Wasserburger Friseur über Arbeiten trotz Corona bis zur Ausgangsbeschränkung 

"Dass wir Friseure bis zuletzt dem Corona-Risiko ausgesetzt waren ist eine Schweinerei" 

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Abdullah Tice ist seit 2003 als Friseur in Wasserburg am Inn tätig: Dass Friseursalons trotz der fortschreitenden Gefahr durch das Corona-Virus weiter bis zur Ausgangsbeschränkung geöffnet hatten, ist in seinen Augen unverantwortlich von der Regierung. 

Wasserburg - Ab Mitternacht müssen Gastronomie-Betriebe, Geschäfte und nun auch Friseursalons schließen: Die Ausgangsbeschränkung ist eine Maßnahme der Staatsregierung um das Corona-Virus einzudämmen. Friseur Abdullah Tice und seine Mitarbeiter erzählen, wie sie die letzten Stunden vor der Schließung erlebt haben. 

Ruhig ist es im ehemaligen "Alueda-Gebäude" in der Salzburger Straße, in dem sich sonst zig Leute beim Shoppen tummeln, ins Fitnessstudio gehen oder sich einen Imbiss schmecken lassen. Der Zugang war nur noch über die angrenzende fast leere Parkgarage möglich, die zwei Haupteingänge abgeriegelt. Ein rot-weißes Absperrband untersagt die Nutzung der Rolltreppe in den oberen Stock zu H&M und dem Sportgeschäft Hervis.


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"Wir sind der einzige Laden, der in diesem Gebäude überhaupt noch geöffnet hatte", konstatiert Abdullah Tice, Inhaber des ST Style Friseur-Salons in Wasserburg am Inn, am Freitag, 20. März. "Es war unverantwortlich von den Behörden, Friseurläden bis zum Schluss weiter offen zu halten während andere Einrichtungen und Geschäfte bereits geschlossen hatten. Das kann man doch einheitlich halten. Es war auch klar, dass eine Ausgangssperre kommen wird - warum reagiert unsere Regierung so zaghaft während Nachbarländer rigoroser handeln?" 

Abdullah Tice weiter: "Wie soll ich eineinhalb Meter Abstand zu meinen Kunden halten? Wir arbeiten direkt am Menschen. Dass wir Friseure bis zuletzt dem Corona-Risiko ausgesetzt waren ist eine Schweinerei." 


Normalerweise ist am Freitagnachmittag der Salon von Abdullah Tice voll mit Kunden - am Tag vor der von der Staatsregierung verhängten Ausgangsbeschränkung ist dies nicht der Fall. 

"Es kamen sehr wenige Kunden in dieser Woche und es war normal und legitim, dass Termine abgesagt wurden", erklärt der Inhaber und spannt den Bogen zur existenziellen Sorge. "Wir haben Wahnsinns-Einbußen - egal ob wir jetzt weiter offen gehabt oder zugemacht hätten, die Umsätze wären so oder so schlechter geworden." 

Abdullah Tice ist seit 2003 mit seinem Friseurladen in der Innstadt etabliert - nun weiß er nicht wie es weitergeht: "Für meine Mitarbeiter kann ich einen Antrag auf Kurzarbeit stellen. Wie es für mich als Selbständiger aussieht - keine Ahnung", berichtet der Friseur und sieht den Staat in der Pflicht: "Ich zahle Steuern und bin jetzt trotzdem nicht abgesichert. Es sollte eine finanzielle Stütze für Notfälle wie die Ausbreitung des Virus geben, von der Einzelhandel, Gastronomie und eben auch wir Friseure profitieren."

"Dass am Freitagvormittag nur eine Kundin da ist, das ist schon ungewöhnlich", erklärt Andi, der gerade mit Haare färben beschäftigt ist. Er ist dennoch froh, dass er bisher weiter arbeiten konnte: "Ich arbeite gerne und halte mich an die Grundregeln der Hygiene, die aber in unserem Job ohnehin gelten. Ich finde aber auch, dass Friseure nicht zu Versorgern wie Apotheken oder Lebensmittelläden gehören." Nun möchte Andi in seiner Heimatgemeinde Griesstätt beim dortigen Discounter seine Hilfe anbieten: "Ich habe ja jetzt Zeit." 

Die gleiche Meinung vertritt Christian: "Die Frage, ob ein Friseurladen lebensnotwendig ist und weiter geöffnet haben darf, stellt sich gerade in diesen schwierigen Zeiten. Ich habe die Kunden darauf hingewiesen, dass das Risiko besteht, sich anzustecken und es ihnen freigestellt, ob sie dennoch auf eigene Gefahr kommen möchten und jeden verstanden der abgesagt hat. Man weiß ja nicht, wer infiziert ist und wer nicht - Corona kann ja auch symptomlos verlaufen. Das verunsichert sehr."  

Das Team vom ST Style Friseur Salon in Wasserburg am Inn (von links): "Andi, Seyit, Sina, Eren und Christian. 

Innerhalb einer halben Stunde verzeichnete Mitarbeiterin Sina am Freitagvormittag drei Absagen am Telefon. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass Ministerpräsident Markus Söder jetzt Ausgangsbeschränkungen erlassen wird. Nachvollziehbar seien Absagen durchaus gewesen, erklärt sie und zuckt mit den Schultern: "Teilweise riefen die Leute an und erkundigten sich, ob wir weiter geöffnet haben oder welche Hygienemaßnahmen wir ergreifen. Andere wollten einfach nur einen Termin ausmachen." 

Und bei manchen Anrufen kann das Team um Abdullah Tice nur verständnislos den Kopf schütteln: "Ein Kunde wollte tatsächlich wissen, ob diejenigen, die in den kommenden zwei Wochen wegen der Ausgangsbeschränkung ihren Termin nicht wahrnehmen können bevorzugt einen neuen Termin bekämen. Oder ob wir in der Zeit nicht gleich Hausbesuche bei den Leuten machen könnten." 

mb

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