überhaupt noch nicht erlebt, die ältere Generation solch massive Einschränkungen vielleicht im Krieg, aber natürlich in einer anderen Dimension.

Der Professor weiter: „Jetzt kann man natürlich sagen, es gibt noch viel Schlimmeres auf der Welt - doch darauf kommt es gar nicht an: Das Entscheidende ist den Vorher-Nachher-Unterschied zu betrachten. Wie fühlt sich das an? Viele können die Aktivitäten, denen sie sonst so gerne nachgegangen sind und die auch für Erholung und Freizeit wichtig waren, nicht mehr ausüben. Das bringt Veränderungen mit sich, es verändert uns und es verändert unser Inneres. Wenn ich meinen gewohnten Sport und meine sozialen Gemeinschaftsaktivitäten wie Freunde treffen nicht mehr ausleben kann, wenn das alles nicht mehr so ist, dann geht mir ein Teil dessen verloren, was ich für meine seelische Erholung brauche - und das ist der entscheidende Punkt.“

Ergänzend zum Thema: Professor Dr. med. Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien macht auf die Zunahme psychischer Erkrankungen um bis zu 80 Prozent durch die Coronakrise aufmerksam (Plus-Artikel).

„Alles was nicht klar vorhersagbar ist macht uns noch mehr Sorgen“

Nun stellt sich die Frage: „Was macht das mit uns und wie sollen wir mit der Situation umgehen?“ Professor Zwanzger ist der Überzeugung: „Die Pandemie beeinträchtigt uns erheblich in unserer Befindlichkeit. Je länger diese Lage andauert, umso schlimmer ist das für uns. Alles was nicht klar vorhersagbar ist macht uns noch mehr Sorgen. Plötzlich phantasiert man sich in Endlos-Szenarien hinein, die in der Realität vielleicht gar nicht so schlimm sind.“ Der entscheidende Punkt für den Wasserburger Chefarzt: „Das Ungewisse ist immer schlechter zu verarbeiten, schürt deutlich mehr Angst als das Gewisse - das ist in allen Dingen des Lebens so.

„Würden die Politiker sagen, dass der Lockdown noch fünf Monate dauert, so wäre das eine schlimme Nachricht für alle. Wird aber versprochen, dass es danach ganz sicher vorbei sei, so haben wir eine Perspektive, ein Ziel vor Augen. Damit könnten wir besser zurechtkommen als wenn uns gesagt würde, der Lockdown geht noch über zwei Monate, doch keiner kann sicher sagen, wann es wirklich aufhört“, veranschaulicht der Professor.

Unterscheidung zwischen psychischer Belastung und psychischer Erkrankung

Doch was sind die eigentlichen Folgen? Psychologisch oder psychiatrisch betrachtet könne man diese nur vermuten, erahnen oder diskutieren. Es sei zu früh zu erörtern, ob psychische Erkrankungen zugenommen haben. Aus den Erhebungen deutscher Studien allerdings werde ersichtlich, dass es den Leuten psychisch deutlich schlechter gehe seit Corona. Vielfach gemessen wurde dabei die Belastung: Sind die Leute deprimiert, machen sie sich viele Sorgen, sind sie ängstlich?

Lesen Sie auch: Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick in Bernau, findet: „Soziale Kontakte im Rahmen der Regeln sollen trotz Lockdown stattfinden“. (Plus-Artikel)

Das Entscheidende, so betont es der Professor, sei die Unterscheidung zwischen psychischer Belastung und psychischer Erkrankung: „Die Belastung hat enorm zugenommen, sie führt dazu, dass wir uns nicht wohl fühlen. Dem gegenüber steht die Frage, ob die Menschen durch den Lockdown auch psychisch krank geworden sind. Die psychische Erkrankung ist viel tiefgehender und intensiver - und bleibt bestehen auch wenn die Belastung wegfällt. Die Belastung indes wird sofort besser sobald die Umstände sich verbessern. “

Sein Fazit: Die psychische Belastung nehme zu. Ob auch psychische Erkrankungen zunehmen, das könne man noch nicht sagen - auch wenn das nicht bedeute, dass es sie nicht gebe. „Für die psychische Erkrankung braucht es mehr als nur einen Lockdown“, betont der Professor, dem mit dieser Aussage bewusst ist, dass er dem ein oder anderem damit auf den Schlips treten könnte. „Um eine schwere Depression zu bekommen braucht es mehr. Der Lockdown kann zwar den Auslöser darstellen, es braucht aber auch noch andere Faktoren.“

Schwere psychische Erkrankungen, wie sie auch im Inn-Salzach-Klinikum behandelt werden, seien multifaktoriell bedingt. Der Lockdown könne dazu gehören - für eine schwere Erkrankung aber sei das in der Regel ohne andere Risikofaktoren nicht ausreichend als Auslöser. Menschen, die ein erhöhtes Risiko aufweisen und ohnehin schon belastet seien, seien auch stärker gefährdet in eine psychische Erkrankung zu geraten. Hier könne auch eine Behandlung langwieriger sein.

„Wir können den Lockdown nicht ungeschehen machen - aber uns über Wasser halten“

„Nichtsdestotrotz ist zu erwarten, dass sich die psychische Gesundheit der Deutschen verschlechtert - nicht nur wegen des Lockdowns sondern wegen der psychosozialen Folgen, die sich noch einstellen werden“, betont der Professor in Bezug auf Arbeitslosigkeit und extreme wirtschaftliche Belastung, mit denen die Menschen in den kommenden Jahren wohl noch zu kämpfen haben werden.

Wir können den Lockdown nicht ungeschehen machen, wir können nur schauen, dass wir uns einigermaßen über Wasser halten und da gibt es eine Reihe von Ratschlägen und Möglichkeiten“, weiß Professor Zwanzger. „Geht es jemanden schlecht sollten die Sorgen ernst genommen und auf keinen Fall bagatellisiert werden. Sonst geht es demjenigen noch schlechter.“

Wichtig sei eine Strukturierung des Alltags. „Menschen, die in die Arbeit gehen, haben es etwas leichter. Doch gerade diejenigen, die zuhause bleiben oder in Kurzarbeit sind haben es oftmals nicht so leicht. Es kommt auf Routinen an, die geben den Menschen Sicherheit - auch im Home Office. Regelmäßige Mahlzeiten und körperliche Aktivitäten sind genauso wichtig wie definierte Tagesziele, über deren Erreichen man sich am Ende des Tages freuen kann. Essentiell ist auch der richtige Umgang mit Medien: Nicht dauernd nachschauen, was es Neues gibt - ein- bis zweimal Information einholen ist ausreichend und nicht 20 Mal“, schließt Professor Zwanzger seine Erklärungen.

mb

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