Immer weniger bezahlbarer Wohnraum im Landkreis

Wohnen im Keller: "Das ist keine Lösung mehr"

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Die Doktorarbeit von Frank Walter Steinmeier
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Landkreis - Um bezahlbaren Wohnraum ging es auch im Kommunalwahlkampf. Welche Auswirkung ein Mangel haben kann, zeigt diese Geschichte aus der Region:

Seit nun über einem halben Jahr wohnt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern in einem Kellerraum. Ihre kleine Tochter und ihr Sohn teilen sich ein kleines Zimmer im Obergeschoss des Mietshauses. Nach der Trennung vom Vater wurde der Mietvertrag in der alten Wohnung gekündigt. Was zuerst als Übergangslösung gedacht war, ist für die Mutter nun Alltag, eine neue Unterkunft ist nicht in Sicht.

"Ich bin so froh, dass meine Mutter damals nach der Trennung für mich da war, wir wussten ja nicht, wo wir hin sollten", erklärt Sylvie im Gespräch mit rosenheim24. Und auch heute noch ist die Mutter dankbar für das Obdach, dass ihr "die Oma" bereitstellt. Die Alternative wäre eine Unterbringung im Heim. Doch soweit will es auch Sylvies Mutter nicht kommen lassen: "Lieber schränke ich mich selbst ein, bevor ich die drei ins Heim gehen lasse". Aus diesem Grund stellt "die Oma", wie sie auch von ihrer Tochter genannt wird, ihren Liebsten ein Zimmer in ihrer eigenen, kleinen Wohnung zur Verfügung, damit ihre beiden Enkel einen Platz zum Schlafen und zum Spielen haben. Für Sylvies Bett ist in der Dachgeschosswohnung jedoch kein Platz. "Ich habe mein Zimmer im Keller, mein Rückzugsgebiet", lacht die junge Mutter, mit einem deutlich sarkastischen Unterton. Die ganze Zeit mit der Oma der Kinder auf so engem Raum zu leben, sei jedoch  "Fluch und Segen zugleich". "Manchmal geraten wir ganz schön aneinander", berichtet Sylvie, die sich mittlerweile auch schon Gedanken über ihre eigene Gesundheit und die ihrer Mutter macht.

Knapp 460 Euro für die Kaltmiete stehen der alleinerziehenden Mutter mit den beiden Kindern von Seiten des Jobcenters zur Wohnungssuche zur Verfügung. Ein schwieriges Unterfangen im Landkreis Rosenheim, zu diesem Preis eine passende Unterkunft zu finden, wie auch der Geschäftsführer der Arbeitsagentur Rosenheim Land, Franz Heuberger, bestätigt: "Ein zentrales Problem ist die Höhe der Mieten im Landkreis". Alle zwei bis drei Jahre werde der aktuelle Mietspiegel angepasst. Aktuell arbeiteten die Mitarbeiter des Landratsamts wieder an einer Aktualisierung dieses Konzepts, so Heuberger.

Grundsätzlich sei für die Unterbringung der sogenannten Bedarfsgemeinschaften die jeweilige Wohnortgemeinde zuständig, was die Gemeinden im Landkreis monatlich mit ca. 900.000 Euro belasten würde, erklärt der Geschäftsführer der Arbeitsagentur Heuberger. 2 .600 dieser Bedarfsgemeinschaften gäbe es im Landkreis, davon alleine 800 alleinerziehende Mütter. Was bei dieser Sache erschwerend hinzu komme, sei die Tatsache, dass der Landkreis keine gemeinnützige Wohnbaugesellschaft betreibe, wie sie in der Stadt Rosenheim mit der GWRS ja vorhanden sei. Deshalb gäbe es einfach keine Wohnungen, die in solchen Fällen zentral vermittelt werden könnten, so Heuberger. Darüber hinaus werden die Gemeinden aktuell mit der gestiegenen Anzahl an Migranten ohnehin schon stark belastet, wenn es an die Vermittlung von Wohngelegenheiten gehe. Das Jobcenter wolle der Mutter jedoch in diesem Einzelfall unter die Arme greifen. "Man kann da schon bissl was machen, 10-15% können wir mit den Zahlungen für die Miete schon nach oben gehen", erklärt Franz Heuberger. Auch die Kostenübernahme eines Maklers können in einem solchen Fall in Betracht gezogen werden.

Eine eigene, gemütliche Wohnung mit zwei Zimmern und um die 70 qm wäre für Sylvie schon genug. "Man kann sich dann schon mit den Kinder arrangieren, einen Raumteiler einbauen oder irgendwelche Ablagesysteme verwenden", weiß die Mutter. Doch soweit kommt es in ihrem Fall meistens gar nicht. Oft werde sie bereits am Telefon abgespeist, sobald die potentiellen Vermieter erfragen, dass sie alleinerziehend ist und Geld vom Jobcenter gekommt. "'Die Wohnung ist zu klein, die ist nichts für Sie', sowas bekomme ich ständig zu hören," erzählt Sylvie, "und da haben die mich noch nicht einmal gesehen oder drei Sätze mit mir geredet." Wenn es dann einmal soweit kommt, dass sie persönlich zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen wird, scheitere es an einer anderen Tatsache. "Ich muss mich regelrecht verkleiden, damit die Leute meine Tattoos und Piercings nicht sehen können", meint Sylvie, die sich selbst als bunten Vogel bezeichnet. "Leider haben viele Menschen einfach noch immer große Vorurteile; alles was ich will, ist eine Chance, mich zu beweisen". Über 70 Wohnungen im gesamten Inntal, in Kolbermoor und Bad Aibling hat die junge Mutter schon angefragt, überall hat sie eine Absage erhalten. Ab September geht auch ihre kleine Tochter zumindest halbtags in den Kindergarten. Ab dann will Sylvie zuerst den Führerschein machen und danach eine Weiterbildung zur Einzelhandelskauffrau im Mode-Bereich. Vorrausgesetzt sie hat bis dahin endlich eine eigene Wohnung gefunden.      

Quelle: rosenheim24.de

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