Zirkus kämpft um's Überleben

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Zirkus ist Familie und die Familie ist der Zirkus: Carl Brumbach mit seinem Ensemble. Fotos

Wasserburg - Hat der kleine Familienzirkus noch eine Chance? Derzeit gastiert der Zirkus "Carl Brumbach" in Wasserburg. Und er kämpft wie viele seiner Gattung um's Überleben.

Fast versteckt, hinter einer Produktionshalle in der Tegernau, an der Schmerbeckstraße, ist sie aufgebaut, die eine eigene, kleine Welt: Wohnwägen, Anhänger, Maschinen, eine Koppel sowie eine Tierunterkunft sind um das große Zirkuszelt in der Mitte verteilt. Kinder tollen über die Wiese und das ungewohnte Schreien von Kamelen ist zu hören.

"Direktor" Carl Brumbach sitzt an einem kleinen Campingtisch vor seiner Unterkunft, die er sich ganzjährig mit seiner Frau teilt: ein zweieinhalb Meter breiter und 13 Meter langer Anhänger, in dem Büro, Schlaf- und Wohnzimmer, Bad sowie eine Waschküche untergebracht sind.

Artisten, Dompteure, Tierpfleger und Organisatoren: Alles in einer Person müssen die Familienmitglieder sein.

Das 49-jährige Familienoberhaupt begrüßt Gäste herzlich. Zusammen mit seinen vier Kindern und deren Familien zieht er in Bayern von Ort zu Ort. Seit seiner Kindheit ist er mit den Artisten unterwegs, hat den Zirkus von seinem Vater übernommen. Früher war er selbst mit Programmpunkten in der Manege vertreten, "aber der Körper lässt die Artistik nur 20 Jahre lang zu, dann setzt irgendwann der Verschleiß ein".

Seine jetzige Aufgabe ist nicht viel einfacher: Fast täglich geht es darum, neue Spielplätze für den Zirkus zu finden und damit dessen Überleben zu sichern. Dabei stößt Carl Brumbach immer öfter auf Ablehnung, sei es bei Gemeinden, Behörden oder privaten Grundbesitzern. Manche Kommunen wollen sogar Zirkussen grundsätzlich keine Aufenthaltsgenehmigungen mehr ausstellen. "Der Zirkus mit seiner 100-jährigen Tradition ist in Deutschland doch ein Stück Kulturgut, das man erhalten sollte", ist der Direktor überzeugt. Außerdem: Viele Mitglieder der Zirkusfamilien hätten keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung und würden außerhalb ihres Lebens als Artisten "doch keinen Fuß in den Arbeitsmarkt bekommen."

Dabei ist Zirkus-Alltag beileibe kein Spiel, sondern geprägt von harter körperlicher Arbeit, langen Tagen und der ständigen Suche nach neuen Spielstätten oder auch Futter für die Tiere. Die ersten Familienmitglieder stehen um 5 Uhr auf und verrichten im Laufe des Vormittags die Stallarbeit im Tierzelt. Pferde, Ponys, Kamele und andere "Stars der Manege" wollen schließlich umsorgt sein, stellen die insgesamt rund 40 Tiere doch einen elementaren Bestandteil des Zirkus dar. Die Nachmittagsstunden nutzen die Artisten zum Üben und Einstudieren neuer Nummern oder auch für anfallende Reparaturen.

Danny Brumbach (links) und sein Bruder Sammy mit Kamelen.

An Tagen mit Vorstellungen wird oftmals bis nach 22 Uhr gearbeitet. "Das geht bei uns das ganze Jahr so von Montag bis Sonntag. Beim Zirkus gibt es halt keinen Urlaub", erzählt der 25-jährige Danny, ältester Sohn von Carl Brumbach. Je nach Bodenverhältnissen dauere es zwischen eineinhalb und zwei Tagen, bis das große Zirkuszelt mit seinen 136 schweren Eisenankern errichtet und für die Vorstellungen vorbereitet sei.

Diese stellen das Herzstück im Leben der Zirkusleute dar und sind die zentrale Quelle für den Broterwerb der Familie. Rund zwei Stunden dauert das Programm mit Pferdedressuren, diversen Tierauftritten, Kraft-, Seil- und Luftakrobatik sowie Komikeinlagen und Auftritten von Clowns und einem Feuerschlucker. Als einziger Zirkus in Deutschland gebe es in seinem auch Nummern mit Papageien und Kakadus, erzählt Carl Brumbach stolz.

Seine Töchter Gillia und Nadine, 24 und 20 Jahre alt, üben gerade intensiv für neue akrobatische Einlagen, zum Teil in luftiger Höhe am Drahtseil. Ob sie nicht lieber ihr Nomaden-Dasein mit einem Normalleben mit einer Wohnung und festem Mittelpunkt tauschen wollen? "Für uns ist das so das normale Leben. Wir kennen es ja nicht anders und können uns auch gar nicht richtig vorstellen, wie es ist, immer nur am selben Ort zu wohnen."

Ihren Vater beschäftigen indessen ganz andere Gedanken, geht es doch ums Überleben seines Zirkuses. In diesem Sommer sei es bislang sehr schlecht gelaufen und die ständigen Wetterschwankungen mit heftigen Gewittern und langen Regenphasen hätten die Besucher, vor allem Familien, allzuoft ferngehalten. "Ich habe Angst, dass ich hier nicht mehr wegkomme", berichtet Carl Brumbach. Zwar habe er die Wiese an der Alkorstraße für die Zeit des Aufenthalts von einem Landwirt zur Verfügung gestellt bekommen und werde durch den Landkreisbauhof mit Strom versorgt. Aber im Moment reiche das Geld einfach nicht mehr, um Diesel zu kaufen und in den nächsten Spielort zu fahren.

"Sobald der Zirkus steht, stirbt er", besagt ein altes Sprichwort und jeder Zirkusmann versuche, dies zu verhindern und seiner Familie eine Zukunft zu bieten, so Carl Brumbach. "Aber ohne Publikum wird es verdammt schwer für uns."

Georg Reinthaler (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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