Warum gibt Wasserburg so viel Geld aus?

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Bürgermeister Michael Kölbl an seinem Schreibtisch im Wasserburger Rathaus
  • schließen

Wasserburg - Hier eine Sanierung, da ein Neubau. Wasserburg gibt gut Geld aus, um in Schuss zu bleiben. Bürgermeister Michael Kölbl verriet uns jetzt, wie das mit den Finanzen geht.

Seit 2002 ist er Bürgermeister. Zuvor war er viele Jahre im Stadtrat aktiv. Wer’s genau wissen mag, seit 1984. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Und er ist schon immer ein Wasserburger gewesen. Michael Kölbl. Der Gebürtige Innstädter wuchs hier auf, ging hier zur Schule, bevorzugte lediglich während des Jura-Studiums die Stadt München als Lebensmittelpunkt. Er ist fest verwurzelt und kennt „seine“ Stadt, die so schön im mittelalterlichen Glanz erstrahlt und eingebettet in die Innschleife an Idyll kaum zu übertreffen ist.

Im Interview verrät er, warum „Fletzi“ bestimmt kein Urahne seiner selbst ist und wieso Wasserburg momentan so viel Geld ausgeben kann.

Herr Kölbl, was macht Wasserburg so lebenswert?

„Wir haben eine wunderbare Mittelalterliche Stadt. Uns prägt eine funktionierende Altstadt mit vielfältigen Angeboten. Kleine Geschäfte, größere natürlich auch, Gastronomie mit Cafés und Restaurants. Alles vorhanden. Die Menschen kommen gerne in die historische Altstadt. Und das geht mir ganz genau so. Die Stadt insgesamt, also über die Altstadt hinaus, ist so zu beurteilen, dass Wasserburg zwar eine kleine Stadt ist, aber eben auch eine Stadt mit allen Funktionen. Wir haben unterschiedlichste Schulen, nahezu alle, die man sich vorstellen kann. Wir haben sehr viele Arbeitsplätze hier. Und diese sind in den letzten Jahren auch weiter gestiegen. Die Arbeitslosenquote hier ist sehr gering. Es lässt sich hier arbeiten, einkaufen, wohnen, zusammengefasst: Es lässt sich hier „leben“. Wir haben ein breites Kulturangebot, Theater Belacqua, Narrenschiff, über 100 Vereine. Obwohl eine Kleinstadt, kann sich das breite Angebot sehen lassen. Alles wirkt zusammen und macht die Stadt lebendig“.

Welche großen Aufgaben hat die Stadt in diesem Jahr auf den Weg gebracht?

„Großes Thema ist die Generalsanierung der Mittelschule und parallel dazu der Neubau einer Turnhalle an der Mittelschule. Diese Arbeiten laufen bereits seit einigen Monaten, und werden noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Die alte Turnhalle war in die Jahre gekommen. Mittlerweile viel zu klein und nicht mehr zeitgemäß. Die Schule an sich ist knapp 50 Jahre alt. In dieser Baumaßnahme stecken wir mittendrin. Viele Besprechungen, Planungen, Arbeitsstunden waren nötig, bis die Ausschreibung abgeschlossen und die Baumaßnahme begonnen hatte. Eine große Herausforderung sowohl für die Bauverwaltung, als auch für die Stadträte. Ein Arbeitskreis hat sich intensiv mit der Maßnahme beschäftigt. Von jeder Fraktion ist in diesem Arbeitskreis ein Vertreter dabei. Viele Stunden wurden herausgefordert. Auch die Stadtbaumeisterin hatte enorm zu tun. Das Projekt ist von der Gesamtinvestition die Größte in den letzten 25 Jahren. Und mit den anberaumten 16 Millionen Euro auch eine Herausforderung für den Haushalt“. „Noch etwas möchte die Stadt für seine Bürger voranbringen: Die Barrierefreiheit. Soweit Mittelalterlichkeit und Barrierefreiheit zusammenpassen, machen wir dies möglich. Wir haben uns mit dem Staatlichen Bauamt geeinigt. Am Marienplatz, gleich gegenüber dem Rathaus sollen die Stufen aufgelöst und Barrierefreiheit geschaffen werden. Unter Dach und Fach sind bereits Planungen für einen Gehweg von der Burg in die Altstadt. Auch diesen wollen wir barrierefrei gestalten. Der Topographie der Stadt zu urteilen, eine große Herausforderung. Viele Gespräche mit dem Staatlichen Bauamt wurden bereits geführt. Im nächsten Jahr wird der Gehweg umgesetzt. Er beginnt an der Rampe, damit die Schülerinnen und Schüler, die aus der Burg kommen, eine bessere Querung haben und dann über die Burg runter zum Marienplatz gelangen“. „Dritte große Herausforderung ist eine Bau- und Werbesatzung. Wie gestalten wir weiterhin die Stadt Wasserburg? Dazu laden wir am 7. Oktober zur Bürgerversammlung ins Rathaus ein, um auch Meinungen der Bürger zu erhalten. Die Altstadt von Wasserburg steht unter Ensembleschutz. Dieses Erscheinungsbild der Stadt, das weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt ist, soll weitgehend erhalten bleibt. Es gibt schon eine Bau- und Werbeanlagensatzung aus den 70er Jahren. Aber nach vier Jahrzehnten gibt’s einige Themen, die noch gar nicht erfasst worden sind. Photovoltaik, Solar auf denkmalgeschützten Häusern. Holzfenster, Kunststofffenster, wir haben uns hier klar positioniert, bezüglich Holzfenster in der Altstadt. Auch die Außendämmung, die Gestaltung der Schaufenster, energetische Sanierung. All diese Punkte spielen hier mit. Im Oktober 2012 wurde ein Grundsatzbeschluss gefasst, zuvor wurden noch Vereine und Verbände nach Ideen gefragt. Jetzt am kommenden Montag darf jeder interessierte Bürger ebenfalls Meinungen und Ideen an uns weitergeben. Erst danach werden die neuen Sachen ausgearbeitet und der endgültige Beschluss hierzu gefasst. Es soll ein echter Bürgerbeteiligungsprozess sein. Jedoch steht fest: Diese Satzung soll noch in dieser Legislaturperiode in Kraft treten“.

Ist das „Historische“ manchmal auch ein Fluch für die Stadt und die Städter?

„Wasserburg ist eine wunderbar historische Altstadt mit Ensembleschutz und Einzeldenkmälern. Aber Wasserburg ist kein Museum. Wasserburg ist eine lebendige Stadt in alten Mauern. Wir sehen den Denkmalschutz als Partner. Es ist eine Chance für Wasserburg. Diese Chance nutzen wir. Der Denkmalschutz ist verhandlungsbereit und kompromissfähig. Wasserburg kann sich trotzdem entwickeln.“

Hat Wasserburg seine Aufgaben im Griff?

„Ja, das finde ich schon. Aber wir ruhen uns nicht aus. Es gibt immer wieder neues und wichtiges. Momentan arbeiten wir an einem sozialen Anliegen. Arbeitstitel: Sozial-Bürgerhaus. In Wasserburg sind sehr viele soziale Einrichtungen vorhanden. Sozialbürgerhaus…. Ein Arbeitstitel, der bald ausgearbeitet werden soll. Die Bürger wissen oft nicht, zu welcher Einrichtung sie denn überhaupt sollen, wer ihnen für ihr Anliegen wirklich helfen kann. Wir wollen eine Art Netzwerkstelle schaffen. Wo der Bürger hingehen kann und nach einer Erstberatung Informationen zu den richtigen Ansprechpartnern und hilfreichen Stellen bekommt. So gelingt es eventuell, diese Hemmschwelle zu beseitigen, solch wichtige Angebote im sozialen Bereich anzunehmen. Selbst für mich als Bürgermeister, der eigentlich ja alles kennt in Wasserburg ist es manchmal schwierig zu wissen, wo ist bei wem was angeordnet. Hier ist gerade die Arbeitsgruppe noch aktiv, wir sind noch nicht am Ziel aber auf einem guten Weg. Aber im nächsten Jahr wollen wir eine Umsetzung wagen“.

Wie gestaltet sich die Arbeit mit den vielen Aufgaben?

„Man muss sich das so vorstellen. Stadtratsarbeit ist keine Arbeit wie in einem Parlament, wo man ein Gesetz macht. Dann verabschiedet man dieses Gesetz und schon kommt das nächste Gesetz. Bei uns ist die Tätigkeit eine kontinuierliche. Die verzahnt sich und geht ineinaner über. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Da kann man sich nicht unmittelbar an Jahren oder Jahreszeiten orientieren“.

Hat Wasserburg noch kurzfristigen Bedarf?

„Neu am Start: Ein Feuerwehrbedarfsplan. Hier spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel wider. Die Feuerwehren haben mehr und mehr große Probleme, dass sie tagsüber, nicht am Wochenende und nicht am Abend, die Einsatzbereitschaft sichern können. Hier leisten Freiwillige einen Dienst für die Stadt und den Bürger. Früher war es gang und gäbe, dass man hier gewohnt und gearbeitet hat. Und so war‘s halt. Heute ist dies ganz anders. Wohn- und Arbeitsort liegen oftmals weiter voneinander entfernt. Tagsüber fehlen oftmals die Einsatzkräfte. Es ist vielmehr Flexibilität gefordert. Denn selbst wenn man seinen Arbeitgeber in Wasserburg hat, heißt es noch lange nicht, dass man auch immer in Wasserburg arbeitet (z. B. als Handwerker). So entsteht ein Problem für die Einsatzfähigkeit. Da werden Möglichkeiten erarbeitet, hier Lösungen zu schaffen. Außerdem: „Das Feuerwehrhaus ist mittlerweile auch schon 30 Jahre alt. Altes Gebäude aus den 30er Jahren. Dem zufolge steht hier eine Generalsanierung oder eventuell sogar ein Neubau an. Vielleicht nicht heuer oder nächstes Jahr, aber der Kommunikationsprozess muss anlaufen. Ein Gutachten wurde dem Stadtrat im Sommer vorgestellt. Dieses Thema startet jetzt .“

Haben Sie auch weiterhin ein offenes Ohr für neue Anliegen und Sorgen der Bürger?

„Neue Aufgaben, neue Anliegen, neue Sachen, das ist der Standart bei einem Bürgermeister. Dies ist zum einen schön, zum anderen aber auch genauso schwierig. Diese Vielfalt liebe ich, darum bin ich gerne Bürgermeister. Etwas für die Bürger zu tun ist doch schön. Wasserburg hat in vielem Verantwortung für eine ganze Region. Es ist wichtig, ein offenes Ohr zu haben, was sich wo bewegt. Dass wir irgendwas runterfallen haben lassen, oder vergessen haben, sehe ich nicht. Es wird aber sicher noch Herausforderungen im nächsten Jahr geben, von denen ich heute noch gar nix weiß“.

Was ist das wichtige im Spagat zwischen Arbeit und Familie?

„Es gelingt mir mittlerweile ganz gut, daheim abzuschalten. Natürlich gibt’s Fälle, die einem sehr stark berühren, die nimmt man dann tatsächlich auch mal im Kopf mit nach Hause. Die Familie sagt dir bei manchen Sachen tollerweise auch ganz unverblümt die Wahrheit. Und das ist ja als Bürgermeister im Alltag oft schwierig. Dieses Regulativ braucht man. Manchmal heißt es schon von daheim: Du Papa, was habt‘s denn da g‘macht. Aber diese knallharten Wahrheiten sind gut und wichtig“.

Welcher geschichtliche Mensch aus Wasserburg imponiert Ihnen?

„Stadtschreiber Josef Heiserer, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewirkt hat , imponiert mir sehr. Er hat die Stadtsparkasse begründet, damals noch als Abteilung der Stadt. Das wirkt bis heute nach, weil wir immer noch zu 50 Prozent Eigentümer der Sparkasse sind. Außerdem hat er das Krankenhaus in Wasserburg in die Altstadt gebracht. Dieses war bis 1964 in Betrieb. Ich bin da sogar geboren worden. Für mich als Bürgermeister ist er eine herausragende Persönlichkeit, zu seinen Ehren gibt es ja die „Josef Heiserer Medaille“. Eine Stufe unter der Ehrenbürgerschaft existiert diese Josef Heiserer Medaille“.

Welches Problem gehört bald gelöst in Wasserburg?

„Wir haben in Wasserburg ein Städtisches Museum. Mit der Museumsleiterin Sonja Fehler haben wir eine enorm engagierte Kraft gefunden, die einiges für das Haus vorantreibt. Dazu gehört auch die richtige Unterbringung der vielen Exponate. Uns fehlen ausreichend Depotflächen. Es ist geplant, ein Depot für dieses Städtische Museum zu schaffen. Dann sind auch mehr wechselnde Ausstellungen möglich. Wenn das Depot geschaffen ist, können wir das Gebäude selbst sanieren. Das Rückgebäude ist in einem relativ schlechten Zustand. Hier befand sich unlängst das Stadtarchiv, das ja in ein neues Gebäude ausgelagert wurde. Jetzt werden die Mängel sichtbar, die hier beseitigt werden müssen. Vermutlich wird dies eine Aufgabe für das nächste Jahr werden. Dann könnten zumindest die Planungen für solch ein Depot beginnen. Diese Aufgabe rund um das Depot hing schon einmal nach ersten Gesprächen in der Warteschleife. Zunächst musste geklärt werden, wie sich die Schulsanierung finanzieren lässt, wie die Haushaltsmittel aussehen. Dies läuft jedoch momentan recht zufriedenstellend, so dass im nächsten Jahr geplant werden kann und eine Umsetzung in den weiteren Jahren erfolgen wird.“

Wie gut steht Wasserburg finanziell da?

„Die Finanzlage ist sehr gut. Trotz der vielen notwendigen Augaben. Wir haben momentan einen Schuldenstand von 3,2 Millionen. Rücklagen von 7,8 Millionen. Per Saldo wären wir eigentlich schuldenfrei - aber: die Rücklagen werden natürlich gebraucht, wenn man den Betrag von 16 Millionen Euro für die Mittelschulsanierung gegenüberstellt. Dies war eine bewußte Entscheidung der letzten Jahre. Letztes Jahr war ein Verschnaufpausen-Jahr, um dieses Jahr das Projekt an der Mittelschule stemmen zu können. Insgesamt hat die Stadt Wasserburg eine solide Finanzlage. Wir haben immer abgewägt, was können wir uns heuer leisten, was im nächsten Jahr. Wenn man eine kontinuierliche Finanz- und Umsetzungsplanung hat, dann lässt sich dies alles sehr gut bewerkstelligen. Sicherlich werden wir den ein oder anderen Kredit brauchen bei solch großen Investitionen wie heuer. Aber das ist leicht verkraftbar bei der momentanen Finanzkraft der Stadt“.

Ist der Fletzi einer Ihrer Vorfahren?

„Das kann ich Ihnen überhaupt nicht beantworten, weil ich erstens gar nicht weiß, ob der Fletzi aus Wasserburg stammend ist, und zweitens kamen meine Ahnen erst vor ca. 100 Jahren nach Wasserburg. Also wahrscheinlich sind wir nicht verwandt“.

Herr Kölbl, vielen Dank für das Gespräch.

Nächstes Jahr sind Kommunalwahlen. Kölbl wünscht sich, dass er weiter im Amt bleibe, und außerdem einen Stadtrat, der über die Fraktionsgrenzen hinweg, sachlich und bürgerorientiert zusammenarbeiten könne. Die letzten Jahre hätte dies immer gut funktioniert. Und es komme insgesamt ja immer der Stadt Wasserburg zugute, wenn man sachorientiert bleibe.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser