10 Jahre Stadtarchiv

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10 Jahre Stadtarchiv

Wasserburg - Durch Patenschaften restaurierte Urkunden, Akten und Bände des Stadtarchivs vom 15. bis zum 18. Jahrhundert werden vorgestellt.

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Am 24. Oktober 2012 stellte das Stadtarchiv Wasserburg die aktuellen Restaurierungsprojekte sowie anlässlich des diesjährigen Jubiläums des Archivs, die Sicherungs-, Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten am Alten Archiv in den Jahren 2002-2012 vor. Die rund 40 Besucher der Veranstaltung konnten dabei u.a. restaurierte Originale aus verschiedenen Jahrhunderten bewundern, die mit Hilfe von Buch- und Archivalienpaten seit Herbst 2010 restauriert worden waren. Im Vortrag von Stadtarchivar Matthias Haupt wurde außerdem über Sicherungsmaßnahmen an Archivgut des Alten Archivs, die im Jahr 2011 aus Mitteln der Stadt und mit Hilfe einer Förderung von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder finanziert wurde, berichtet. Dieses Projekt wird in unserer Ausgabe Nachrichten aus dem Stadtarchiv 05/2012 ausführlich dargestellt.1

Zunächst begrüßte Bürgermeister Michael Kölbl die Gäste im vollen Lesesaal des Stadtarchivs und führte in den Abend ein.

Im ersten Teil der Veranstaltung wurde ein kurzer Rückblick gehalten und die Fach-Aufgaben der Erfassung, Sicherung, Konservierung, Restaurierung und Erschließung des Alten Archivs der Stadt Wasserburg a. Inn in den letzten 10 Jahren erläutert. Für den beim Vortrag im Vordergrund stehenden Aspekt der Bestandserhaltung dieses umfangreichen und bedeutenden kommunalen Archivbestandes geben Zahlen einen Einblick, wie kostenintensiv die Maßnahmen in den letzten Jahren gewesen sind. 124 Einzelarchivalien wurden seit 2002 restauriert und nicht selten kostet die Restaurierungen eines Bandes mehrere hundert bis hin zu mehreren tausend €uro. Bis heute halfen 32 Buch- und Archivalienpaten, diese Einzelrestaurierungsmaßnahmen mit zu finanzieren. Die Stadt selbst investiert jährlich ca. 20.000 € in Maßnahmen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes der Stadt. Ein 2011 und 2012 erstelltes Schadenkataster zeigt auf, das allein aus den Beständen des Alten Archivs der Stadt weitere hunderte Archivalien restaurierungsbedürftig sind, die in den kommenden Jahren, teilweise auch dringend, restauriert werden müssen.

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Bei der anschließenden Präsentation der Restaurierungsmaßnahmen an Archivgut, wurden ausschließlich diejenigen Archivalien gezeigt, die Dank der Spenden unserer Archivalienpaten seit Herbst 2010 restauriert werden konnten. Dabei ging es naturgemäß nicht darum, die „spektakulärsten“ Stücke oder auch umfangreichsten restauratorischen Eingriffe des Archivs zu zeigen, sondern genau diejenigen Maßnahmen zu präsentieren, die mit den ganz unterschiedlichen Spenden der einzelnen Buchpaten realisiert werden konnten. Inhaltlich erzählen die restaurierten Schätze dabei fast ganz von alleine, wenn man ein wenig hineinliest, Kapitel aus der Stadtgeschichte oder zeigen auf, welches Potential zur Erforschung der Stadtgeschichte in ihnen steckt. Letzteres auch gerade deshalb, weil die meisten gezeigten Stücke bis heute unerforscht geblieben sind.

Abwechselnd stellten Archivar Haupt die restaurierten Stücke inhaltlich vor und Bürgermeister Kölbl überreichte den anwesenden Paten die Urkunden ihrer Patenschaft.Herr Johann Linz hatte in zwei aufeinander folgenden Jahren je 100€ gestiftet, wofür eine Akte mit 40 Blättern restauriert werden konnte, welche Einquartierungen von Soldaten in sämtlichen Wasserburger Häusern während des Dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1633 und 1634 nachvollziehbar macht. Eine darin enthaltene Liste der Kosten für die Verpflegung der Soldaten, die den Bürgern der Stadt auferlegt wurden, zeigt auf, dass Kontributionen, bei denen zivile Geldmittel während des Krieges beschlagnahmt wurden, an der Tagesordnung standen. Stellvertretend für weitere im Stadtarchiv erhaltene Archivalien aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, gewährt diese Archivalie unmittelbare Einblicke in die Notsituation der Bevölkerung während einer der schlimmsten Katastrophen in der deutschen Geschichte – dem Dreißigjährigen Krieg – welchem bis zu 40% der Bevölkerung an dessen Ende durch unmittelbare Kriegsereignisse oder Seuchen, wie der Pest, zum Opfer gefallen waren.

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Das Aktenbüschel hatte vor der Restaurierung einen durchgehenden Schimmelbefall durch einen Wasserschaden mit Wasserrändern erlitten. Eingestaubte Blattränder, beschädigte Blattkanten, Einrisse und Fehlstellen mussten festgestellt werden.

Bei der Restaurierungsmaßnahme wurde das Büschel alkoholisch sterilisiert und an der Reinen Werkbank des Restaurators ausgewischt, Schimmelanhäufungen sind mechanisch abgetragenworden. Die Archivalie wurde dann trocken gereinigt und die Papierrestaurierung vorgenommen. Dazu gehörten u.a. die Entsäuerung des Papiers und die Ergänzung der Fehlstellen durch Anfaserung der Papiere. Gleich drei Ratsprotokolle der Jahre 1627, 1686 und 1687 konnten durch Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung, die 2011 1.450€ und 2012 1.500 € zur Verfügung stellte, restauriert werden.

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Diese Bände hatten, darunter vor allem das Ratsprotokoll des Jahres 1627, im Buchblock durchgehend sehr starken Schimmelbefall, der durch einen erheblichen Wasserschaden verursacht wurde. Hunderte Blätter mussten demnach einzeln restauriert, amorphe und , brüchige Papierfaser teilweise mit Japanpapier belegt und die Einbände aufwendig restauriert werden.

Der Bestand der Ratsprotokolle setzt mit dem Jahr 1514 ein, (beinahe) lückenlos erhalten sind diese ab 1537, restaurierungsbedürftig ist ca. jeder 15. Band, weshalb schon seit einigen Jahren immer wieder Band für Band in die Restaurierungswerkstatt gegeben wird. Ein langer Atem ist also erforderlich, die Bestandserhaltung systematisch durchzuführen. Unter den Daten der Ratssitzungen werden die einzelnen Punkte aufgeführt, worüber verhandelt worden ist. Die Sachlage oder die Anliegen von Bürgern werden beschrieben, eventuell Zeugen gehört und der Beschluss des Rates protokolliert. Der Rat der Stadt befasste sich u.a. mit Personaleinstellungen und der Ämtervergabe, Beschwerden bzw. Vermittlung in Streitsachen, Erbangelegenheiten der

Bürger, Stiftungsbelangen, Gewerbeangelegenheiten und Gewerbeordnungen sowie internen Ablaufregelungen, wie der Ratsordnung oder der Anwesenheitspflicht der Räte bei Sitzungen.

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In die Verhandlungen des Rates des 17. Jahrhunderts stiegen die Gäste im Anschluss an die Verleihung tiefer ein, als aus einer Ratssitzung zitiert wurde, bei dem das Heilig-Geist-Spital der Stadt die Klage gegen einen Bürger vor dem Rat vorbrachte, dass dieser seine dem Spital schuldige Gilt nicht zahlte. Der Bürger wurde gehört; er war verarmt und konnte die Schuld, die auf seinem Haus in der Schmidzeile lag nicht mehr begleichen. Der Rat entschied unter Anerkennung der Armut des Beklagten, dass dieser von den 6 Gulden, die er jährlich zu zahlen hatte, künftig nur noch zwei Gulden zahlen musste.

Die Kolpingfamilie Wasserburg stiftete in zwei Jahren je 150€, die zur Restaurierung der Rechnung der Heilig-Geist-Spitalstiftung von 1738 verwendet wurden. Die Heilig-Geist-Spitalstiftung Wasserburg am Inn wurde vor 1338 von Zacharias von Hohenrain gegründet. Der Zweck der Stiftung war, arme, alte und/oder kranke Wasserburger Bürger im Heilig-Geist-Spital am Brucktor aufzunehmen, zu pflegen und zu versorgen. Das Heilig-Geist- Spital unterhielt eine eigene Kirche, die dem Spitalgebäude direkt angegliedert ist und bis 1815 einen eigenen Pfarrer beschäftigte. 1815 wurde die Pfarrei mit der Pfarrei St. Jakob vereinigt und die Seelsorge im Spital von einem Benefiziaten versehen. Die Rechnungsbände sind ab 1459 vorhanden und belegen die Tätigkeit der Stiftung. Sie geben Einblicke in die Versorgung der älteren, teilweise auch verarmten Bürger der Stadt.

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Weitere Patenschaften wurden von Frau Irmingard Dietz und einer anonymen Spenderin übernommen, die leider nicht persönlich anwesend sein konnten. Restauriert wurden die Bände der Rechnungsabschlüsse der Ratsämter der Jahre 1441-1466, eine „Extra- Kriegskosten- Rechnung“ des Jahres 1749 und ein Landtagsprotokoll des Jahres 1552 für insgesamt 1.200€. Auch diese Archivalien konnten von den zahlreichen Besuchern „unter die Lupe genommen werden“, im Vordergrund zu sehen, ist der dicke Band der Kriegskostenrechnung des Jahres 1749.

Schließlich wurden zwei Paten geehrt, die sich anteilig an der Sicherungsmaßnahme des Alten Archivs für das Jahr 2012 beteiligt hatten.2 Die Kreis- und Stadtsparkasse spendete hierfür 2.500€. Warum genau diese Beteiligung erfolgte, ist noch „geheim“ und wird mit Rückkunft der Archivalien aus der Konservierungs- und Reinigungsmaßnahme aus der Restaurierungswerkstatt bekannt gegeben, die für Mitte des Jahres 2013 zu erwarten ist.

Für die anteilige Beteiligung der Sicherung des Alten Archivs 2012 mit Gesamtkosten in Höhe von 23.190€ engagierte sich auch die St. Nikolai-Schiffleutbruderschaft, die zu ihrer ersten Patenschaft, verbunden mit einer Spende in Höhe von 150€, angekündigt hat, eine weitere Patenschaft übernehmen zu wollen, für eine Archivalie, die einen Bezug zur Innschifffahrt aufzuweisen hat, was eingedenk der vielen noch restaurierungsbedürftigen Archivalien des Stadtarchivs – leider muss man sagen – nicht allzu schwer fallen dürfte, hier ein passendes Stück auszuwählen.

In diesem Sinn betonte Bürgermeister Kölbl bei seiner Verabschiedung, dass die Stadt weitere Archivalienpaten gut gebrauchen kann, die das Engagement der Stadt im Bereich der Erhaltung unseres schriftlichen Kulturerbes in Zukunft weiterhin unterstützen.

Pressemitteilung Stadtarchiv Wasserburg

Quelle: rosenheim24.de

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