Leben mit einer zerstörten Seele

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„Jetzt reden wir“: Peter K. hält den Entwurf für eine selbst gemachte Broschüre in den Händen. Sie soll auf das Leid ehemaliger Heimkinder aufmerksam machen.

Rosenheim - Jahrzehntelang haben sie verdrängt und geschwiegen. Jetzt erheben viele ehemalige Heimkinder ihre Stimme. Eines der Opfer ist Peter K. (50) aus Rosenheim.

Auch er ist in den 60ern und 70ern geschlagen, missbraucht und gedemütigt worden. „Und wir reden hier nicht über ein paar Ohrfeigen“, erzählt er mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen. Noch heute fällt ihm das Duschen schwer, weil er als Kind von einem Priester unter der Brause vergewaltigt wurde. Aber wer war der Täter? Und in welchem Heim ist es passiert? Peter K. würde viel geben, um dies zu erfahren.

„Die Berichte Betroffener aus der Praxis der Heimerziehung erschüttern“, sagt Stefan Rösler, Leiter einer Einrichtung in München, die es erst seit Januar 2012 gibt: die regionale Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern. Sie soll Betroffenen dabei helfen, sich Gehör zu verschaffen, wahrgenommen zu werden, an Akten zu kommen, ihre Geschwister zu finden, Entschädigungen, Trost und Anerkennung zu erhalten.

Bis 30. Juni haben sich schon über 300 Opfer in München gemeldet – darunter der bis heute schwer traumatisierte Peter K., der eine besonders traurige Geschichte zu erzählen hat. Wer seine Eltern sind, wie seine Geschwister heißen – das weiß der Hartz IV-Empfänger erst seit kurzem. Der Vater, Jahrgang 1931, muss ein Unmensch gewesen sein. Immer wieder vergriff er sich an seinen Kindern, kam deshalb für zehn Jahre ins Gefängnis – wegen schwerer Misshandlungen und sexuellen Missbrauchs. Die Mutter blieb alleinerziehend in Mannheim zurück, wo Peter K. geboren ist – mit sechs Kindern und hohen Schulden. Sie konnte die Miete nicht mehr bezahlen, stürzte in die Obdachlosigkeit. Das Jugendamt nahm ihr die verwahrlosten Buben und Mädchen weg. Sie wurden ins Heim gesteckt.

Laut Akte war es bei Peter K. mit fünf Jahren so weit. Aber der Mann, der seit 20 Jahren in Rosenheim lebt, ist sich sicher, dass seine qualvolle Odyssee schon früher begann. Mit drei oder vier Jahren, so vermutet er, kam er ins erste Heim – der Beginn eines Martyriums, das erst mit 21 Jahren, damals noch die Marke zur Volljährigkeit, endete. Immer wieder wurde er – so klagt Peter K. an – verdroschen, vergewaltigt, gequält, missbraucht, in dunkle Keller gesperrt, zur Zwangsarbeit verdammt. Der 50-Jährige zeigt auf einen münzgroßen dunklen Fleck am rechten Handrücken. „Eine Verbrennung“, sagt er, „da hat eine Nonne meine Hand gegen eine glutheiße Tonne gedrückt.“

Mehrmals ist er davongelaufen, lebte ein paar Tage auf der Straße, wurde von der Polizei wieder eingefangen. Die weiteren Stationen: U-Haft, Psychiatrie, dann das nächste Heim. Es gab kein Entrinnen. „Was aus den Berichten Betroffener immer wieder hervorsticht“, fasst die Anlaufstelle für Heimkinder in München zusammen, „ist ihr Ausgeliefertsein, ihre faktische Rechtlosigkeit.“ Für die vielen Menschenrechtsverletzungen, die sein Leben zerstört, ihn seelisch zugrunde gerichtet haben, sind in den Augen von Peter K. in erster Linie die Kirchen verantwortlich. Der 50-Jährige kennt noch nicht alle Stationen seines Heimlebens, aber die Mehrzahl der Einrichtungen – so viel weiß er schon – hat einen kirchlichen Träger. Um die zehn Institutionen dürften es gewesen sein, die meisten davon in Baden-Württemberg.

Dass die Kirchen „nur“ ein Drittel in den 120 Millionen Euro umfassenden Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder eingezahlt haben, kritisiert er wie viele andere Betroffene scharf. Der Entschädigungsfonds, der erst nach zähem Ringen zustande kam, geht ebenso wie die neuen Beratungsstellen für Ex-Heimkinder auf einen Bundestagsbeschluss vom Dezember 2008 zurück. Damals hatte das Parlament einstimmig die Einrichtung eines Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er- und 60er-Jahren“ (RTH) beschlossen – mit dem Ziel, ehemaligen Heimkindern die Chance zu eröffnen, die Geschehnisse aufzuarbeiten und Genugtuung zu erlangen. So wurde manche Mauer des Schweigens und des Vergessens eingerissen.

Die öffentliche Debatte veranlasste auch Peter K., Fragen zu stellen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Schritt in ein geregeltes Arbeitsleben ist ihm in den vergangenen 30 Jahren nie gelungen. Eine Ausbildung hat er im Heim nicht bekommen, und mit längeren Aufenthalten in der Psychiatrie lässt es sich bei Bewerbungsgesprächen nicht punkten. Darüber hinaus ist er körperlich und geistig so schwer angeschlagen, dass es der Rosenheimer möglicherweise auch nicht gepackt hätte, wenn er eine Chance bekommen hätte.

Ihm geht es nun auch darum, anderen Betroffenen zu helfen und sie darauf aufmerksam zu machen, dass beispielsweise die Antragsfrist für den Fonds 2014 ausläuft. „Sicher gibt es im Raum Rosenheim weitere Opfer“, sagt er. Gerne würde er sich mit ihnen austauschen, möglicherweise sogar eine Selbsthilfegruppe gründen (Kontakt über die OVB-Heimatzeitungen, Telefon 0 80 31 / 213 211, oder redaktion@ovb.net).

Für seinen Bruder Konrad (Namen geändert) kommt die Selbsthilfegruppe übrigens zu spät. Er hat sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Und auch die weiteren Brüder und Schwestern – Robert, Ulrich, Claudia und Cordula – haben nach Behördenangaben schwer mit ihrer Heim-Vergangenheit zu kämpfen, sind – wie er selbst auch – seelisch und körperlich krank, mit der Bewältigung ihrer Vergangenheit und mit dem Leben im Jetzt überfordert. Peter K. hat seine Brüder und Schwestern seit frühester Kindheit nicht mehr gesehen. Wo sie wohnen, weiß er (noch) nicht. Die Behörden dürfen es ihm aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sagen. Aber immerhin weiß er jetzt, dass es sie gibt.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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