Zeitreise für Demenzkranke

Wasserburg - Die Station im Betreuungszentrum ist ausgestattet mit alten Möbeln vom Flohmarkt, die Schwestern haben ihre weißen Kittel abgelegt und die Patienten sind noch mal 25.

Zig Jahre alte schwarz-weiße Hochzeitsfotos kleben an den Türen einiger Bewohner, im Pflegebadezimmer steht ein alter Spiegelkasten, die Vorhänge haben Blümchenmuster, eine Tretnähmaschine steht im Gang, alles erinnert an die 30er- oder 40er-Jahre. Damals waren die 26 Leute jung, heute sind sie alt und orientierungslos, aber das Foto von der Hochzeit kennt der Mann genau, wie sich die Frauen an das Nähen mit der alten Maschine erinnern können.

"Die ersten 27 Jahre sind prägend"

Die 26 Männer und Frauen leben im Betreuungszentrum Wasserburg, im beschützenden Bereich für Menschen mit Demenzerkrankungen. Vor einem Jahr wurde dieser Bereich komplett umgemodelt in eine Böhm-Modellabteilung. „Man muss wissen, wo die Menschen herkommen. Was sie in den ersten 27 Jahren gesehen, erlebt und gemacht haben ist prägend. Stücke aus ihren jungen Jahren erkennen auch Menschen mit Demenz und hilft uns sie besser zu verstehen“, erläutert Geschäftsführer Herbert Leitmannstetter die Arbeit nach Erwin Böhm im Betreuungszentrum, wo jetzt eine zweite gerontopsychiatrische Abteilung mit weiteren 16 Plätzen nach diesem Konzept eingerichtet wurde.

Auch für die Umgestaltung dieses Bereiches suchten Mitarbeiter auf Flohmärkten alles zusammen für die Zeitreise zurück um 60, 70 oder 80 Jahre, „ein Stress, der sich aber lohnt“, sagt Hamo Merdan von der Pflegedienstleitung. Nach einem Jahr können die Mitarbeiter der gerontopsychiatrischen Abteilung, die zuvor eine sechsmonatige Schulung erhalten hatten, Erfolge vorweisen für die Arbeit, bei der die Biografie der Bewohner eine wichtige Rolle spielt. Die Umstellung sei schon eine große gewesen, erzählt Margot Schnaitter, „wir, die Bewohner und die Angehörigen sind aber begeistert“, fasst die Wohnbereichsleiterin ihre Erfahrung zusammen.

Bewohner leben nach eigenen Rhytmus

Für das psychisch seelische Wohlbefinden ihrer Anvertrauten haben die Schwestern die weißen Kittel abgelegt, die Bewohner können schlafen so lange sie wollen, sie bekommen ihr Frühstück, wenn sie aufgestanden sind. „Die Leute dürfen ihren eigenen Rhythmus leben und sie sind besser aufgelegt“, sagt Margot Schnaitter. Sie schneiden ihren Schnittlauch selber, legen die Wäsche zusammen, holen Kohlrabi aus dem Garten, tun, was sie früher gemacht haben. Hört sich nach Mehraufwand an, ist es auch, „aber es ist fast unglaublich, durch Böhm werden Zeiten frei“, sagt Herbert Leitmannstetter.

Weniger Medikamente

Und: „Nach einem Jahr ist die Medikamentenverordnungen um die Hälfte reduziert, ohne dass Auffälligkeiten zugenommen hätten“, berichtet Margot Schnaitter. Manche bräuchten ihre Psychopharmaka, die Reduzierung klappe auch nicht immer, aber sieben Bewohner kämen ganz ohne Medikamente aus. „Diese menschliche Art motiviert auch die Mitarbeiter“, meint Hamo Merdan und Herbert Leitmannstetter meint, eigentlich müssen alle „böhmisiert“ werden. Damit das Modell auch in die anderen Bereiche des Hauses einfließt, nahmen auch aus diesen je zwei Mitarbeiter an der Böhm-Fortbildung teil.

vo/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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