Von Zechpröpsten und strengen Regeln

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Das Siegel der Bruderschaft aus dem Stadtarchiv Wasserburg.

Wasserburg - Eine Rarität ist die dokumentarische Überlieferung der Wasserburger Priesterbruderschaft. Vor 500 Jahren wurden darin erstmals Laien aufgenommen.

Die urkundliche Erwähnung im Stadtarchiv ist einzigartig im Wasserburger Raum. Bei Großteilen der Bevölkerung ist die Priesterbruderschaft in Vergessenheit geraten.

Nach den Statuten der Corporis Christi-Bruderschaft von 1605 wurde im Jahr 1430 in Wasserburg die sogenannte Priesterbruderschaft gegründet. In dieser Bruderschaft schlossen sich Priester aus Wasserburg und der Umgebung zusammen, um gemeinsam ihre Toten zu bestatten und ihrer in Seelämtern und einem regelmäßigen Jahrtag zu gedenken.

Urkunde im Stadtarchiv Wasserburg: Bürgermeister und Rat der Stadt Wasserburg bestätigen 1511 die Zulassung von Laien in der Priesterbruderschaft und legen neue Statuten fest.

Der Personenkreis dieser Bruderschaften umfasste ursprünglich vermutlich nur die entsprechende Gruppe, später öffneten sich die Bruderschaften auch für andere Mitglieder (über den Berufsstand hinaus). So vereinigten sich nach Angaben des Stadtarchivars Matthias Haupt in den Wasserburger Bruderschaften unterschiedlichste Berufe, gesellschaftliche Stände und Bevölkerungsschichten zu einer Gemeinschaft und das obwohl die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft sonst sehr auf Trennung bedacht war.

Die Anfänge der Bruderschaften liegen meist im Dunkeln, für keine Wasserburger Bruderschaft ist - soweit bisher bekannt - eine Stiftungsurkunde überliefert. Ebenso wenig sind die Öffnungen der Bruderschaften dokumentiert. Einzig für die Priesterbruderschaft gibt es hierfür einen Beleg.

Am 5. Februar 1511 bestätigte die Stadt Wasserburg in einer Urkunde, dass künftig in der Bruderschaft der Priester auch Laien Aufnahme finden können; und zwar nicht nur männliche, sondern auch weibliche Personen. Die Bruderschaft war eine religiöse Vereinigung, die ihre Gottesdienste in der Pfarrkirche abhielt. Die Verfassungsänderung musste deswegen auch von der geistlichen Obrigkeit, dem Kloster Attel, genehmigt werden. In der Urkunde beruft sich die Stadt auf diese bereits erfolgte Zustimmung des Klosters.

Die Öffnung der Bruderschaft für Laien machte gleichzeitig neue Statuten erforderlich: Der Ablauf der Jahrtage ist in den neu aufgestellten Regeln genau vorgeschrieben: Der Jahrtag findet an Exaudi (6. Sonntag nach Ostern) statt und beginnt nachts mit der Vigil, musikalisch begleitet durch den Schulmeister und Chorgesang seiner Schüler. Währenddessen sollen die Priester mit dem Pfarrer und seinem Gesellen in Chorröcken die Lesung des Tages lesen und das Placebo beten und anschließend zur Kollekte das Salve Regina singen. In der Kirche soll dazu eine mit Kerzen beleuchtete Totenbahre stehen, die mit einem Bahrtuch bedeckt ist. Die Laien sprechen während der Vigil 30 Vaterunser, ebenso viele Ave Maria und drei Glaubensbekenntnisse.

Am Montagmorgen hält der Pfarrer mit zwei weiteren Priestern das Seelamt ab, zu dem der Schulmeister mit den Schülern singt. Nach dem gesungenen Evangelium wird der verstorbenen Brüder und Schwestern von offener Kanzel mit der offenen gesprochenen Beichte und dem gesprochenen Vaterunser und Ave Maria, wie es üblich ist, gedacht.

In der Urkunde heißt es wörtlich: "Alle, Laien wie Priester, sollen, wie es Brauch ist, Opfergeld geben und aus der Bruderschaftskammertruhe sollen für Brot und Wein 24 Pfennige gespendet werden." Auch die Laien sollen während des ganzen Seelamtes in der Kirche bleiben.

Das Läuten der Glocken zur Vigil und zur Messe soll aus der Bruderschaftskasse bestritten werden. Der Pfarrer, der die Gottesdienste hält, bekommt 40 Pfennige, jeder Gesellpriester 10, der Schulmeister 20, der Jungmeister 8, der Kustos 14, der Vigilmeister 10 und sein Knecht 6 Pfennige.

Auch die Organisation der Bruderschaft ist streng geregelt: Ein Priester, der in der Stadt wohnt, und ein Laie, der Mitglied des Rates ist, werden zu Zechpröpsten (Verwaltern) bestellt. Einer von beiden verwahrt die Bruderschaftstruhe und der andere den Schlüssel dazu.

Am Sonntag Exaudi - vor den Gottesdiensten - soll jeder seinen Jahresbeitrag zahlen. Jeder Priester 16 Pfennige, jeder Laie 32 Pfennige, wobei Ehepaare zusammen 32 Pfennige zahlen.

Bei Aufnahme in die Bruderschaft zahlt jeder, egal welchen Stands er ist, einen rheinischen Gulden, davon sollen 4 Schilling Pfennige in der Kasse verbleiben, die übrigen 3 Schilling Pfennige werden für Bestreitung des gemeinsamen Bruderschaftsmahls verwendet. Auch hier gilt: Eheleute, die sich gemeinsam aufnehmen lassen, zahlen zusammen einen Gulden.

Bruderschaftsmitglieder, die nicht in der Stadt wohnen, sollen auch ihren Jahresbeitrag zahlen und ihnen soll der Termin des Jahrtages bekannt gemacht werden. Auch die Termine der Beerdigungen sollen bekannt gegeben werden. Wer nicht daran teilnimmt, wird dafür bestraft werden.

Alle Mitglieder, die lebendigen wie die toten, sollen in ein Buch geschrieben werden, das in der Kammertruhe verwahrt werden soll. Alle Mitglieder müssen schwören, die Statuten der Bruderschaft einzuhalten, sonst müssen sie ein Pfund Wachs Strafe zahlen.

Bei der jährlichen Versammlung sollen sich alle in ihren Reden und ihrem Verhalten "ains ersamen und züchtigen wesens hallten", sonst werden sie mit einer Strafe belegt, die der Rat der Brüder festlegt. Wenn jemand nicht an Veranstaltungen der Bruderschaft teilnimmt, wird er bestraft, es sei denn, er hat eine gute Entschuldigung vorzubringen.

Seit etwa 1600 wurde die Priesterbruderschaft Corporis Christi-Bruderschaft genannt. Bereits 1511 war der Bruderschaft eine Messstiftung auf dem Corporis Christi-Altar in der Pfarrkirche St. Jakob angegliedert gewesen. In aktualisierten Statuten aus dem Jahr 1605 wird den Mitgliedern bereits eine besondere Verehrung des allerheiligsten Sakraments, der leiblichen Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie nahegelegt.

1613 wurde die Bruderschaft erweitert durch die "Neue Stiftung für arme Kranke". Fortan war der Hauptzweck der Stiftung, arme Kranke mit Arznei zu versorgen, die Arztkosten zu zahlen oder zumindest vorzustrecken oder Besuchsdienste zu leisten; vereinzelt zahlte die Stiftung auch das Schulgeld für arme Schüler.

Daneben war die Corporis Christi-Bruderschaft Hauptorganisator und Veranstalter der Fronleichnamsprozession. Zusätzlich dazu hielt sie ab 1639 Monatsprozessionen ab, die einmal im Monat einen sonntäglichen Umgang um St. Jakob vorsahen.

Die Corporis Christi-Bruderschaft hatte eine ausgeprägte interne Verwaltungsstruktur: Sie wählte jedes Jahr einen geistlichen Rat, der aus einem Präfekten, zwei Assistenten und zehn Ratsherren bestand. Dieser Rat diente in erster Linie zur Kontrolle der Tätigkeiten der Bruderschaft und des Verbleibs der Stiftungsgelder und der Aufsicht über das Personal (Sekretär, Diener). Die Bruderschaft führte auch ein eigenes Siegel. Trotz dieser eigenen Verwaltungsstruktur fiel die Bruderschaft, wie alle anderen Stiftungen, unter die Verwaltung des Rates, doch stellte sie den zwei weltlichen Zechpröpsten aus dem Rat der Stadt zwei geistliche aus ihren eigenen Reihen gegenüber. Die Bruderschaft besaß ein eigenes Archiv, das sie auch als solches bezeichnete. In den Statuten der Bruderschaft wird ausdrücklich erwähnt, dass der Sekretär auf die Unterlagen Acht geben soll, damit nichts verloren ginge. Das Archiv wurde in einer Kammer im Pfarrhof verwahrt. Dieser Passus in den Statuten ist der Grund, dass die schriftlichen Unterlagen der Bruderschaft überliefert worden sind.

Das Archiv der Bruderschaft wurde ab dem 17. Jahrhundert, nachdem die Stadt einen eigenen Archivraum im Rathaus einrichtete, der heute noch in dieser Form besteht, dort untergebracht.

re/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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