Richtige Hose wichtiger als Benehmen?

Hier herrscht Jeanspflicht im Kindergarten

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Die Hose von Julian sollte nach Aussage des Kindergarten lieber durch eine Jeans ersetzt werden
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Wasserburg/Altlandkreis - Ein Kindergarten aus dem Altlandkreis sieht Bedarf, bei Klamotten auf Regeln zu setzen. Einer Mutter wird nun vorgeschrieben, dem Kind Jeans anzuziehen.

Benimm-Regeln kennen wir. Die Zauberwörter „Bitte“ und „Danke“ sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch nun versteht eine Mutter aus dem Altlandkreis Wasserburg die Welt nicht mehr: Der Kindergarten hat ihr verboten, dem Fünfjährigen Sohn Stoffhosen anzuziehen. Er solle sich an die Regeln halten und Jeans tragen, heißt es beim intensiven Gespräch zwischen Kindergartenleitung und Eltern.

Sind Klamotten nun im Kindergarten bereits wichtiger als gutes Benehmen? Darf ein Kindergartenkind keine Stoffhosen mehr tragen? Selbst große Modemarken erarbeiten für Jungs sogenannte Skaterhosen ohne Knopfelemente. Bequem und dennoch trendy in Form und Farbe, findet auch eine Modeberaterin eines Kindermodeladens. 

Die Mutter des 5 Jahre alten Buben hatte bislang keinen Gedanken daran verloren, dem eigenen Kind eine Jeanshose aufzuzwängen: „Mein Sohn möchte keine Jeans anhaben, für ihn ist es jetzt noch angenehmer, in Stoffhosen herumzutoben“, meint die 27-jährige Büroangestellte. Sie wehre sich dagegen, im Kindergartenalter auf modische Regelungen zu achten. Ihr sei es wichtig, dass die Klamotten sauber und ohne Löcher seien.

Doch der Kindergarten sehe hier Machtpotential, was den Eltern schwer zu schaffen mache. Die Marke der Kleidung hingegen sei den Erzieherinnen völlig egal. „Es wurde mir mitgeteilt, dass es Jeanshosen auch beim Discounter geben würde. Dass die Hosen meines Sohnes von angesehenen Modelabels sind, ist denen egal“. Sie wirkt verzweifelt, möchte sich für ein Foto nicht zur Verfügung stellen. Julian selbst dürfen wir fotografieren, jedoch möglichst ohne Gesichterkennung. 

Angst habe sie, dass sich der Streit um die richtige Kleidung des Jungen weiter verfestigen werde: „Auch Julian ist schon ganz irritiert. Er weint zu Hause, wenn ich ihn in eine Jeans zwängen will. Ich würde es verstehen, wenn er in Lumpen daherkommen würde. Aber ich schaue extrem darauf, dass mein Kind gut gekleidet und sauber in den Kindergarten geht. Deshalb ärgert es mich sehr, dass wir täglich mit unschönen Aussagen der Erzieherinnen konfrontiert werden“. An einen Kindergartenwechsel habe sie auch schon gedacht, berichtet die Mutter weiter. Doch weil Julian im Herbst ohnehin in die Schule komme, wäre es nicht vorteilhaft, wenige Monate vor Ende der KiGa-Zeit die Einrichtung zu wechseln.

Was sagt der Kindergarten?

Die Fronten sind verhärtet, wie es scheint. Ein ausführliches Gespräch mit der verantwortlichen Erzieherin wurde der Redaktion verwehrt.

Lediglich wurde mitgeteilt, dass dem Jungen Spott durch andere Kinder zugetragen werde. Kindergartenkumpels würden Julian darauf ansprechen, warum er keine Jeans anhabe. Das Personal würde also schützend auf die Familie einwirken, von einer Bevormundung könne keine Rede sein. Kurz bestätigte die Leiterin, dass der Junge stets sauber und gepflegt in die Einrichtung komme, aber eben in „Spielhosen“, wie es das Kindergartenteam offiziell bezeichnet. Auf die Frage hin, ob Kinder, die Jeans anhätten, die mit Aufbügelbildern versehen sind, weil sonst der Jeansstoff löchrig wäre, auch Bemerkungen durch andere Kinder zu erwarten hätten, kam die Antwort, man möchte sich nicht an weiteren Diskussionen beteiligen. Fest stünde hingegen, dass alle anderen Kinder Jeans tragen würden. Dies wäre eben der Lauf der Zeit.

Die junge Frau ist mittlerweile am Boden zerstört. Sie möchte zumindest im Kindergartenalltag ihrem Buben die freie Wahl lassen, ob er eine Jeans anziehen will oder nicht. „Sobald er in die Schule geht, ändert sich der Alltag ohnehin. Alles wird noch strukturierter. Dann wird es bestimmt schnell so sein, dass Julian heimkommt und mir sagt, dass er ab morgen nur noch Jeans tragen will, wie die älteren, coolen Jungs. Kurz lächelt die sonst während des gesamten Gesprächs deutlich verärgert und oft auch traurig wirkende Mutter des 5-Jährigen.

Sogar bei der Erziehungsberatung habe sie sich Rat gesucht, man habe sie ermutigt, sich diesem Druck nicht sofort zu beugen. Sie hätte durchaus diese Entscheidungsgewalt, die Kleidung des eigenen Kindes selbst zu wählen, hieß es von der beratenden Sozialtherapeutin.

Wer stärkt den Rücken?

Eine Idee hatte die Beraterin, um der Familie Mut zu machen, sich bei der Wahl der Klamotte nicht „vergriffen“ zu haben. Sie rät der Mutter, sich mit dem Leiter der Grundschule, die Julian im Herbst besuchen wird, in Verbindung zu setzen. Dieser Empfehlung gingen die Eltern gerne nach.

Mitsamt dem Jungen in „Originalklamotte“ (also wieder einmal einer Stoffhose) besuchte Julian mit seinen Eltern den Direktor. Seit diesem Treffen in der Schule hat sich einiges am Selbstbewusstsein der dreiköpfigen Familie getan: „Es war sehr interessant, die Meinung des Schulleiters zu hören“, freut sich die Mutter des Buben. „Der Direktor hat uns mitgeteilt, dass es ihm egal sei, ob die Buben eine Jeans anhaben oder eine Stoffhose. Ihm sei es wichtiger, dass sie anständig miteinander umgingen. Wenn zwei streitlustige Jungs sich bekämpfen, wäre es absolut egal, welche Hosen sie tragen. Das hat mich als Mama sehr beruhigt. Mittlerweile dachte ich tatsächlich, ich wäre eine Rabenmutter oder total von Sinnen, weil ich meinem Kind „nicht zeitgemäße“ Kleidung anziehe“. Auf das Kindergartenpersonal gehe sie nun etwas gelassener zu. Zwar sei es noch zu keiner weiteren Aussprache gekommen, doch die 27-Jährige habe der Erzieherin schon berichtet, dass der Schulleiter anderer Meinung sei. Seitdem meiden die Kindergärtnerinnen jegliches Gespräch mit den Eltern von Julian. Die musternden Blicke seien jedoch nicht zurückgegangen, hieß es von Seiten der Familie.

Quelle: rosenheim24.de

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