Zivildienst wird zum Kurzeinsatz

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Wasserburg - Die Verkürzung des Zivildienstes wirkt sich in vielen Fällen auf die Qualität der Betreuung aus. Die Stiftung Attl mit ihren im Schnitt 25 "Zivis" ist von der Änderung besonders hart betroffen.

Seit 1. Juli gilt nun das Gesetz zur Verkürzung der Zivildienstzeit von neun auf sechs Monate. Seine gänzliche Abschaffung wird gerade debattiert. Rund 40.000 Zivis sind deutschlandweit im Einsatz, 180 Millionen Euro sollen durch die Verkürzung eingespart werden. Doch wie sieht es in den Einrichtungen vor Ort aus?

"Nicht so schlimm", meint Peter Maurer, Pflegedirektor am Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee, wo im Schnitt drei Zivis tätig sind. "Da wir nicht unbedingt auf die Zivis angewiesen sind, betrifft uns dieses Problem nicht so stark. Wir haben nur eine kurze Einführungszeit von einer Woche, deshalb ist es grundsätzlich kein Problem, wenn die Zivis nur sechs Monate hier sind."

Ganz anders stellt sich die Lage in Attel dar. Die Stiftung Attl ist mit ihren insgesamt gut 1000 Betreuungsplätzen in den Bereichen Wohnen, Lernen, Arbeiten und Pflegen eine der größten Einrichtungen für behinderte Menschen in der Region. Zu den gut 850 Mitarbeitern zählen durchschnittlich auch um die 25 Zivildienstleistende. Sie helfen bei der Arbeit in den Wohngruppen, übernehmen Fahrdienste und unterstützen die Arbeitsgruppen in der Werkstätte. Alles in allem haben sie einen maßgeblichen Anteil an der umfassenden Betreuung der Behinderten.

Um für diese Aufgaben gewappnet zu sein, müssen die Zivis mindestens einen Monat lang auf Lehrgängen und anschließend vor Ort in die Grundlagen eingearbeitet werden. Hinzu kommen 13 Tage Urlaub sowie etwaige Krankentage. "Viel Zeit bleibt da nicht mehr übrig. In schwierigen Bereichen können wir die Zivis nicht mehr einsetzen", urteilt Martin Weidinger, Zivildienstbeauftragter der Stiftung. Ihre Dienste würden einfach wegfallen, denn Ersatzkräfte gibt es keine. Eine deutliche Verschlechterung der Betreuung wäre die Folge.

Dass der Zivildienst einmal komplett abgeschafft werden könnte, daran möchte Weidinger gar nicht erst denken: "Das wäre ein harter Einschnitt in unser Betreuungsangebot. Ich habe keine Ahnung, wie wir die Dienste, die bis jetzt von den Zivis übernommen wurden, dann abdecken sollen." Die Leidtragenden seien die Behinderten.

Auch für Theresia Meisl, Leiterin des Caritas-Altenheimes in Wasserburg, hat ein sechsmonatiger Zivildienst keinen großen Sinn mehr. Für den Einsatz der Zivis in Pflege und Betreuung ist eine einmonatige Schulung notwendig.

"Die Zivis bereichern das Heimleben sehr. Besonders unsere Bewohnerinnen freuen sich immer über Besuch von jungen Kerlen. Lukrativ sind die sechs Monate aber nicht mehr." Auch hier leisten die Zivis ein Zusatzangebot, das von den anderen Arbeitskräften nicht übernommen werden kann. Sind keine Zivis da, fallen diese Angebote weg.

Gertraud Vaas, Zivildienstbeauftragte des Betreuungszentrums Wasserburg, hat eine andere Lösung gefunden. Dort wird sich damit geholfen, dass die Zivis oft nach ihrem Dienst die Wartezeit bis zum Start ihres Studiums oder Folgeberufes auf geringfügiger Beschäftigungsbasis in der Einrichtung weiter arbeiten - eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht.

Franz Turzin, Leiter des Betreuungshofes Rothmoos, hat zum Großteil bereits auf das Freiwillige Soziale Jahr umgestellt (FSJ). "Von unseren vier Zivildienststellen ist seit etwa zwei Jahren sowieso nur eine einzige besetzt. Wir beschäftigen hauptsächliche FSJ'ler, deshalb ist die Gesetzesänderung für uns nicht so schlimm", erklärt Turzin.

Anton Hundmaier von der Stadtverwaltung sieht aber noch ein weiteres Problem an der Verkürzung: "Wir haben nur zwei Zivis, und damit kommen wir durch die sechsmonatige Dienstzeit in ein ungünstiges Zeitintervall. Das Ende eines Dienstes fällt meistens mitten ins Schuljahr. Zu dieser Zeit finden sich dann sicher keine Bewerber."

Johannes Mitterer/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser