Nachruf auf ein Original

Im Alter von 84 Jahren verstorben: Wasserburg trauert um Dorle Irlbeck

So kannte man sie in Wasserburg: Dorle Irlbeck und ihren Mann Alex. Die beiden waren 67 Jahre verheiratet. Er verstarb bereits 2018. Nun ist sie ihm gefolgt und die beiden sind wieder vereint.
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So kannte man sie in Wasserburg: Dorle Irlbeck und ihren Mann Alex. Die beiden waren 67 Jahre verheiratet. Er verstarb bereits 2018. Nun ist sie ihm gefolgt und die beiden sind wieder vereint.

„Es ist vorbei“: Gefasst hörte sich Dorle Irlbeck vor wenigen Tagen am Telefon an. Es war ihr bewusst, dass ihr Leben zu Ende geht. In der Nacht zum Samstag ist sie im Alter von 84 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben, die große alte Dame und das wandelnde Gedächtnis der Stadt Wasserburg.

Wasserburg – „Es ist vorbei“: Gefasst hörte sich Dorle Irlbeck vor wenigen Tagen am Telefon an. Es war ihr bewusst, dass ihr Leben zu Ende geht. In der Nacht zum Samstag ist sie im Alter von 84 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben, die große alte Dame und das wandelnde Gedächtnis der Stadt.


Eine herzliche Frau, lebensklug, gewinnend, aber auch energisch. Mit festen Überzeugungen, Prinzipien und Urteilskraft. Den Vornamen Doris mochte sie nicht. „Ich bin die Dorle“, sagte sie einmal. Bereits 2018 war völlig überraschend ihr Mann Alex nach 67 gemeinsamen glücklichen Jahren gestorben. Nun sind sie wieder vereint.

Sie liebte die Bayerische Heimat


Als Corona Fernreisen verhinderte, sah sie darin keinen Grund zu jammern: „Was machen die Leute denn mit ihrem Urlaub? Setzen sich stundenlang ins Flugzeug und langweilen sich dann in einer Hotelanlage an einem Swimmingpool. Is doch wahr, oder? Sollen sie doch besser die schöne bayerische Heimat anschauen.“

Dorle sprach stets Klartext, mit fester Stimme. So nahm sie auch gern die Motorradfahrer in Schutz, wenn andere in der Stadt sie kritisierten. Denen sollte doch erlaubt sein, ihre Maschinen in Sichtweite auf dem Marienplatz abzustellen. „Alle, die dagegen sind, waren nie jung“, lautete ihr Argument.

Sie konnte auch so wunderbar Anekdoten erzählen, zum Beispiel die, als sie mit ihrem Alex in den 50er Jahren in Italien unterwegs war. Damals durften unverheiratete Paare nicht zusammen campen, doch Dorle Irlbeck fand einen Trick, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Eine unerschrockene, streitbare Vertreterin der bayerischen Art. Und immer voller Ideen – auch für die Zeitung.

Da rief sie schon mal am frühen Morgen beim Reporter an, um für einen Beitrag über schwarze Kerzen als Gewittervertreiber zu werben, es sei doch wichtig, dass die Leser etwas über altes oberbayerisches Brauchtum erfahren. Auch über den Palmesel sollte die coronageplagte Öffentlichkeit informiert werden: „Damit wir in dieser düsteren Zeit etwas Fröhliches, Traditionelles haben.“ Wobei sie ihre Wünsche in der Regel mit einer guten Portion Hartnäckigkeit einbrachte, und meist wurden sie ihr auch erfüllt.

Dorle Irlbeck war eine Ikone Wasserburgs, bekannt wie kaum sonst jemand. Aus dem Haus ging sie nur im Dirndl. Gut hundert von einer Bekannten prächtig genähte Stücke stauten sich in ihren Kleiderschränken. Ihre Einkäufe erledigte sie mit ihrem roten Suzuki-Flitzer, Eile war geboten, ihr Tagesprogramm hatte sie stets gut gefüllt. 2014 wurde ihr von der Stadt die Joseph-Heiserer-Medaille für ihre ehrenamtlichen Verdienste verliehen, der Heimatverein zeichnete sie 2013 mit einer Medaille aus.

Von Lahr nach Wasserburg

Am 1. April 1936 wurde sie in Lahr geboren, 1938 folgte der Umzug nach Wasserburg. Es war, wie sie einst berichtete, die Politik, die sie Innstädterin hat werden lassen. Ihr Vater Kurt Knappe wurde erst zum Kreisgeschäftsführer, später zum Kriegskreisleiter der NSDAP in Wasserburg ernannt.

Nach dem Krieg kam Knappe in Haft, den Entnazifizierungsprozess im September 1948 überstand er ohne Verurteilung. „Kein einziges Zeugnis gab es gegen meinen Vater. Man hat ihm nichts nachweisen können“, betonte die Tochter. Als freier Mann habe er den Gerichtsort, das Rathaus, verlassen können. Alle wichtigen Dokumente ihres Vaters hat sie dem Stadtmuseum übergeben, wo sie für jeden einsehbar sind.

Als Kind schon wissbegierig

1942 wurde Dorle Irlbeck im Institut der Englischen Fräulein eingeschult. „Damals war ich das einzige evangelische Mädchen unter lauter katholischen. Mein Vater hat darauf bestanden, dass ich in den katholischen Religionsunterricht gehe“, berichtete sie. Das war der Tochter ganz recht. „Ich war ja wissbegierig.“ 1946 wechselte sie aufs Gymnasium bis zur mittleren Reife. Das Schulgeld zahlte die „geliebte Tante Margarete Brucker“, weil die Konten der Familie lange Zeit gesperrt waren.

Die Mutter sei zu stolz gewesen, um auf einer Behörde um Hilfe zu bitten, sie arbeitete zuerst als Schneiderin. Geld verdiente sie damit kaum. Ohne die Hilfe der Tante und der Nachbarn „wären wir verhungert, sie haben uns das Leben gerettet“, so Dorle Irlbeck im Rückblick. 1951 stellte sich die Tochter mit einem „tollen Kleid“ bei der Schnapsbrennerei Sigl vor – und bekam eine Lehrstelle als Industriekauffrau. Sie wurde die rechte Hand des legendären Chefs Otto Sigl, „das Mädchen für alles“. Mit eigenem Auto. „Da war ich schon privilegiert.“

Auf Messen verschaffte sie der Firma dicke Aufträge: „Ich war damals ja attraktiv. Mir zuliebe wurde so mancher Karton mit Schnaps und Eierlikör zusätzlich bestellt.“ 105 Lehrlinge bildete sie aus – „die haben aber keine schöne Zeit gehabt“. Und warum nicht? „Weil ich so streng war“, erinnerte sie sich. „Aber aus allen ist was geworden.“ Bis 1978 blieb sie in den Diensten von Sigl, bis sie in die Gerberei wechselte.

Schon seit Langem ist ihr Sohn Mario Inhaber des traditionsreichen Betriebs, unterstützt von Gattin Patricia und gelegentlich auch von deren Kindern Larsia und Aryd. Die Felle und Häute von Ziegen, Rehen, Schafen, Mardern, Füchsen und Bibern werden dort in mehrwöchigen Arbeitsgängen gegerbt und zugerichtet. Dorle Irlbeck schrieb die Rechnungen, noch mit einer alten elektrischen Schreibmaschine.

Die längste Zeit ihres Lebens blieb sie kerngesund: „Ich brauche keine einzige Tablette“, sagte sie, als sie auf die 84 zuging. Sie ernährte sich vor allen mit Gemüse, Obst und Fisch. Schon zum Frühstück gab es Lachs und Knoblauch. Auf Alkohol verzichtet sie ganz und gar.

Zeit ihres Lebens war Dorle Irlbeck eine umtriebige Frau, vielerorts war sie ehrenamtlich engagiert. Bei mehr als 80 Ausstellungen im Stadtmuseum und in der Sparkasse wirkte sie mit. So gestaltete sie einen Engelweg mit 200 Engeln und auch einen Krippenweg. Bei den Schiffleuten war sie aktiv, im Theaterkreis, im Gartenbauverein, bei den Bürgerspielen.

„Politik verdirbt den Charakter“

Und sie hatte eine ausgeprägte soziale Ader, bemerkte die „verschämten Armen“ in Wasserburg, denen sie diskret den Weg ins Rathaus wies. In die Politik zu gehen, stand für sie nie zur Debatte: „Politik verdirbt den Charakter. Ich hab‘ meine eigene Meinung.“

Und das Angebot, ihre baden-württembergische Geburtsstadt zu besuchen, schlug sie aus: „Ich bin Wasserburgerin.“ Wichtig war ihr vor allem ihre Familie, „die immer hinter mir steht und mir für meine Aktivitäten Zeit gibt“. Aktivitäten, mit denen sie Wasserburg auf geniale Weise bereichert hat.

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