Neues Wohnheim in Wasserburg

Menschen mit großem Hilfebedarf im Herzen der Stadt

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Bereichsleiter Rupert Ober mit Lisa, die auch ins Wohnheim nach Wasserburg ziehen wird.
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Wasserburg - Die Stiftung Attl lebt Inklusion. Wohngemeinschaften in verschiedenen Gemeinden wie Edling, Pfaffing und Rott beweisen, dass es funktioniert. Nun soll ein Wohnheim in der Wasserburger Innenstadt hinzukommen.

Das Thema Inklusion ist nicht nur Modewort, sondern wird in der Region auch umgesetzt. Die Stiftung Attl macht sich deshalb gerade auf den Weg, um zentrumsnah in der Wasserburger Innenstadt einen Wohnraum zu schaffen, der Menschen mit Behinderung Platz zum Leben bereitstellt. Die Idee entwickelte sich vor vier Jahren. Rupert Ober ist Bereichsleiter in der Stiftung, zuständig für aktuell 16 Wohngruppen. Sein Gedanke: Inklusion schließt Menschen mit schwererer Behinderung nicht aus. Das Gegenteil ist der Fall, es ist notwendig, Menschen mit großem Hilfebedarf an der Inklusion teilhaben zu lassen“.

In der Tat findet Inklusion überwiegend mit Menschen statt, die sehr viele Fähigkeiten besitzen und gut in den Alltag integriert werden können. Eine unkomplizierte Art des gemeinsamen Lebens. Doch auch Menschen mit großem Hilfebedarf können bald den „normalen“ Alltag im Stadtleben erfahren: Mit einem Wohnheim mitten in der Innenstadt. Rupert Ober findet genau dies den richtigen Weg, dem Thema Inklusion gerecht zu werden: „Je mehr Hilfebedarf ein Mensch hat, desto wichtiger ist doch die Inklusion“.

Starke Partner gefunden

Das Wohnheim soll auf dem Gelände nahe des alten Bahnhofs in der Wasserburger Altstadt entstehen. Rupert Ober erklärt im Gespräch mit Wasserburg24, dass er mit seiner Idee einfach mal an verschiedene Stellen herangetreten sei. Mit der GWG Wasserburg konnte nun ein Bauherr gefunden werden, um dem Projekt „Wohnheim für Menschen mit schwerer Behinderung“ den Startschuss zu geben. „Das Grundstück hat der Stadt Wasserburg gehört, es wurde mittlerweile von der GWG gekauft. Wir treten lediglich als Mieter des entstehenden Gebäudes auf“, erläutert Ober. Im Vorfeld konnte Rupert Ober Bürgermeister Michael Kölbl von seinen Ideen begeistern. Die Stadt könne sich dies gut vorstellen, hieß es aus dem Rathaus. Somit stand den Detailplanungen nichts mehr im Wege.

Was entsteht?

Die Stiftung Attl hat sich darauf eingeschworen, in das neue Gebäude ein Wohnheim für Menschen mit schwersten Behinderungen einzurichten. Im Zuge der Gesamtsanierung der Stiftung Attl werden ohnehin immer wieder Gruppen ausziehen, um Sanierungen an den bestehenden Gebäuden zu ermöglichen. Außerdem setzt auch die Politik auf Inklusion. Von Gesetzeswegen werden Inklusionsprojekte immer wichtiger.

Einige Bewohner, die für das neue Wohnheim im Herzen Wasserburgs vorgesehen sind, wohnen aktuell in anderen angemieteten Räumen. „Der Bedarf ist dringend gegeben“ so Rupert Ober. Insgesamt entstehen 24 Einbettzimmer. Aufgeteilt in 3 Wohneinheiten. Zusätzlich kommen Küche, Bad und Wohnraum hinzu. Auch ein kleines Appartement für 1 Bewohner wird eingegliedert in das Haus.

Warum Einzelzimmer? Weil jeder Bewohner seine eigenen Bedürfnisse habe, klärt der Bereichsleiter gerne auf. „Die Bewohner haben nicht den Luxus zu erwarten, der beispielsweise beim Einzelzimmer im Krankenhaus mit zum Alltag gehört. Doch wir von der Stiftung Attl bieten Heimat, teils für viele Jahrzehnte. Darum ist es wichtig, Einbettzimmer vorzusehen. 1 Mensch 1 Raum ist wahrlich kein Luxus“. Es sei einfache Notwendigkeit, so Ober weiter. Dennoch liege es auf der Hand, dass auch die Gemeinschaft für die Menschen wichtige Rolle spiele.

Die Wohngruppen von je acht Bewohnern und pro Schicht zwei Betreuern verteilen sich auf die Stockwerke 1 bis 3.

Im Erdgeschoss werden die Förderstätten erweitert, weil dringender Platzbedarf gegeben ist. „Wohnen und Arbeiten in Wasserburg ist doch das Normalste der Welt“, zeigt sich Ober überzeugt. Wichtig für den Alltag jedes Einzelnen. Insgesamt werden 15 Plätze in der Förderstätte im Parterre des Gebäudes in der Wasserburger Altstadt entstehen.

Der Sinn hinter dem Projekt

Menschen mit schweren Behinderungen bekommen mehr vom Umfeld mit, als viele von uns glauben. Manchmal entsteht der Eindruck, dass alles an ihnen vorübergehen würde. Doch dies täuscht, so Bereichsleiter Rupert Ober: „Die Wahrnehmung hat überhaupt nichts mit der Bewegungslosigkeit zu tun. Wahrnehmung läuft über die fünf Sinne und die sind oft nicht eingeschränkt. Im Gegenteil, manchmal sind die Sinne der Bewohner sehr geschärft“. Ein großes Problem hingegen sei die Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit der Menschen mit schwerer Behinderung, so Ober. „Viele Bedürfnisse oder Ablehnungen erfahren die Mitarbeiter erst durch eine gewonnene Bindung zu den Bewohnern. Wenn über die Sprache nicht kommuniziert werden kann, muss es auf Beziehungsebene funktionieren. Eine Herausforderung, die von unseren Mitarbeitern aber sehr gut geschafft wird“.

Die Wahrnehmung in der Altstadt

Das neue Wohnheim inmitten des Stadtlebens muss von zwei Seiten gesehen werden. Einerseits bekommen die Bewohner das Drumherum in vielen Fassetten mit, doch auch das „Wahrgenommen werden“ ist eine interessante Sache. Eine Gesellschaft wie die Stadt Wasserburg oder auch die Gemeinden, in denen Wohngruppen bereits ansässig sind, dürften durchaus wahrnehmen, dass es verschiedene Menschen gibt: „Nicht jeder ist gleich“, so Rupert Ober. Doch dieses Gleichheits- und Schönheitsdiktat sei für viele eben problematisch, klingt es im Gespräch. Der Wasserburger Bürger dürfe merken, dass es Menschen mit hohem Hilfebedarf gibt. Ober selbst schätzt die Mentalität der Wasserburger sehr und ist sich sicher, dass dieses neue Wohnheim positiv wirkt.

Tatsächlich reagieren viele Wasserburger sehr positiv auf das geplante Wohnheim in Altstadt-Bahnhofsnähe. Einige, die sich gerade genau in dem Bereich aufhalten, zeigen sich erfreut, dass ein neues Wohnheim für die Stiftung Attl entstehen wird. „Ich finde die Arbeit, die die Stiftung leistet großartig, warum soll nicht auch direkt in der Stadt Behindertenarbeit stattfinden“ heißt es beispielsweise von einem jungen Mann. Eine ältere Frau findet die Idee zwar gut, hegt aber Bedenken, wie der Alltag im pulsierenden Wasserburg funktionieren könne. „Es wird funktionieren“, ist sich Rupert Ober sicher. Die Bewohner des neuen Wohnheims werden sich in den Alltag der Stadt einfügen. Früher sind schwerbehinderte Menschen oftmals nicht aus dem Bett gekommen, dank der Liegerollstühle ist jetzt ein Weg nach draußen, beispielsweise in Richtung Ledererzeile nicht mehr unmöglich. Auch der gemeinsame Besuch von Apotheke, Drogerie oder einem Café könnte dann klappen, berichtet Ober.

Am Mittwoch ist Spatenstich für das neue Wohnheim. Viele Offizielle haben sich angesagt. Auch einige Bewohner des neuen Hauses werden da sein. „Für uns ist es wichtig, dass ein Betreuter den Spatenstich aus Stiftungsseite übernimmt“, zeigt sich der Bereichsleiter völlig überzeugt. „Wir sind die Assistenten der Bewohner, so entsteht ein Bewusstsein, etwas selbst schaffen zu können. Dies ist ein ganz wichtiger Punkt, auch in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Jemandem zu helfen, etwas selbst machen zu können“.

Quelle: rosenheim24.de

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