"Farbenblindheit ist kein Zuckerschlecken"

Bunte Welt: Wenn Farben zum Problem werden

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Viele mögen's bunt: Doch Farbenblinde haben damit ein Problem
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Wasserburg – „Alle sprechen immer von Barrierefreiheit. Aber an uns denkt keiner bei diesem Thema“, zeigt sich Jochen Anderka enttäuscht. Der 53-Jährige ist Farbenblind.

Eine Ampel als große Herausforderung. Im Geldbeutel: Nur ein Durcheinander. Im Alltag schaut Obst und Gemüse nicht immer appetitlich aus. Jochen Anderka kennt die Farbpalette nicht besonders gut. „Als Kind war ich natürlich der Schlechteste in Kunst, ich hab meine Bilder eigentlich nie wirklich zu Ende malen können“, beschreibt der mittlerweile 53-Jährige seine Situation.

Sein Leidensweg begann Schritt für Schritt, seine Farbfehlsichtigkeit jedoch trägt er bereits sein ganzes Leben mit sich herum. Anderka erkennt keinerlei Farben. Direkte Farbenblindheit, also das komplette Fehlen der Farbsichtigkeit, ist nicht so häufig verbreitet wie die sogenannte Farbschwäche. Letztere äußert sich in keinem völligen Ausfall der Farberkennung, sondern ist geprägt von einer Rot-Grün-Schwäche. „Hier sind nur zwei von eigentlich drei Farbrezeptoren im Auge kaputt, da könnte der Alltag noch einigermaßen funktionieren“, erklärt Jochen Anderka. Er hingegen sieht sein Leben eintönig, muss sich damit arrangieren. „Ich muss mich auf die Zusammenhänge von Hell-Dunkel verlassen, habe da so meine Tricks“, beschreibt der 53-Jährige. Autofahren ist für ihn tabu, er fühle sich nicht in der Lage, mit seinem Handicap im Straßenverkehr zu sein.

Ungefähr 9 Prozent der deutschen Bevölkerung leidet an der Rot-Grün-Schwäche, es betrifft vor allem Männer. Die direkte Farbenblindheit komme sogar noch seltener vor, betont Anderka. „Darum wird auf uns auch wenig Rücksicht genommen, weil wir noch zu wenige sind“.

Der Alltag eines Farbenblinden ist mit Hürden gespickt. Die Ampel ist für ihn eine oben/mitte/unten-Stange, die Position sei entscheidend. 

Während Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche klar und scharf sehen können, erkennen Betroffene wie Jochen Anderka oftmals auch die Umrisse bestimmter Gegenstände nicht ganz genau. „Ich sehe manchmal tatsächlich fast gar nichts“, erzählt Anderka. Für sein Umfeld ist es nicht ganz logisch, dass die Beeinträchtigung für ihn ein so großes Problem darstellt. „Achromasie ist kein Zuckerschlecken“, findet der 53-Jährige.

Formulare oder Eis – Ein großes Problem

Wenn er in die Eisdiele geht, bekommt er nicht etwa Appetit auf das leckere Rote, das aus Erdbeeren gemacht ist. Für ihn ist alles eintönig und gleich. „Ich rede mir immer alles schön, sonst wäre ich wohl schon depressiv geworden“, meint Anderka. Verschieden farbige Formulare sind ein Graus für ihn, außerdem – und so geht es scheinbar den Rot-Grün-Blinden auch – sind 5- sowie 20-Centmünzen farblich gar nicht zu unterscheiden. „Diese beiden Exemplare sehen für Betroffene völlig gleich aus, nur die Prägung bringt Erkenntnis“, erklären Experten in einer Studie.

Für Jochen Anderka ist der Alltag nicht leicht. „Was mich schon ärgert ist, dass es immer um die Barrierefreiheit geht, was natürlich wichtig ist für gehbehinderte Menschen, Rollstuhlfahrer und Senioren. Aber auch wir Farbenblinde können beispielsweise Stadtpläne mit Farbunterscheidung nicht erkennen oder zu einem Vortrag mit Power-Point-Folien, die Diagramme in unterschiedlichen Farben aufzeigen. Es ist alles sehr schwer zu unterscheiden“, erläutert der betroffene 53-Jährige. Eine Brille oder Kontaktlinsen brächten übrigens nichts in seinem Fall. „Ein Farbenblinder kann nicht einfach durch eine rosarote Brille schauen und alles ist wieder gut“, witzelt Anderka. Er hat keine Ahnung von Farben, wohl aber, dass das Leben auch ohne „bunt“ Freude bringen kann.

Quelle: rosenheim24.de

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