"Ohne Zivis sind wir nur die Hälfte"

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Zivis als Fahrdienst und Liebling der Senioren: Marco Schwertberger (links) und Maximilian Seidl überlegen sogar, ihre Dienstzeit freiwillig zu verlängern.

Wasserburg - Die Regierung will Wehr- und Zivildienstpflicht auf sechs Monate verkürzen. Wie geht es dann im sozialen Bereich weiter? Die Stadt Wasserburg macht sich jetzt schon Gedanken.

Lesen Sie hier den Originalbericht aus der Wasserburger Zeitung:

Gerne länger Senioren-Liebling

Die Wehrpflicht soll künftig auf sechs Monate verkürzt werden, zugleich auch die Zivildienstzeit. Im sozialen Bereich schrillen die Alarmglocken, so auch bei der Stadt Wasserburg. 

"Ohne Zivis wäre ich nur die Hälfte": Die Aussage einer Wasserburgerin ist bezeichnend für die Nachhaltigkeit, mit der sich der Zivildienst zwischenzeitlich in der Bevölkerung etabliert hat: im Rettungsdienst, in der Kranken- und Altenpflege sowie in öffentlichen Einrichtungen.

In Wasserburg stehen beispielsweise die beiden Zivildienstleistenden der Heiliggeist-Spitalstiftung, koordiniert von der Stadtverwaltung, bei älteren Mitbürgern hoch im Kurs.

Für Anton Hundmaier, den geschäftsleitenden Beamten der Stadtverwaltung und Dienstvorgesetzten der beiden, ist die jüngste Entwicklung in der Sache daher geradezu paradox. Sprach der Bundesbeauftragte für den Zivildienst noch im Juni dieses Jahres von einem "Lerndienst", der künftig noch intensiver ausgestaltet werden sollte, bei dem junge Männer Schlüsselqualifikationen und eine zielführende Persönlichkeitsentwicklung erlangen sollten, so schlage die Politik jetzt eine gravierende Kehrtwende ein.

"Man kann nicht einen Zivi beschäftigen, wenn der bloß noch auf der Schulbank sitzt", kommentiert Hundmaier die angedachte Dienstverkürzung. Und tatsächlich: Lehrgänge und Schulungen alleine beanspruchen schon mindestens ein Vierteljahr. Dazu kommt noch der Urlaub, schlimmstenfalls noch ein Krankheitsausfall. Für den eigentlichen Zweck, sich für andere im sozialen Bereich einzubringen, bleiben dann wenn überhaupt noch drei Monate, im Vergleich also fast keine Zeit mehr. "Haben sich die Hilfebedürftigen erst einmal an die neuen Zivis gewöhnt, dann heißt es schon wieder Abschiednehmen", so Hundmaier.

So sehen das auch die "städtischen" Zivis. Seit einigen Monaten gehen Marco Schwertberger und Maximilian Seidl bei ihrem "lässigen aber doch verantwortungsvollen Job" nun Senioren zur Hand, stehen für Fahrdienste zur Verfügung, räumen die Spülmaschine aus, begleiten zum Arzt oder in die Apotheke. Den beiden scheint ihre Aufgabe Spaß zu machen, werden sie doch zum Liebling der Hilfesuchenden. Nicht nur, dass sie regelmäßig von ihren "Kunden" zum Essen eingeladen werden, zur rechten Zeit stehen auch Kaffeefahrten auf dem Programm. Und selbst der Einsatz in der Badehose war schon angesagt: Bei der Begleitung eines Seniors ins Endorfer Thermalbad. Das Zwischenmenschliche, der eigentliche Sinn, ist dabei einer der wichtigsten Aspekte.

Mindestens zwei Einsätze fährt jeder Zivi pro Tag, so Karin Heisig von der Stadtverwaltung, zugleich auch Koordinatorin für die Arbeitstouren. Dazu kommen noch die festen, bereits wöchentlich vorgebuchten Termine. "Viele wissen nicht, dass alle städtischen Bürger dieses Angebot in Anspruch nehmen können, von Attel bis in die Altstadt, vom Burgerfeld bis Reitmehring", und das nur für ein minimales Entgelt, so Heisig und Hundmaier übereinstimmend.

Und jetzt das: Anton Hundmaier steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Mit der Dienstzeitverkürzung erfahre die Qualität der bisherigen Leistungen "einen unwiederbringbaren Verlust, die zwischenmenschliche Komponente wird künftig weitestgehend auf der Strecke bleiben".

Dennoch: Die Zivis der Stadtverwaltung wollen gerade jetzt gegensteuern, noch stärker auf sich aufmerksam machen, mit Flugblättern und Aushängen. Und noch ein Gedanke kreist in ihren Köpfen: Ihre Zivildienstzeit freiwillig zu verlängern.

tro/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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