Ernstzunehmende Diagnose

Hypochondrie: Todesangst vor dem Männerschnupfen?

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Dauergast im Wartezimmer und voller Furcht, schwer krank zu sein: Ein mittlerweile 38-Jähriger erklärt, wie er als Hypochonder den Alltag erlebte.

Wasserburg - "Ich war nicht krank, ich war verrückt“, kommt es Lukas Müller (Name von der Redaktion geändert) über die Lippen. Der 38-Jährige hat einen Alptraum hinter sich, aus dem er nicht erwachen konnte. Er litt an Hypochondrie

Die Angst, schwer krank zu sein, begleitete den Industriekaufmann aus dem Wasserburger Land insgesamt elf lange Jahre.

Steckte ein Trauma dahinter?

„Angefangen hat es damit, dass meine Oma an Krebs starb und erste Symptome einfach nicht ernstgenommen hatte“, erzählt Lukas Müller im Gespräch mit wasserburg24.de.

„Damals war ich 23 und eigentlich recht lebenslustig und ein sportlicher Mensch“. Doch mit dem Leidensweg der Oma, die kurz nach der Diagnose an der schweren Krankheit starb, kam auch der Schreck, selbst möglicherweise Symptome nicht richtig zu deuten. „Ich fing an, Muskelkater für einen Leistenbruch zu halten“, so Müller weiter. Zunächst sei es erhöhtes Bewusstsein für den eigenen Körper gewesen, doch es entwickelte sich ein Teufelskreis und endete in einer regelrechten Hysterie. „Meine damalige Freundin witzelte immer, ich würde bestimmt noch an Männerschnupfen sterben, aber es war nicht nur ein Leiden bei leichten Beschwerden wie Grippe oder so, es war plötzlich die Angst, vor schweren Krankheiten, ich hatte Todesangst“, heißt es von Lukas Müller.

Kopfschmerzen hielt er plötzlich für das deutlichste Anzeichen, einen Gehirntumor zu haben, eine Verspannung an Nacken und Schulter und leichtes Schwindelgefühl wurde sofort mit einem Schlaganfall verglichen. „Ich habe mir sogar mehrmals täglich auf die Brust gehauen, um zu wissen, dass mein Herz noch schlägt“, so der frühere Hypochonder. Die Angst vor dem Krebs sei die schlimmste gewesen, weil er die Verbindung zu seiner Oma immer vor sich sah. „Ich hatte nach einem ausgedehnten Sonnenbad gemerkt, dass ich einen leicht bräunlichen Fleck auf dem Arm habe“, berichtet der mittlerweile geheilte „eingebildete Kranke“. Sofort dachte er an Hautkrebs, an die Todesdiagnose, jetzt wohl nichts mehr tun zu können. „Ich war bei vier verschiedenen Ärzten deshalb, konnte nicht mehr in die Arbeit gehen, weil ich ständig nur noch in den Praxen und Notaufnahmen saß“, blickt Müller zurück. Es stellte sich heraus, dass es ein sogenannter harmloser „Café au lait – Fleck“ ist, doch für den jungen Mann gab es während dieser Zeit keinerlei harmloser Erklärungen oder Erscheinungen, die dem Leben kein Ende setzten.

Viele Menschen leiden daran

Das Umfeld von Hypochonder kämpft meist den Kampf mit. Während die einen die Patienten belächeln, stehen die anderen dem „immer aufgeregten“ und angenommenen Schwerkranken hilflos gegenüber.

„Meine Eltern und meine damalige Freundin konnten mir nicht gut zureden, weil ich nichts geglaubt habe, nur meiner Vorstellung, wie ich jetzt zugrunde gehen werde“, berichtet der mittlerweile 38-Jährige.

In den Karteien der Ärzte sei er schnell zum eingebildeten Kranken betitelt worden, nur ein einziger Arzt habe ihn in die „richtige Richtung“ bewegen können, sich seinen Krankheiten zu stellen und möglichst schnell einen Psychologen aufzusuchen. „Ich bin also mit meiner Liste der schweren, spürbaren Krankheiten in meinem Körper, ach was – in meinem Gehirn, zum Psychologen gegangen, der mir nach acht Monaten gestand, dass er nicht mehr weiter wisse, wie er mich wieder zurück in die reale Welt bringen könne“, erinnert sich Lukas Müller immer noch mit großer Verwunderung. „Mein Psychologe schickte mich in eine Klinik für psychosomatische Beschwerden, dort war ich völlig falsch“, betont Müller gegenüber wasserburg24.de-Reporterin Regina Mittermair.

Mehr als eine halbe Million Menschen leiden bundesweit an Hypochondrie. Viele werden als hysterisch bezeichnet und erhalten nicht die nötige medizinische Zuwendung, die sie so dringend bräuchten. „Man hat das Gefühl, alles Unheil und alle Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen auf sich zu ziehen“, beschreibt Lukas Müller mit starrem Blick. Es sei kaum möglich als Hypochonder, einen Beipackzettel von simplen Kopfschmerztabletten zu lesen, ohne nicht sofort die möglichen Risiken sofort zu spüren und ein neues Warnsignal des Körpers zu bekommen, so Müller weiter.

Geholfen hätte ihm ein Besuch in einer Klinik in der Nähe von Hamburg, die sich auf das eingebildete Krankheitsbild spezialisiert habe. „Dort waren wir alle irgendwie sterbenskrank im Kopf und bekamen es mit allen Sinnen zu spüren, dass wir nicht mehr ganz richtig ticken“, beschimpft sich der 38-Jährige selbst. „Von einer Therapeutin kam der Vorwurf, man verhöhne die wirklich schwer kranken Menschen, die die Symptome nicht nur spüren, sondern auch mit den Folgen leben müssten. Es kamen verständnisvolle Betreuer zu uns, und dann wieder solche, die uns einen Spiegel vorhielten, der uns aufwachen lassen sollte von diesem Alptraum“, beschreibt Lukas Müller seinen Aufenthalt in der Rehaklinik.

Das wohl beste sei jedoch gewesen, dass man ihm plötzlich zugehört habe, und nach einem kompletten Check up in der Klinik mit allen Untersuchungen, die eine schwere Krankheit ausschließen lassen konnten, ein Betreuerteam auf das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl der Patienten pochte. „Plötzlich ging es mir besser, weil ich Spaß hatte am Leben“, so Lukas Müller mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Es gibt Happy Ends

Immer wieder auch bekannte Gesichter und Namen trifft die tatsächliche Diagnose einer Hypochondrie. Charly Chaplin gilt als einer der ersten berühmten Hypochonder.

Hypochondrie ist nicht vergleichbar mit der Wichtigtuerei und Angabe von Wehwehchen, sondern ein Krankheitsbild, das sich verfestigt und länger als sechs Monate anhält. „Mein Leiden begann mit 23, aber erst fünf Jahre später konnte mir ein Arzt die richtige Diagnose zuschieben, die mir nach weiteren sechs Jahren zu einer Heilung verhalf“, zeigt sich der mittlerweile gesunde und sich gesund fühlende 38-Jährige geschlaucht von dem Fluch, der auf ihm lag. „Den hab ich mir selbst auferlegt,ich dachte irgendwie, ich müsste alle Warnhinweise, die meine Oma vielleicht zu spät erkannte oder übersah, einfach rechtzeitig merken, genau das hätte mir beinahe den Verstand geraubt und das Genick gebrochen“.

„Ganz schön pfiffig für einen einst wohl aufgebenden jungen Mann“! findet wasserburg24.de-Reporterin Regina Mittermair im Gespräch mit dem zufrieden wirkenden Mann, der mittlerweile neben seinem Bürojob, den er halbtags macht, Freiwilligendienst in einem Hospiz macht. „Ich habe meine Beziehung kaputt gemacht und meine Mitmenschen in die Hölle mitgenommen, es ist einfach Zeit geworden, zu merken, dass man zwar auf sich und seinen Körper achten und immer mal wieder in sich hinein hören soll, aber es ist nicht gut, wenn man die Regenwürmer husten hört“, so Müller.

Im Hospiz leiste er deshalb ehrenamtlich Dienst, weil er verständnisvoll auf Menschen zugehen möchte und sich verpflichtet fühle, den Tatsachen ins Auge zu sehen. „Ich kann andere nur dazu ermutigen, sich zwar ernst zu nehmen, doch auch Vertrauen in Glauben in Ärzte zu haben. Wenn dir fünf Ärzte nach gründlichen Untersuchungen sagen, dass es nichts Lebensbedrohliches ist, dann kannst Du deine Horrorvorstellung sein lassen“, kommt es dem 38-Jährigen über die Lippen. Das könne er jetzt so sagen, doch er wisse natürlich, dass man – gefangen in der Hypochondrie – keinerlei klare Gedanken fassen könne und Weggefährten brauche, die einem in die richtige Richtung und in eine Therapie schupsen.

„Rosarote Brille ist nicht gut, aber die Dunkelschwarze bringt dir auch nichts“! Diesen Satz hat sich der Mann aus dem Wasserburger Land zum neuen Lebensmotto gesetzt. Nach dem Gespräch wirkt er einerseits matt, nachdenklich und trotzdem sehr lebensfroh.

Öffentlich zu seinem früheren Problem stehen und sich in Form eines Fotos oder dem tatsächlichen Namen outen - das wollte er zunächst, doch während des Termins hat er seine Meinung geändert, aus Angst, öffentlich als „Witzfigur“ dazustehen.

Quelle: rosenheim24.de

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