Paten helfen Kulturgut zu erhalten

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Eine Patenschaft übernommen hatte unter anderem auch die Kolpingsfamilie, für die Vorsitzender Manfred Ehrler eine Patenurkunde von Bürgermeister Michael Kölbl entgegennahm; rechts Stadtarchivar Matthias Haupt.

Wasserburg - Das Stadtarchiv zeigte, was es in den letzten zwei Jahren geleistet hat. Viele Archivstücke konnten nur durch die Hilfe von Paten restauriert werden.

32 Buch- und Archivalienpaten ermöglichten seit Eröffnung des Stadtarchivs vor zehn Jahren die Restaurierung von 124 Einzelarchivalien. Jetzt präsentierte Stadtarchivar Matthias Haupt die in den letzten beiden Jahren restaurierten Archivalien und von Bürgermeister Michael Kölbl erhielten die Paten eine Patenschaftsurkunde.

Von den Fach-Aufgaben der Erfassung, Sicherung, Konservierung, Restaurierung und Erschließung des Alten Archivs der Stadt Wasserburg im Rathaus in den letzten Jahren berichtete der Stadtarchivar zunächst.

Bei der Restaurierung von Einzelarchivalien koste nicht selten ein Band mehrere hundert bis hin zu mehreren tausend Euro. Die Stadt investiere jährlich etwa 20 000 Euro in Maßnahmen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes der Stadt. Das 2011 und 2012 erstellte Schadenkataster zeigte allerdings, das allein aus den Beständen des Alten Archivs der Stadt im Rathaus weitere hunderte Archivalien restaurierungsbedürftig seien. "Sie müssen in den kommenden Jahren, teilweise auch dringend, restauriert werden", so Matthias Haupt.

Er präsentierte die Archivalien, die dank der Buchpaten in den letzten beiden Jahren restauriert werden konnten. "Inhaltlich erzählen die restaurierten Schätze Kapitel aus der Stadtgeschichte oder zeigen, welches Potenzial zur Erforschung der Stadtgeschichte in ihnen steckt. Die meisten gezeigten Stücke sind bis heute unerforscht geblieben", so der Archivar.

Eine Patenschaftsurkunde bekam Johann Linz. Er hatte in zwei aufeinander folgenden Jahren je 100 Euro gestiftet, wofür eine Akte mit 40 Blättern restauriert werden konnte. Die Einquartierungen von Soldaten in sämtlichen Wasserburger Häusern während des Dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1633 und 1634 machen diese Blätter nachvollziehbar. Eine darin enthaltene Liste der Kosten für die Verpflegung der Soldaten, die den Wasserburgern auferlegt wurden, zeigt, dass Kontributionen, bei denen zivile Geldmittel während des Krieges beschlagnahmt wurden, an der Tagesordnung standen. Das Aktenbüschel hatte Schimmelbefall durch einen Wasserschaden, auch Einrisse und Fehlstellen. Bei der Restaurierung wurde das Büschel alkoholisch sterilisiert und an der Reinen Werkbank des Restaurators ausgewischt, Schimmelanhäufungen sind mechanisch abgetragen worden. Zur Papierrestaurierung gehörten unter anderem die Entsäuerung des Papiers und die Ergänzung der Fehlstellen durch Anfaserung der Papiere.

Gleich drei Ratsprotokolle der Jahre 1627, 1686 und 1687 konnten durch Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung, die im Vorjahr 1450 Euro und heuer 1500 Euro zur Verfügung stellte, restauriert werden. Diese Bände hatten sehr starken Schimmelbefall, verursacht durch einen erheblichen Wasserschaden. Hunderte Blätter mussten einzeln restauriert, amorphe und brüchige Papierfasern teilweise mit Japanpapier belegt und die Einbände aufwendig restauriert werden. "Der Bestand der Ratsprotokolle setzt mit dem Jahr 1514 ein, beinahe lückenlos erhalten sind diese ab 1537, restaurierungsbedürftig ist etwa jeder 15. Band", erläuterte Haupt. Seit einigen Jahren kommt Band für Band in die Restaurierungswerkstatt.

Unter den Daten der Ratssitzungen werden die einzelnen Punkte aufgeführt, worüber verhandelt worden ist, von Ratsbeschlüssen, Personaleinstellungen und Ämtervergaben bis zu Beschwerden oder Vermittlung in Streitsachen, Erbangelegenheiten der Bürger oder auch Gewerbeangelegenheiten und Gewerbeordnungen.

Die zwei Urkunden erhielt Sparkassenvorstand Peter Schwertberger.

In einer anderen Ratssitzung im 17. Jahrhundert brachte das Heilig-Geist-Spital der Stadt die Klage gegen einen Bürger vor dem Rat vor. Er zahlte seine dem Spital schuldige Gilt nicht. Der Mann wurde gehört. Er war verarmt und konnte die Schuld, die auf seinem Haus in der Schmidzeile lag nicht mehr begleichen. Der Rat entschied unter Anerkennung der Armut des Beklagten, dass er von den sechs Gulden, die er jährlich zu zahlen hatte, künftig nur noch zwei zahlen musste.

Die Kolpingfamilie Wasserburg stiftete in zwei Jahren je 150 Euro, die zur Restaurierung der Rechnung der Heilig-Geist-Spitalstiftung verwendet wurden. Manfred Ehrler, Vorsitzender der Kolpingfamilie, nahm diese Patenschaftsurkunde entgegen.

Patenschaften übernommen hatten auch Irmingard Dietz und eine anonyme Spenderin. Restauriert wurden mit diesen Spenden die Bände der Rechnungsabschlüsse der Ratsämter der Jahre 1441 bis 1466, eine "Extra-Kriegskosten-Rechnung" des Jahres 1749 und ein Landtagsprotokoll des Jahres 1552 für insgesamt 1200 Euro.

Schließlich wurden zwei Paten geehrt, die sich anteilig an der Sicherungsmaßnahme des Alten Archivs für das Jahr 2012 beteiligt hatten. Die Sparkasse spendete hierfür 2500 Euro.

Für die anteilige Beteiligung der Sicherung des Alten Archivs 2012 mit Gesamtkosten in Höhe von 23190 Euro engagierte sich auch die St.-Nikolai-Schiffleutbruderschaft. Die erste Patenschaft war verbunden mit einer Spende von 150 Euro und der Verein kündigte an, eine weitere Patenschaft zu übernehmen für eine Archivalie mit Bezug zur Innschifffahrt.

"Die Stadt kann weitere Archivalienpaten gut gebrauchen, die das Engagement der Stadt im Bereich der Erhaltung unseres schriftlichen Kulturerbes in Zukunft weiterhin unterstützen", meinte Bürgermeister Michael Kölbl abschließend.

re/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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