Serie: Drogenthema in Wasserburg

Tod auf Rezept? Missbrauch von Fentanyl

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Fentanylpflaster werden von Süchtigen oft gelutscht oder ausgekocht. Niemand kennt die Stärke des Wirkstoffes, der noch enthalten ist.
  • schließen

Wasserburg – Hausärzte werden um ein Rezept betrogen, Süchtige durchwühlen Mülleimer von Kliniken nach Schmerzpflastern. Krimi? Nein – Realität.

In den Statistiken des Drogenberichts kommt es nicht als eigenständiger Absatz hervor. Doch die Meldungen über den Missbrauch von Schmerzpflastern mehren sich. Fentanyl in Form von Schmerzpflastern bekommt man gegen Rezept in den Apotheken.

Ein unberechenbarer Stoff, warnen Apotheker und Suchtbeauftragte der Region gleichermaßen.

Lesen Sie hier:

Hat Wasserburg ein Drogenproblem?

Drogen in Wasserburg - das sagt die Polizei

Das Bundeskriminalamt erklärt im Drogenbericht 2014, dass in Bayern eine Steigerung der Drogentoten zu bemerken sei.

Im Jahr 2012 wurden 213 Drogentote aufgeführt, im Jahr 2013 seien es 230 gewesen, heißt es in einer Statistik, die dem Drogenbericht 2014 zu entnehmen ist.

Die meisten davon konnten dem Konsum von Heroin zugeordnet werden, doch eine große Sorge plage die bayerischen Rauschgiftfahnder immer mehr: Der Gebrauch von Fentanyl.

Einige Dutzend der insgesamt 230 Drogentoten in Bayern im vergangenen Jahr seien auf den Missbrauch von Schmerzpflastern zurückzuführen, heißt es aus dem Landeskriminalamt. „Dieser erschütternde Trend begann vor fünf Jahren und leider nimmt er auch stark zu“, erklären Verantwortliche des Rauschgiftdezernats im Landeskriminalamt. Weil Fentanyl eine so starke Wirkung hat, unterliegt es dem Betäubungsmittelgesetz. Ärzte müssen es verschreiben. Um an die Pflaster zu kommen, täuschen Süchtige starke Schmerzen vor, klingeln bei mehreren Ärzte durch und erschleichen sich oftmals Rezepte für den besagten Stoff. Oder sie berichten von regelmäßigem Gebrauch wegen chronischer Schmerzen und dass der eigene Hausarzt im Urlaub sei.

Dies ist kein Phänomen der Großstädte, auch auf dem Land, sogar in Wasserburg und dem Umland wurden mehrere Ärzte schon dazu gebracht, an vermeintliche Drogenkonsumenten Fentanyl-Rezepte auszustellen. „Mich hat ein Patient um ein Rezept für Schmerzpflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl betrogen“ erklärt ein Allgemeinarzt aus der Region.

Erst kürzlich verstarb ein Mann nach dem Missbrauch von Fentanyl in der Region

Im Gespräch mit wasserburg24.de wird schnell klar, der Mediziner wurde getäuscht, der angebliche Patient eines anderen Arztes, für den der Hausarzt gerade die Urlaubsvertretung übernahm, hat ihn gezielt belogen um an das Rezept zu kommen. „Schmerzpflaster gibt es auf Rezept in der Apotheke“, berichtet der Mediziner auf Nachfrage, die unkontrollierte Einnahme könne tödlich enden. Nun überlegt er, den Patienten anzuzeigen.

Diese Art von geschicktem Rezepte-Erschleichen sei auch schon seinen Ärztekollegen passiert, erzählt der verärgerte Allgemeinmediziner weiter. Die bayerische Ärztekammer berichtet noch von einem anderen Weg: Weil die Pflaster nach ordnungsgemäßem Gebrauch noch 80 Prozent des Wirkstoffs enthalten, fänden Süchtige Gefallen daran und durchwühlten Mülleimer von Krankenhäusern.

Recycling der anderen Art

Der gefährliche Wirkstoff Fentanyl ist ein synthetisches Opioid, das über ein Pflaster als starkes Schmerzmittel in den Körper gelangt. Dadurch kommt im kontrollierten Gebrauch das hochwirksame Medikament ungefährlich, weil nur nach und nach, in den Organismus. Bei chronischen Schmerzpatienten wird dieses Pflaster ungefähr nach zwei Tagen gewechselt und im Müll entsorgt, erklärt die bayerische Ärztekammer.

Genaue Entsorgungsvorschriften gebe es bislang nur bedingt. Zwar werde darauf hingewiesen, dass ein nachträglicher Missbrauch durch Weiterverwendung Unbefugter untersagt ist und beispielsweise Pflegepersonal in Krankenhäusern und Pflegeheimen besonders darauf achten sollten, dass die Pflaster auch nicht nachträglich in falsche Hände gelangen, dennoch steigt die Zahl der Missbrauchsfälle, auch in der Region.

Fentanyl bleibt risikoreich

Meist werden frische oder aber schon benützte Pflaster von den Süchtigen ausgekocht und das Fentanyl intravenös gespritzt. Auch andere Fälle gibt es: Etliche Drogenabhängige lutschten das Pflaster aus. Mediziner und erfahrene Rauschgiftfahnder warnen gleichermaßen: Der gefährliche Stoff wirke deutlich stärker als beispielsweise Heroin.

Darum sei kontrollierte und lediglich verschriebene Dosierung bei Schmerzpatienten vorgesehen und ohne Risiko, heißt es aus dem Landeskriminalamt weiter.

Viele Drogentote konnten in den vergangenen Jahren auf den Konsum von Fentanyl zurückgeführt werden, warnen die Statistiker. Auch wenn der unkontrollierte Konsum nicht immer gleich zum Tode führe, so die Experten, bleibe er gefährlich und unberechenbar in den Auswirkungen. Auch in der Region kamen bereits Konsumenten von sogenannten Schmerzpflastern ums Leben.

Erst im September 2014 konnte bei einem Drogentoten aus Rosenheim der Gebrauch von Fentanyl-Pflastern nachträglich herausgefunden werden.

Erschreckende Gebrauchstipps

Tipps für den Missbrauch gibt es im Internet zur Genüge. So trifft man in bestimmten Drogenforen auf einen regen Austausch der Konsumenten untereinander. Nur wenige Teilnehmer dieser Diskussionen warnen nach persönlichem Gebrauch vor den Folgen: „Einige meiner Freunde kamen ums Leben, sie haben Fentanyl benutzt, wurden bewusstlos, plötzlich Herzstillstand. Ein Nachbar hat sich einen Fentanyl-Entzug zugetraut, und erzählt, dass ein Heroinentzug hingegen ein witziges Kasperltheater sei“, beschreibt ein Forenmoderator.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Wasserburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser