Prozess nach Unfall: Wer trägt wie viel Schuld?

Wasserburg - Er stellte seinen Silo-Anhänger auf einer Kreisstraße ab, ein Autofahrer übersah das Hindernis und fuhr fast ungebremst auf. Wer trägt bei diesem Unfall die Schuld?

Seine Überlegung, den Silo-Anhänger im November des letzten Jahres kurz auf der Kreisstraße von Amerang nach Obing abzustellen, um so eine diffizile Kundenzufahrt mit seinem Gespann zu umgehen, brachte einem 45-jährigen Kraftfahrer aus Waldkraiburg mächtig Ärger mit seinem Chef und einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung über 60 Tagessätze zu je 40 Euro sowie ein einmonatiges Fahrverbot ein.

Denn während er mit seinem Lkw die Ware auslieferte, fuhr ein Pkw-Fahrer, der mit seinem Opel in Richtung Obing unterwegs war, ungebremst auf den abgestellten Hänger auf und zog sich dabei beträchtliche Verletzungen zu. Zudem hatte er den Totalschaden an seinem Fahrzeug zu beklagen und auch am Hänger entstand ein nicht unerheblicher Schaden. Der Opelfahrer gab an, aufgrund der tiefstehenden Sonne den ungesicherten Hänger auf Höhe des "Obinger Berges" übersehen zu haben.

Den Tatbestand an sich räumte der russische Staatsbürger auch vor dem Amtsgericht mit Bedauern ein und gab zu, dass das unerlaubte Abstellen ein erhebliches Verschulden darstelle. Auch wenn es aus der Not heraus geschehen sei und er keine Blendung bemerkt habe. Er habe den Hänger bewusst rund 150 Meter hinter einer Kurve abgestellt, um so ausreichende Sichtverhältnisse zu schaffen.

Gegen die Rechtsfolgen legte er allerdings Einspruch ein, denn seiner Meinung nach war der Geschädigte nicht ganz schuldlos am Unfall. "Ganze neun Sekunden ist der Geschädigte im Blindflug unterwegs gewesen, ehe er in den Anhänger meines Mandanten gedonnert ist", gab der Verteidiger vor dem Amtsgericht zu bedenken und folgerte dies aus den Angaben des Geschädigten, der ausgesagt hatte, mit etwa 60 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen zu sein. Bei freier Sicht sei er unbeirrt rund 150 Meter gefahren ohne auf das Blenden der tiefstehenden Sonne zu reagieren. Das stelle ein erhebliches Mitverschulden dar. Deshalb beantragte die Verteidigung eine Geldstrafe von 600 Euro und einen Verzicht auf die Verhängung eines einmonatigen Fahrverbots. Der Angeklagte müsse zwar nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten, aber ein Monat ohne Gehalt sei für den Kraftfahrer nicht vertretbar.

Für die Staatsanwaltschaft stand der Sachverhalt ebenfalls fest und es waren nur noch das Strafmaß und Frage "Fahrverbot ja oder nein" zu klären. Der Anhänger sei im absoluten Parkverbot außerhalb der Ortschaft abgestellt worden, da hätte zumindest ein Warndreieck in entsprechender Entfernung aufgestellt werden müssen. Es sei nicht davon auszugehen, dass hier eine leichte Ausweichbewegung gereicht hätte, zumal auch auf den Gegenverkehr zu achten sei. Als Kraftfahrer hätte der Angeklagte die Gefahr erkennen müssen. Deshalb hielt die Staatsanwaltschaft am geforderten Strafmaß von 2400 Euro Geldstrafe und einem einmonatigen Fahrverbot fest.

Das Gericht war der Ansicht, dass das Mitverschulden des Geschädigten im Strafbefehl nicht ausreichend berücksichtigt worden sei und reduzierte die Geldstrafe auf 45 Tagessätze zu je 30 Euro, hielt aber am einmonatigen Fahrverbot fest. Der Angeklagte habe ohne entsprechende Absicherung fast die komplette Fahrbahn blockiert. Dabei handle es sich um einen so schweren Verstoß, dass der unausweichlich mit einem Fahrverbot geahndet werden müsse. Auch wenn der Angeklagte bisher noch keinen Eintrag in der Verkehrssünderkartei gehabt habe, hieß es in der Urteilsbegründung.

Die Verteidigung sah mit diesem Urteil das Mitverschulden des Geschädigten nicht genügend gewürdigt und legte deshalb Berufung ein.

ca/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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