Neuregelung zwischen Hofstatt und Herrengasse: Reaktionen der Wasserburger

Neues Altstadtkonzept: Chaos und Lärm oder Verkehrsreduzierung? 

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Die Wasserburger äußerten sowohl Lob als auch Skepsis für die neue Planung des Verkehrsflusses in Hofstatt, Färber- und Herrengasse. 
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Wasserburg - Bei der Bürgerfragestunde wurde am 27. Juni im Rathaussaal ein Konzept vorgestellt, das den Altstadtverkehr von der Hofstatt über die Färber- und Schustergasse bis in die Herrengasse reduzieren soll. Die Bürger reagierten darauf mit geteilten Meinungen. 

Färber- und Herrengasse sollen zu Sackgassen mit je einem Wendekreis bei der Jakobskirche umgestaltet werden. Dieses neue Konzept zur Verkehrsberuhigung im Altstadtkern soll den Durchgangsverkehr auf Null bringen, wie Bürgermeister Michael Kölbl bei der Bürgerfragestunde den rund 60 Wasserburgern im Rathaussaal erläuterte

Unter den Interessierten waren neben einigen Stadtratsmitgliedern viele Geschäftsinhaber, Gastronomen und Anwohner des Altstadtkerns. Die Meinungen zu der vom Stadtrat empfohlenen Verbesserungsmöglichkeit des Durchgangsverkehrs in der Hofstatt, Färber-, Schuster- und Herrengasse gingen auseinander. Die Anzahl an Befürwortern und Gegnern hielt sich die Waage.

Gegenwind für neue Bürgermeister-Kandidatin

Heike Maas, CSU-Bürgermeisterkandidatin für die Kommunalwahl 2020, meldete sich als Erste zu Wort und kritisierte die Ausführungen Kölbls: "Ich habe die Befürchtung, Wasserburg mutiert zur Verbotsstadt. Wollen wir die Leute verunsichern, indem wir immer mehr Verbote und Regeln aussprechen? Meiner Meinung nach führt das eher zu weniger Gäste für die Gastronomien und weniger Kunden für die Altstadtgeschäfte. Verkehrszählung schön und gut - aber was ist mit dem Einzelhandel?" 

Der Bürgermeister konterte, man werde natürlich die unterschiedlichen Auswirkungen im Rahmen der neunmonatigen Testphase festhalten und erörtern. Außerdem seien alle Geschäfte und Gewerbe zu jeder Zeit erreichbar.

Eine Gruppe Altstadtbewohner forderte im Juli 2018 eine Sperrung der Hofstatt und sammelte dafür rund 400 Unterschriften. Eine Initiatorin der Bürgerbewegung erklärte in Bezug auf Maas' Kritik: "Das vorgestellte Konzept ist super. Ich finde es schade, Frau Maas, dass Sie gleich dagegenreden. Ich finde die geplante Maßnahme toll und wünsche mir mehr davon." 

Eine ältere Altstadtbewohnerin blies ins selbe Horn und spielte darauf an, dass Maas erst seit zwei Jahren in Wasserburg wohne: "Ich liebe diese Stadt, die musikalischen Samstage - es ist schön, wenn es wurlt und die Leute einkaufen gehen. Ich verstehe wirklich nicht, wie so viel Kritik von jemanden geübt werden kann, der erst so kurz hier wohnt."

WFV-Vorstand Moritz Hasselt betreibt das Juweliergeschäft InnTime in der Gerblgasse. Ihm war bereits die geforderte Sperrung der Hofstatt ein Dorn im Auge. Der WFV sammelte damals Gegenunterschriften. Hasselt sei nach wie vor der Meinung, dass eine Sperrung der Altstadt eine "Katastrophe für den Einzelhandel in der Stadt" sei. Er betonte in der Bürgerfragestunde am Donnerstagabend: "Geschäfte und Wohnen gehören zu Wasserburg. Wasserburg ist aber keine Einkaufsstadt und jeder, der einen Laden betreibt, muss in Zeiten des Online-Handels kämpfen. Und das können wir nur, wenn wir erreichbar sind. Mit regelmäßigen Veranstaltungen versucht der WFV die Altstadt zu beleben. Ich sehe in der Neu-Regelung eher ein Problem mit den parkenden Autos, die viel mehr kontrolliert werden müssten, statt mit dem Durchgangsverkehr an sich, den die Geschäfte im Übrigen brauchen. Die üblichen Poser, die werden ohnehin bleiben." 

Ein Bewohner aus der Burgau hingegen betonte: "Die Lösung, die angestrebt wird, wäre ideal, ich sehe keine Schädigung der Geschäfte durch die Neu-Regelung."

Markus Ruepp (am Mikrofon) kritisierte den Durchgangsverkehr in der Schustergasse. Vor ihm sitzen Moritz Hasselt vom WFV, links im Bild sind Christine und Lukas Deliano zu sehen. 

Markus Ruepp vom gleichnamigen Juweliergeschäft in der Schustergasse fände eine Verkehrszählung in der Schustergasse interessant, wie er erklärte: "Es kürzen so viele Autos bei uns ab, da reichen auch Blumenkübel nicht, um die Autofahrer von der Durchfahrt abzuhalten. Außerdem glaube ich nicht, dass die Autofahrer wieder zurückfahren."

Christine Deliano von der Backstube in der Hofstatt betonte, man habe doch bereits Probleme damit, junge Leute zum Wohnen und Arbeiten in der Altstadt zu halten. "Versuche brauchen wir nicht. Schon jetzt haben wir Schwierigkeiten mit Erreichbarkeiten." Lukas Deliano wohnt an der Jakobskirche und betreibt sein Geschäft in der Hofstatt: "Neben den lauten Kirchenglocken sollen wir auch noch die Lärmbelästigung durch den Wendeverkehr aushalten? Ich frage mich, warum man stattdessen nicht erst die Infrastruktur für Radler und Fußgänger verbessert."

Kölbl erwiderte: "Machen Sie mal einen Vorschlag für eine besser Infrastruktur für Radler, Fußgänger und den Vekehr, der allen gerecht wird - und dann reden wir weiter." 

"Was tot ist, ist tot" 

Christoph Klobeck sah sich mit seinem Bettengeschäft in der Herrengasse direkt vom Wendekreis betroffen: "Ich zweifle, ob der Platz ausreicht. Im Sommer wird es schon eng mit den Pflanzenkübeln. Wenn dann noch der Lieferverkehr dazu kommt, wird es schwierig mit dem Wenden. Kunden und Kollegen, die zu uns ins Geschäft kommen, gratulieren zu der tollen Struktur und dem Zusammenspiel von Handel, Gastronomie und Gewerbe. Ich sehe keine Notwendigkeit an der jetzigen Situation etwas zu ändern." 

Helmtrud Inninger gehört die KunstWerkstatt in der Hofstatt. Sie sei früher immer für eine Verkehrsberuhigung gewesen, habe ihre Meinung aber inzwischen geändert, wie sie erklärte: "Ich sehe die Entwicklung und viele Läden müssen immer wieder ihre Geschäfte aufgeben. Man denke nur an Trostberg. Was tot ist, ist tot und kann nicht wiederbelebt werden."

Die Frage Inningers, ob es denn einen Erfahrungsaustausch mit den Kreisstädten in der Umgebung gegeben habe, konnte Bürgermeister Kölbl bejahen. Ein Vorbild in den Augen Kölbls sei der Stadtplatz in Traunstein. 

Sibylle Schuhmacher vom Innkaufhaus in der Ledererezeile kritisierte an der im Mai durchgeführten Verkehrszählung, dass diese an nur einem Tag und ausgerechnet an einem Dienstag stattgefunden hätte: "Es gibt stärker frequentierte Tage. Ich bezweifle, ob man das wahrheitsgemäß hochrechnen kann." 

Die kalkulierten Auswirkungen auf die Verkehrszahlen in dem Bereich des von der Hofstatt bis zur Herrengasse durch den Probeversuch. 

Robert Zeislmeier, ehemaliger CSU-Stadtrat und Betreiber der gleichnamigen Tankstelle in der Salzburger Straße brach eine Lanze für die Leute, die bei der Bürgerfragestunde nicht da sein können und nicht mehr mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sein können: Für die älteren und gebrechlichen Bürger sei ein Auto essentiell um Geschäfte und Praxen zu erreichen. Ich bin es gewohnt, fürs Erste die großen Probleme zu lösen. Die liegen verkehrstechnisch gesehen aber außerhalb der Stadt, denn - seien wir mal ehrlich - in der Altstadt ist doch oft gar nichts los. Die ganze Sache ist doch den Aufwand gar nicht wert." 

Für Matthias Eggerl von der gleichnamigen Fahrschule sei das Ziel, den Durchgangsverkehr minimieren zu wollen durchaus ehrenwert. Er zweifle aber an der Wendesituation, die nicht ungefährlich sei: "Wenn die Leute ein Problem haben beim Autofahren, dann mit dem Rückwärtsgang. Da sehe ich zu den Hauptverkehrszeiten ein Verkehrschaos und Stau auf den Altstadtkern zurollen - zumal die Herrengasse jetzt schon verkehrstechnisch ziemlich kompliziert ist." 

Der Pfarrgemeinderat befürchte indes, dass der Weg um die Jakobskirche verbotenerweise als Ausweichmöglichkeit genutzt werden könnte. In dem Fall würde man dann an der engsten Stelle mit einem Blumentopf den Autofahrern den Garaus machen, entgegnete Kölbl.

Chance, Wasserburgs italienisches Flair zu unterstreichen 

Ein Anwohner der Herrengasse erzählte, ihm mache Einkaufen gerade am Samstag keinen Spaß mehr: "Der reinste Hürdenlauf um parkende Autos herum. Und diejenigen, die in der zweiten Reihe parken und schnell in die Läden reinspringen, sind oft die Geschäftsleute und ihre Mitarbeiter selbst."

Julia Adler ist Vorsitzende der Wasserburger Autoteiler und begrüßte diese Lösung sehr: "Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, nämlich das italienische Flair unserer Altstadt zu unterstreichen. Es könnte so schön ruhig sein, wenn keine Autos mehr durch die Altstadt fahren." 

Eine Wasserburgerin betonte, man solle "der Stadt danken, dass nochmal nachgedacht und ein neues Verkehrsbüro mit einbezogen wurde. Wir müssen das einfach mal testen."

SPD-Stadträtin Friederike Kayser-Bükerbildete den Schlusssatz der Debatte: "Wir haben es uns im Stadtrat nicht leicht gemacht. Fakt ist: Parkplatzsuche in der Altstadt ist beinah aussichtslos. Ich finde, wir sollten dem Versuch eine Chance geben und dann können wir immer noch reagieren und entscheiden."

Viele Betroffene kamen zur Diskussion in den Rathaussaal. 

Der Beschluss eine Probephase etwa ab September 2019 für die Dauer von neun Monaten testen zu wollen, werde laut Kölbl in der kommenden Stadtratssitzung im Juli verabschiedet. Bis dahin dürfen die Bürger Anliegen und Wünsche zu der geplanten Verkehrsberuhigung im Altstadtzentrum an die Stadtverwaltung herantragen. 

mb

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