Tag der gewaltfreien Erziehung

Gewalt in Familien: Wenn Erziehung weh tut

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Am 30. April ist Tag der gewaltfreien Erziehung. Doch leider erleben viele Kinder und Jugendliche daheim seelische oder körperliche Gewalt
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Landkreis - Erziehung ist keine leichte Aufgabe. Und dennoch wichtig für den weiteren Lebensweg und das Zusammenleben der Gesellschaft. Doch was ist, wenn Erziehung zur Schwachstelle wird?

Der 30. April wurde zum "Tag der gewaltfreien Erziehung" ernannt. Darum rufen viele Organisationen, darunter auch der Kinderschutzbund, dazu auf, in der täglichen Erziehung die Kinder- und Jugendrechte zu wahren.

Wie Marianne Guggenbichler vom Kinderschutzbund in Rosenheim  erklärt, werde Beteiligung und Mitbestimmung durch Kinder immer wichtiger. Dadurch könnten Kids und Jugendliche erfahren, dass ihre Meinung von Bedeutung sei. „Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren und die eigenen Interessen mit sozial akzeptierten Mitteln zu äußern und zu realisieren. Beteiligung ist also Gewaltprävention“, so Guggenbichler.

Auch die UN-Kinderrechtskonvention  sehe dies so vor, heißt es von der Sozialpädagogin weiter. „Beteiligung muss im Alltag von allen Kindern und Jugendlichen selbstverständlich werden. Das fängt in der Familie an, geht in Kindergarten und Schule weiter und reicht bis zu politischen Entscheidungen. Eltern und Erwachsene sollen Kinder bei Planungen und Problemlösungen stärker einbeziehen“, ist sich Guggenbichler sicher.

Schon seit einigen Jahren versucht der Kinderschutzbund Rosenheim mit Aktionen und Infoständen zum Thema Kinderrechte auch das Thema „gewaltfreie Erziehung“ in den Mittelpunkt zu setzen.

Selbst wenn der Rohrstock in der Schule und die „harten Bandagen“ wie etwa Gürtel aus früheren Erziehungsstilen daheim definitiv ins Abseits gedrängt wurden, steht eindeutig fest: Gewalt ist für manche Kinder und Jugendliche immer noch täglicher Begleiter im familiären Alltag. Deshalb soll auch weiterhin auf die Kinderrechte hingewiesen werden unter anderem beim Altstadtfest Ost in Rosenheim sowie beim Nationenfest in Wasserburg.

Jeder verfolgt eine andere Meinung

Die Erziehungsstile könnten unterschiedlicher nicht sein. Die einen schwören auf Autorität, andere sehen ihre Erziehungsaufgabe demokratisch. Auch der sogenannte „Laissez faire“ – Erziehungsstil wird von Erziehungsberechtigten angewandt. Welches Modell das richtige sei, müsse freilich jeder selbst entscheiden, heißt es von unterschiedlichen Jugendämtern und Erziehungsberatungsstellen.

Die 8-Erziehungsstile

  • Permissiver Erziehungsstil
  • Laissez-faire Erziehung
  • Egalitäre Erziehungsmethode
  • Negierender Erziehungsstil
  • Demokratischer Erziehungsstil
  • Autoritatives Erziehungsmodell
  • Autoritäre Erziehung
  • Autokratische Erziehungsmethode

Es gebe Trends, die sich entwickeln. Die einen versuchen, den Kindern absoluten Freiraum zu geben und nicht beratend zur Seite zu stehen, um dem „eigenen Fleisch und Blut“ in der Entfaltungsfreiheit in keinster Weise im Weg zu stehen. Andere versuchen es mit viel Reden und einem demokratischen Alltag, der die Großen oft geduldig auf die Probe stellt.

Experten unterscheiden noch viele weitere Erziehungsstile, die sich im Einzelnen durch verschiedene Merkmale verändern. 

Gewalt habe in der Erziehung jedoch definitiv nichts zu suchen, betonen die Experten einstimmig. Weil es sich seit einigen Jahren wieder häuft, dass Eltern gegenüber ihren „Schutzbefohlenen“ gewalttätig werden, seien Mitarbeiter von Jugendämtern zunehmend damit beschäftigt, Kinder vor Gewalt im seelischen oder körperlichen Bereich zu schützen. „Kinder und Jugendliche brauchen Schutz, wenn es sein muss, sogar Schutz vor den eigenen Eltern“, weist Jugendamtsmitarbeiterin Barbara ernsthaft hin.

Immer häufiger müssten Kinder sogar aus den eigenen Familien genommen und zu Pflegeeltern gebracht werden, weil die Eltern nicht weiter mit der Erziehung der Kinder betreut sein können. Nicht nur, aber auch aus Gründen der fehlenden Erziehungsfähigkeit im korrekten Stil.

Hilfe suchen sogar anonym möglich

„Gewalt hat in Familien nichts zu suchen“, klingt es auch aus den Reihen der Berater des Kinder- und Jugendtelefons. Heidi Schütz ist hier bereits lange Jahre in das älteste anonyme Beratungsangebot der Welt involviert.

Nummer gegen Kummer: 116 111

Die sogenannte „Nummer gegen Kummer“ ist eine einheitliche kostenfreie Telefonnummer, die bereits in 17 Ländern unter der selben Ziffernfolge erreichbar ist.

Sowohl über Festnetz als auch über Handy kann die Nummer gewählt werden. Anonymität ist dem Anrufer dabei sicher, heißt es von den Verantwortlichen. Heidi Schütz erzählt, dass alle Probleme, die Kinder und Jugendliche beschäftigt, ernst genommen werden. „Keiner wird lachen oder schimpfen über die Anliegen der Anrufer. Es gibt keine Themen, die tabu sind“.

Nicht nur, aber auch kämen Ereignisberichte über Gewalt in der Familie. Hier wäre es oftmals möglich, die Betroffenen davon zu überzeugen, dass sie das Recht auf ein gewaltfreies Leben, eine gewaltfreie Erziehung haben. „Bei den Beratungstelefonaten wird den Anrufern Mut zugesprochen und versucht, das Selbstwertgefühl etwas zu stärken“, heißt es von Schütz.

Weil es immer mehr junge Menschen gäbe, die lieber schreiben als reden, bestehe auch die Kontaktaufnahme via email. Hier gelte ebenfalls der Faktor Anonymität.

Die Internetberatung ist unter nummergegenkummer.de erreichbar. Die Jugendlichen können sich mit einem persönlichen Passwort einloggen und damit auch ihre Antworten vom Beraterteam abrufen. Niemand anderes als der Jugendliche selbst kennt dieses Passwort.

Alle Anliegen und Fragen können also mittlerweile auch online „angesprochen“ werden. „Das Motto drüber reden hilft bleibt auch in der Onlineberatung bestehen“ zeigen sich viele der Ehrenamtlichen von Kummernummer e. V. aus Bayern, unter anderem auch aus Rosenheim, Ebersberg, München, Kaufbeuren, Regensburg und Erlangen überzeugt.

Jahrzehntelang werde dieses Motto schon gut praktiziert und das Angebot der anonymen Beratung im Bedarfsfall gerne angenommen.

Auch Eltern haben die Möglichkeit einer Beratung. Viele Verbände, beispielsweise die Caritas, bieten Erziehungsberatungen an.

Elterntelefon: 0800 111 05 50

Auch ein Elterntelefon gibt es, das ähnlich anonym funktioniert, wie das Kindertelefon. Die Nummer ist jedoch eine andere.

Ebenso können regionale Beratungsbüros oder Kurse  angesteuert werden, um Fragen oder Probleme in der Erziehung  zu klären. 

Kindern und Jugendlichen körperliche Gewalt an zu tun, verfalle in primitivste Verhaltensformen, weisen Forscher hin. Schlagen sei eine Art von Ausleben der eigenen Schwäche, beschreiben es einige Psychologen.

Im hohen Alter andersrum?

Politiker aus dem Gesundheitswesen geben gar zu bedenken, dass jeder Erwachsene an die eventuell eintretende Situation der Rollenverteilung denken solle.

Wenn die jetzigen Erwachsenen in einigen Jahrzehnten eventuell von ihren dann ebenfalls erwachsenen Kindern gepflegt werden sollen, wäre es nicht auszudenken, wenn Gewalt in seelischer oder körperlicher Art in den Pflege- oder Betreuungsalltag einfließen würden.

Jeder wünsche sich, im hohen Altern und im Falle eines Betreuungsbedarfs durch die eigenen Kinder angstfrei und ohne Schläge den Alltag zu erleben. Schnell könne man selbst zum Schutzbefohlenen werden, warnen Politiker. Das Kräfteverhältnis zwischen Eltern und Kinder kehre sich irgendwann um. Im wahrsten Sinne „Schlagartig“.

Alle befragten Experten sind sich dabei einig, dass der Schlag ins Gesicht gleichwertig ist mit einer seelischen Grausamkeit wie etwa dem Beleidigen, Beschimpfen oder Ignorieren des „zu Erziehenden“.

Körperliche und Seelische Disziplinierung auf respektlose Art gegenüber aller Generationen gehört abgeschafft.

Quelle: rosenheim24.de

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