Einblicke ins Bildarchiv der Stadt

Vor 85 Jahren: Bücherverbrennung am Wasserburger Marienplatz

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Wasserburg - Auch diesen Monat präsentiert das Stadtarchiv Wasserburg einen Einblick in die historischen Fotobestände des Archives und zeigt eine Aufnahme der Bücherverbrennung 1933.

Das Foto zeigt die von den Nationalsozialisten organisierte, öffentliche Bücherverbrennung am Wasserburger Marienplatz, wohl im Mai 1933. Im Fotoausschnitt sind als beteiligte NS-Verbände hauptsächlich die örtliche Hitlerjugend und deren Leitung zu erkennen.

Im unteren Drittel der schwarz-weiß Fotografie (Papier-Positiv) ist bildmittig ein Feuer zu sehen. Auf einem kleinen mit Holzstöcken geformten Scheiterhaufen brennen Schriften. Um welche Schriften oder Bücher es sich handelt, ist nicht zu erkennen. Die Bücherverbrennung findet vor dem Rathaus Wasserburg am Marienplatz statt. 

Foto wurde wohl auch als Postkarte veröffentlicht

Am linken Bildrand sind die Frauenkirche, mittig die Frauengasse mit Rathaus und historischem Rathaus zu sehen. Im Vordergrund der auf dem Foto zu sehenden Personengruppe stehen jugendliche Buben und junge Männer. Einige betrachten das Feuer, mehrheitlich richten sie aber den Blick zur rechten Bildseite. Wahrscheinlich wenden sie sich einem Redner zu, der auf dem Foto jedoch nicht auszumachen ist. 

Die Jugendlichen sind einheitlich gekleidet, jedoch nicht uniformiert. Sie tragen weiße Hemden und kurze bzw. ¾-Bundhosen und Kniestrümpfe. Drei Männer in Uniformen stehen der Jugendgruppe vor (rechter Bildrand). Im Hintergrund (der jugendlichen Personengruppe) sind u.a. auch erwachsene Zivilpersonen, sowohl Männer als auch Frauen, zu sehen. Die zentrale Gruppe führt Fahnen mit sich. 

An der Kleidung (kurze Hemden) und der Sonneinstrahlung ist zu erkennen, dass das Foto im Sommer aufgenommen wurde. Im Stadtarchiv Wasserburg a. Inn ist die gleiche Ansicht auch als Postkarte überliefert. Von einer breiteren, öffentlichen, zeitgenössischen Verbreitung kann ausgegangen werden, obwohl die Auflage der Postkarte nicht bekannt ist. Das im Stadtarchiv vorhandene Positiv ist undatiert. Beim oben gezeigten Repro handelt es sich um einen Abzug vom Postkartenoriginal, das ebenfalls im Stadtarchiv überliefert ist.

"Systematische Verfolgung und existenzielle Ausgrenzung auch von Autoren und Publizisten"

„Die Zensur während der nationalsozialistischen Diktatur war wohl die radikalste in der Zensurgeschichte. Zuerst setzte die ‚Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat‘ (‚Reichstagsbrandverordnung‘) vom 28. Februar 1933 Grundrechte wie Art. 118 außer Kraft. Damit begann die systematische Verfolgung und existenzielle Ausgrenzung auch von Autoren und Publizisten. In ‚Schwarzen Listen‘ wurde unerwünschte Literatur aufgelistet, die bei den reichsweiten, von der Deutschen Studentenschaft organisierten Bücherverbrennungen um den 10. Mai 1933 verbrannt wurden.“  

Nicht nur in Wasserburg, auch „in München, Würzburg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg und vielen kleineren Städten kam es zu solchen Aktionen. Berühmt wurde der solidarische Aufruf ‚Verbrennt mich!‘ des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf (1894-1967), der sich mit einigen seiner Werke auf der ‚Weißen Liste‘ der vom NS-Regime empfohlenen Bücher wiedergefunden hatte. 

"Säuberung" des Buchmarktes angestrebt

Daneben baute Joseph Goebbels (1897-1945) zielstrebig die Reichsschrifttumskammer zur totalen Zensurbehörde aus. Das ‚Reichskulturkammergesetz‘ vom 22. September 1933 ermöglichte die Kontrolle des gesamten kulturellen Lebens. Zusammen mit dem antisemitischen ‚Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre‘ vom 15. September 1935 war schließlich die Grundlage für alle Maßnahmen zur ‚Säuberung‘, Überwachung und Lenkung des gesamten Buchmarktes gelegt. Das nationalsozialistische Deutschland konnte bezeichnenderweise bereits am 10. April 1935 auf das Schmutz- und Schund-Gesetz der Weimarer Republik verzichten. 

In der von Goebbels und Adolf Hitler (1889-1945) unterzeichneten Begründung hieß es: ‚Der nationalsozialistische Staat besitzt im Kampf gegen schädliche Schriften jeder Art, nicht allein um die Jugend, sondern um das gesamte Volk vor diesen zu schützen, im Reichskulturkammergesetz und in den auf ihm beruhenden Einrichtungen der Reichsschrifttumskammer ein weit wirksameres Mittel, als es der liberale Staat in seinen Prüfstellen hatte.‘“

Hitlerjugend baute ihre Monopolstellung weiter aus

„Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte die (mit ihren Vorläuferverbänden bereits seit 1922 existierende) Hitlerjugend (HJ) ihren Monopolanspruch auf dem Gebiet der Jugendarbeit zu realisieren. Bis Mitte 1933 wurden alle anderen Jugendverbände bis auf die katholischen Organisationen (erst 1938 endgültig verboten) aufgelöst oder in die HJ eingliedert. Auch die Betätigungsfelder der HJJ wurden bis 1939 auf nahezu alle Lebensbereiche ausgedehnt. Ihr Bestreben, sich als Erziehungsinstanz durchzusetzen, fand im ‚Gesetz über die Hitlerjugend‘ vom 1. Dezember 1936 seinen Abschluss. Demnach war sie für die gesamte (‚körperliche, geistige und sittliche‘) Erziehung der Jugend außerhalb von Schule und Elternhaus allein zuständig, was das bestehende Spannungsverhältnis zu diesen weiter vertiefte.

Symbolische Handlung

Auf späteren Ansichten des Stadtarchivs wandelt sich die Uniformierung der Wasserburger Hitlerjugend von einheitlicher Kleidung zur richtiggehenden Uniform. Die angenommene Verbreitung der in Wasserburg durchgeführten Bücherverbrennung in Form einer Postkarte diente dem Zweck, den Kampf der Nationalsozialisten gegen ‚schädliche Schriften jeder Art‘ möglichst wirksam zu führen: Es wird Geschlossenheit gezeigt, kritische Betrachter der Szene, die vor Ort gewesen sein könnten als auch diejenigen, welche die Postkarten-Ansicht betrachten, werden eingeschüchtert.

Während andernorts (vor allem in größeren Städten) Studentenschaften die Bücherverbrennung durchführten ist es in Wasserburg (mangels Studentenschaft) die Jugend, die stellvertretend für diesen Akt herangezogen wird. Als Grundlage für die symbolische Handlung im Verbrennungsakt wurde Aufstellung genommen und einem oder mehreren Rednern gelauscht (in unserer Bildquelle sind diese angenommenen Redner nicht sichtbar).

Pressemeldung Stadtarchiv Wasserburg am Inn

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